An die Vorhergehende

[114] Versteht ihr auch, ihr sanften Hände,

Warum euch mein Verlangen drückt?

Die Freyheit, merck ich, geht zum Ende

Und wird mir mit Gewalt entrückt;

Ich such und denck euch zu bewegen,

Mir stärckre Feßel anzulegen.


Ach, fragt nur eurer Schönen Herze,

Von dem ihr Blut und Feuer kriegt;

Es weis vielleicht von diesem Schmerze,

Den mir ihr Auge zugefügt,

Ihr Auge, deßen Glut und Lachen

Mir größre Pein als Hofnung machen.


Und hätt ich auch noch sonst zu hofen,

So wehrt es mir die kurze Zeit,

Es steht kein Weg zum Umgang ofen;

Komm, seelige Gelegenheit,

Und schaffe, daß ich zeigen könne,

Wie zart und rein mein Herze brenne.


Ich weis, die artige Rosette

Erklärte sich vor meine Treu,

Wofern sie erst geprüfet hätte,

Wie gleich ihr mein Gemüthe sey,

Und wenn sie aus Erfahrung wüste,

Was manch Verliebter dulden müste.


Ich bin mit mancher umgegangen,

Die noch wohl liebenswürdig wär,

Bis jezo blieb ich ungefangen;

Du, schönes Kind, kommst ohngefehr

Und rührst mich gleich zum ersten Mahle

Auch nur mit einem holden Strahle.
[115]

Die kurze Lust der Abendstunde

Vermehrte diese Leidenschaft,

Da nahm ein Kuß von schönem Munde

Das Herze völlig in Verhaft;

Es hies zwar nur im Scherz und Spielen,

Allein ich kan es anders fühlen.


Dein Bildnüß kam darauf im Schlummer

Dem träumenden Gedächtnüß ein,

Mich deucht, ich klagte dir den Kummer,

Du schienest nicht erzürnt zu seyn;

Da gab mir der verhaste Morgen

Vor falsche Wollust wahre Sorgen.


Dies alles ist wohl nicht vergebens,

Der Himmel paart oft wunderlich;

Zum Troste des betrübten Lebens

Begehrt ich sonst kein Kind als dich;

Die Liebe könte Mittel zeigen

Und heute – doch ich muß nur schweigen.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 114-116.
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