Studentenlied

[286] Müdes Herz,

Las den Schmerz

Mit dem Athem fahren!

Lebstu doch

Jezo noch

In den besten Jahren.

Thoren dencken vor der Zeit

An die Nacht der Eitelkeit;

Gnug, wenn uns das Alter zwingt

Und den Kummer mit sich bringt.


Alle Noth,

Die uns droht,

Kommt von eignem Wahne;

Daß das Weh

Bald vergeh,

Bohrt man nicht im Zahne.

Unser mürrischer Verdruß

Ist wie ein gesalzner Fluß,

Der, je mehr man Thränen reizt,

Wang und Auge schärfer beizt.


Brüder, wir

Sind jezt hier,

Und wer weis wie lange?

Jeder Schritt

Ist ein Tritt

Zu dem lezten Gange.

Nehmt die Wollust zum Voraus

Und besucht das Freudenhaus,

Eh ein ungewißer Tag

Uns der Baare liefern mag.
[287]

Glaubt doch nur,

Epicur

Macht die klügsten Weisen;

Die Vernunft

Seiner Zunft

Sprengt die Foltereisen,

Die der Aberglaube stählt,

Wenn er schlechte Seelen quält

Und des Pöbels blöden Geist

In die Nacht des Irrthums reißt.


Diese Nacht

Giebt uns Macht,

Franck und frey zu leben.

Jeder Stern

Sieht es gern,

Daß wir Feuer geben;

Unsre Büchsen sind zwar Thon,

Aber sie verjagen schon

Aller Grillen starckes Heer,

Wenn es noch so heftig wär.


Nehmt doch wahr,

Wie sogar

Todte Kräuter lehren!

Last uns noch,

Last uns doch

Ihre Warnung hören!

So verfliegt der sachte Rauch,

So verfliegt das Leben auch,

Und die Asche mahlet hier

Unsers Leichnahms Bildnüß für.


Nun wohlan,

Nehmt doch an!

Hier ist Engelländer,

Deßen Dampf[288]

Trozt den Kampf

Aller Tobacksschänder.

Kostet auch den Wurzner Saft!

Gerstenblut macht Brüderschaft;

Treu und ofenherzig seyn

Flöst mit diesen Strömen ein!


Dieser Schlung,

Dieser Trunck

Geht auf das Vergnügen

Derer, die

Schoos und Knie

Fein gemächlich fügen.

Fort, ihr Brüder, trinckt und schreyt,

Weil ihr noch in Leipzig seyd

Und man in der schönen Stadt

Doch kein ewig Leben hat.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Leipzig 1930, S. 286-289.
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