[Die Ehrfurcht spricht mich los, mein König und mein Held]

[182] [182] Unterthänigste Lobschrift auf ihro königlichen Majestät in Polen und Churfürstl. Durchl. von Sachsen, Herrn Friedrichs Augusti, unvergleichliche Thaten.


Die Ehrfurcht spricht mich los, mein König und mein Held,

Wofern mein schwacher Vers auf jede Silbe fällt

Und, da dein Antliz mir sein himmlisch Feuer zeiget,

Mein ungeübter Mund aus blöder Demuth schweiget

Und, was er sagt, kaum weis. Es ist zwar längst bekand,

Wie gern dein Heldenmuth und gnädiger Verstand

Die Einfalt leiden mag, nachdem die Sanftmuthsgaben

Dich, eh du Cronen trugst, bereits gecrönet haben.

Dies weis die Welt wie ich, und gleichwohl schlug jüngsthin

Der Strahl der Majestät den ungewohnten Sinn;

Denn als mein Pegasus vier Schulen machen sollte,

So stund der lahme Gaul, als wenn er taumeln wollte.

Herr, würckt dein naher Blick auch da schon gar zu scharf,

Wo niemand deßen Bliz und Rache fürchten darf,

Was muß er dort nicht thun, wo Feind aus Schröcken laufen

Und wo dein Eifer spricht: Da liegen sie bey Haufen?

Vergangen ist vorbey, mein König kan verzeihn.

Lauft, Dichter, lauft und rennt, neun Musen anzuschreyn!

Bey Fabeln ist kein Trost, mein Kiel nimmt Friedrichs Güte

Zur Göttin seiner Kunst und fühlt schon in Gemüthe

Den Einfluß ihrer Kraft. Drum geh ich grade zu,

So wie man Gott ersucht, nach deßen Beyspiel du,

O Herr, dein Reich bestellst. Die Großmuth ist bescheiden

Und weis wie du, o Held, den Misbrauch nicht zu leiden,

Daß jeder, der das Ohr mit falschen Saythen quält,

Dir, was du bist und thust, aus Eigennuz erzehlt,

Die Wort auf Stelzen sezt, aus Hochmuth dunckel schreibet

Und dein so helles Lob in Nacht und Nebel treibet.

So schwer man sich vor sich, mein König, hüten kan,

So wenig ficht mich noch dergleichen Schwachheit an.

Ich reime, wie es fliest, erkenne meine Blöße[183]

Und seh sie nirgends mehr als jezt an deiner Größe,

Die, was sie scheint, auch ist. Ich säße gern in Ruh

Und schwiege länger still; die Warheit lästs nicht zu,

Die Warheit, so allein mein redlich Herz regieret

Und jezo mit Gewalt zu deinem Throne führet.

Wie manchmahl zürn ich nicht mit unsrer armen Zeit,

Die jezt fast gar nicht mehr der Nachwelt Urtheil scheut

Und, Herr, vor deinen Ruhm, der doch wie Adler steiget,

Noch keinen Maro weckt und wenig Beßer zeuget.

An Stümpern fehlt es nicht; kein Nord kan so viel schneyn,

Kein Sperlingsheer so starck um Erndt und Garben seyn

Und kein noch junger Arzt so viel gen Himmel jagen,

Als Leute solcher Art sich vor dein Antliz wagen.

Der stopft ein Madrigal mit Spruch und Zifern voll

Und prophezeit, wie hoch dein Leben steigen soll,

Als legte, blinder Wahn, die Vorsicht der Gestirne

Den Schlüßel ihres Raths den Narren ins Gehirne.

Dort kreißt ein schwacher Berg; was bringt er? Eine Maus.

Er beißt die Nägel wund, versezt, flickt ein, stößt aus

Und macht mit seiner Müh die Titul hoher Nahmen

Als Anagrammatist zu Krüpeln und zu Lahmen.

