Auf der Reise nach Jauer

[303] Bruder, komm und las uns wandern,

Habe Leid und Lust gemein;

Kommt ein Wetter nach dem andern,

Hilf mir doch beständig seyn.

Der Verdruß vergangner Tage

Zeigt viel süß' Erinnerung;

Wir erdulden schwere Plage,

Aber wir sind auch noch jung.


Gleiche Brüder, gleiche Kappen,

Einerley Gefahr und Muth!

Sollt uns auch der Feind ertappen,

Kämpfen wir vor Ruhm und Blut.

Wir sind allzeit freye Leute;

Ob uns gleich die Armuth drückt,

Werden wir doch immer heute

Durch geschwinden Trost erquickt.


Jene, so in großen Städten

Unter Sammt und Seide gehn,

Müßen, wenn sie Pflaster treten,

Voller Furcht und Sorgen stehn;

Ihrer Ämter Schein und Würde

Ist ein Mantel der Gefahr,

Und sie werden bey der Bürde

Ihres Lebens kaum gewahr.


Sag es, Bruder, unverholen,

Sind wir nicht weit beßer dran?

Unser Schaden sind nur Sohlen,

Die man leicht ersezen kan;

Nichts verwirrt uns die Gemüther,

Niemand zwingt uns an das Joch;

Raubt man uns so Ehr als Güter,

Bleibet unsre Hofnung doch.
[304]

Bey dem lustigen Erzehlen

Wird uns keine Meile lang;

Wenn die Federn manchen quälen,

Ruhn wir auf der härtsten Banck.

Wir durchgehn die meisten Stände,

Sehn gemeiner Thorheit zu,

Lachen heimlich in die Hände

Und befördern unsre Ruh.


Hat die Vorsicht ein Erbarmen,

Sieht sie Treu und Weißheit an,

O so ist es mit uns Armen

Noch zur Zeit nicht gar gethan.

Großmuth macht den Neid zu Schanden,

Naht sich doch wohl schon die Zeit,

Da uns, was wir ausgestanden,

Ungemeine Lust verleiht.


Bruder, fort, es geht nach Jauer,

Bruder, fort, und las uns gehn;

Wird uns Weg und Wetter sauer,

Soll es doch bald anders stehn.

Fort, ich höre schon die Lieder

Auf den nechsten Freudenschmaus!

Mertschüz sehn wir wohl nicht wieder;

Freund, wo geht der Weg hinaus?

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 303-305.
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