[Ich schlafe zwar, ihr werthen Brüder]

[301] Ich schlafe zwar, ihr werthen Brüder,

Ich schlafe zwar, so denckt ihr noch;

Ihr haltet meine schlechten Lieder

Vor ein vor mich gezwungnes Joch.

Doch aber sollt ihr dieses wißen:

Ich handle nicht mit Joabs Küßen.


Ich glaube so, so wie ich's meine,

Ein andrer glaube, wie er will.

Die Kirschen sind zwar etwas kleine,

Doch jede Frucht wächst in der Still;

Und hält man sie vor Stachelbeeren,

Was thut's? Man mag sie auch verzehren.


Das weis ich, daß mein treu Gemüthe

Dem Pöbel ein Gelächter macht;

Ich weis auch, daß des Himmels Güte

So gut vor mich als alle wacht,

Und darum wird mir mein Gewißen

Auch wider Narren zeugen müßen.


Die Welt ist jezo voller Narren,

Und darum bin ich einer mit,

Und der hat wohl den grösten Sparren,

Der aus gemeinem Gleise tritt;

Indeßen wird der Schluß nicht triegen,

Daß mancher auch kan wacker lügen.


Man leugt bisweilen nach der Mode,

Und nach der Mode lüg auch ich;

Ein jeder schwimmt im Narrensode,

Ihr Narren, was verdenckt ihr mich?

Ihr Narren lügt, so will ich lügen,

Bis daß wir alle Kappen kriegen.
[302]

Die Kappe, die ich jezo trage,

Steht mir wie Eulenspiegeln an,

Doch dies ist die gewiße Plage,

Daß ich sie nicht vertragen kan;

Sonst würden auf den Pfafenmüzen

Die Schellen warlich beßer sizen.


Was wollt ihr mehr? Der Streusand rüselt,

Und ob gleich bey dergleichen Art

Ein toller Schedel altklug grüselt,

So bin ich doch wie er verwahrt,

Weil, wenn mich stumme Würmer reißen,

Auch ihn die stummen Würmer beißen.


Die stummen Würmer beißen alle;

Der Klügste scheint, wer sie verhält;

Und wem die Frucht von Adams Falle

Noch jezo den Geschmack vergällt,

Der wird vorwahr am besten schließen,

Wenn ihn die Stiche nicht verdrießen.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 301-303.
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