Der Dritte will recht hoch und macht das Anfangswort:

Held, aller Helden Held! und kan nicht weiter fort.

Der Vierte trägt ein Buch von schönen Sinnebildern,

Von Wercken der Natur, von Perlen, Baum und Schildern

Und fremder Seltenheit; dies ist sein Schaz und Trost,

Und daraus klaubt sein Reim, ist Phoebus gleich erbost,

Viel Blatvoll Kunst und Schmuck und bringt die theure Wahre

Dem Fürsten, der ihm giebt, zum lieben neuen Jahre.

Sieh, Herr, wie wenig ich den Thoren schencken kan,

Ich greife sie sogar vor deinen Augen an,

Nicht etwan, weil sie dir so gern gefallen wollen,

Nein, darum, daß sie sich nur schlecht erklären sollen.

Denn Hoheit braucht nicht Glanz, und Schmincke giebt Verdacht.

Was ziert ein Conterfey? Der Farben Meng und Pracht?

O nein, die Ähnligkeit muß Bildern Werth und Leben[184]

Wie Einfalt der Natur die gröste Schönheit geben.

Kein Argwohn findet auch bey meiner Muse Statt,

Weil, Herr, dein Ruhm schon längst den Neid zum Zeugen hat,

Ich aber allemahl, so viel ich red und schreibe,

So eigensinnig bin und bey der Warheit bleibe.

Erweg ich, wie dein Geist die Weisen selbst beschämt,

Dem Himmel und der Zeit sich überall bequemt,

So manchem Simei das Maul mit Wohlthun bindet,

Dem Frevel Galgen baut, der Tugend Kränze windet,

Geseze giebt und hält, der List das Ziel verrückt,

Feld, Thron und Cabinet mit gleicher Würde schmückt

Und dadurch, daß er stets so Recht als Warheit liebet,

Den kräftigsten Beweis des hohen Ursprungs giebet,

So nenn ich, seh ich dies, den sonst getheilten Ruhm

Der Großen vieler Zeit dein ganzes Eigenthum

Und fühl ich weis nicht was vor unverhoften Zunder,

Durch Lieder hoher Kunst und Meldung deiner Wunder

Mich, der ich liegen muß, aus Staub und Nacht zu ziehn.

Allein der Vorsaz bleibt bey Wollen und Bemühn.

Ich sinn und sinn auch nur und kan mit allem Dencken

Nicht ein geschicktes Wort in nette Reime schräncken.

Dies sag ich darum nicht, als ob mein Kasten leer

Und meine Poesie nicht auch so glücklich wär,

Bald aus dem Stegereif und ohn ein Bein zu strecken

Zwey Bogen voller Nichts mit Jauchzen auszuhecken.

Dies kan Lucil, ich auch; allein ich seh und weis,

Wie viel Verstand und Zeit und Kunst und Geist und Fleiß

Ein gründlich Werck begehrt, das Kluge lüstern machen,

Des Purpurs würdig seyn, der Richter Neid verlachen

Und ewig dauren soll. Herr, macht doch blos dein Arm

Der Feder ja so sehr als er den Feinden warm,

So bald sie melden will, mit was vor strenger Hize

Sein angereizter Stahl durch Dampf und Feuer blize!

Dies weis Sarmatien; hier würgen Bley und Knall,

Dort Einbruch und Geschrey; der König überall

Und jederzeit voraus. Befahl die Noth zu weichen,[185]

So wich und trug dein Volck die schönsten Siegeszeichen

Mit von der Wahlstatt weg, weil du als deßen Herz

Des Glückes blinden Haß und ungerechten Scherz

Mit Großmuth und Verstand beherzt zurückeschlugest

Und mehr Gewinn und Ruhm als alle Sieger trugest.

Wo aber auch dein Schwerd als Überwinder fraß,

Da schoßen Glieder hin, da biß ein Heer ins Graß,

Da war August ein Löw, der vor Begierde rauchet,

Die angeerbte Kraft mit Ernst und Nachdruck brauchet,

Zahn, Mähn und Klauen wirft und, wenn der Feind nun liegt,

Den Zorn in Großmuth kühlt; genung! er hat gesiegt

Und hält es sich vor Schimpf, an Todten oder Schwachen

Die Größe des Triumphs durch Rasen klein zu machen.

Dein Volck bekommt, o Held, von dir allein den Muth,

Und wo dein Wort und Schlag den ersten Angrif thut,

Da schiest es als ein Strom von Bergen, Klipp- und Hügeln,

Den Schnee, zerschmolznes Eiß und Nebenbäche flügeln

Und der, wohin sein Fall die wilden Fluthen schmeist,

Aufs allerschleunigste Fels, Holz und Damm durchreißt

Und, wenn ihn ohngefehr ein enges Ufer hemmet,

Feld, Gärthe, Wiesen, Wald und Heerden überschwemmet.

Wie manch beherzter Sprung macht oft Gefahr zur Lust,

So bald du in der Schlacht dein Roß vertauschen must!

Jezt sinckt es unter dir mit Ruhm und Ehrgeiz nieder,

Jezt steht ein frisches da, jezt siegt der Held schon wieder,

Jezt stürzt, jezt liegt auch schon ein stolz- und neuer Feind,

Der solchen Zufall sieht und dich zu trefen meint

Und, da er über dir den schnellen Degen führet,

Streich, Hofnung, Arm und Geist von einer Faust verlieret.

O Held, was hastu dir vor Lorbeern ausgesät

Dort, wo der Weichselstrom das Blut im Würbel dreht,

Und was vor Geist und Muth und was vor wahre Tugend

Verklärte nicht bereits den Morgen deiner Jugend!

Es werden, wo nach uns ein Dichter Lob gewinnt,

Die Völcker später Zeit, so noch nicht Menschen sind

Und derer Ahnen noch in ihren Ahnen liegen,[186]

Sich mit Verwunderung vor deinem Nahmen biegen

Und, weil doch insgemein der Eckel neuer Welt

Geschichte langer Zeit vor halbe Fabeln hält,

Dich und den Hercules, so wie auch schon viel Alten

Den Noah und Osir, vor einen Halbgott halten.

Dergleichen Lorbeerstrauß ist endlich noch gemein;

Ein Held muß stets ein Held auch sonder Blutdurst seyn.

Kein Jahrbuch ist so arm, kein Land so eng und wüste,

Dem nicht zum wenigsten ein Hector dienen müste;

Hingegen so ein Fürst, den Ruhm und Eintracht hebt,

Verdient nicht minder Lob und wird nicht stets erlebt.

Rom war schon ziemlich alt und hat auf manchen Wagen

Auch manchen Scipio ins Capitol getragen,

Eh noch ein Titus kam, der Krieg und Stahl verwies,

Der Völcker Lieb und Lust, des Landes Vater hies

Und so berühmt entschlief, als wenn das Ehrenbette

Ihm unter Mord und Grimm den Geist entrißen hätte.

Auch hier behält August in unsrer Zeit den Rang.

Mein König, seh ich dich auf dieser Ehrenbanck,

So seh und hör ich gleich, wie weit du dich im Frieden

Von andern Königen an Hoheit unterschieden.

Die Liebe vor dein Volck geht allen Sorgen vor,

Dein Aug und deßen Schuz ist unser Wall und Thor.

Du kennst dein Land wie dich, bist selbst sein reichster Seegen

Und schonst dich, schonstu ja, nur unsrer Wohlfahrt wegen.

Die Hände, so dein Reich mit an das Ruder zieht,

Sind Häupter, derer Blick so vor- als rückwärts sieht.

Du wehlst sie nach Verdienst, sie rathen ohne Schmeicheln

Und dürfen dir mit nichts aus Furcht und Vortheil heucheln.

Auch die, so Muth und Lust dem Mars zu Dienste weiht,

Sind nicht ein fauler Staat gezwungner Tapferkeit,

Die blos das Aug ergözt und nur mit Wafen spielet;

Das Feld hat ihren Schweiß, der Feind ihr Heft gefühlet

Und Lager, Hiz und Frost ihr Herze fest gemacht.

Da ist wohl kein Soldat, den, wenn die Losung kracht,

Nicht gleich die Ehrsucht reizt und den nicht Furcht und Liebe,[187]

Wohin sein Herr nur winckt, durch Fluth und Flammen triebe.

Gerechtigkeit und Huld muß, soll ein Reich bestehn,

So wie auch Straf und Lohn in gleicher Waage gehn

Und wie bey dir, o Herr, die Oberherrschaft theilen.

Wen sieht man unvergnügt von deinem Antliz eilen?

Welch Armer, milder Herr, beklagt dein Regiment?

Wer ist wohl, der dir nicht des Nestors Jahre gönnt,

Und welcher Wittwen Ach erstickt dein Glück in Thränen?

Du hörest freylich nicht, wie vieler Wuntsch und Sehnen

Dich in Person erhöht; doch schwör ich bey der Hand,

Die deiner Würdigkeit die Crone zugewand,

Daß so viel tausend seyn, die unter Stroh und Hütten

Vor dein gesalbtes Haupt in mancher Mundart bitten.

Dein Sachsen, das du, Herr, bey langer Kriegeslast

So klug und wunderlich in Ruh erhalten hast,

Muß, soll des Himmels Zorn den Undanck nicht verbrennen,

Des Höchsten Gütigkeit in deiner Brust erkennen.

Du strafst und beßerst mehr durch Gnad als Schärf und Schwerd,

Und wen sonst weder Strick noch Brand noch Furcht bekehrt,

Den hat, weil Sanftmuth oft mehr als die Folter kräncket,

Der Strafen Milderung auf beßern Sinn gelencket.

Doch reißt die Boßheit ein, so zeigstu gleichfalls an,

Wie klug, wie väterlich ein König zürnen kan,

Und brauchest die von Gott dir anvertraute Rache,

Damit die Langmuth nicht die Sünden fruchtbahr mache.

Wie manch erstarrtes Blut, wie manch verwöhnter Mord

Verklärt dein Purpurtuch, seitdem dein hohes Wort

Und ernstlicher Befehl des Zweykampfs Misbrauch zähmet

Und solcher Grausamkeit die wilden Hände lähmet!

Das Werck ist königlich; die Thorheit war gemein

Und lies wie Lernens Thier fast niemand sicher seyn.

Hier kam in langer Zeit kein Hercules zum Kämpfen,

Augustus kam und sah und wust es bald zu dämpfen.

Die Unschuld, wie man sagt, nahm bald darauf ein Kleid

Und gab es ungesäumt der heitern Ewigkeit[188]

Und sagte: Schwester, nimm; hier bey den Sternenkränzen

Soll meines Sohnes Bild vor allen Schilden glänzen.

Herr, geh ich weiter fort, so les ich da und hier,

Wie groß und hoch du bist, sogar auch außer dir.

Da spiegelt sich dein Ruhm in todten Creaturen,

Und wo man hört und sieht, da sieht und hört man Spuren

Von Friedrichs Majestät. Venedigs Pracht und Stand

Ward dort vom Sannazar der Götter Werck genand,

Und zwar nicht sonder Grund. Ich weis nicht, ob ich fehlte,

Wofern ich Dresdens Werth ihm an die Seite zehlte;

Dies aber weis ich wohl, daß diese große Stadt,

So viel sie von sich selbst von Würd und Ansehn hat,

Kein höher Vorzugsrecht vor ihres gleichen führet,

Als daß sie jezt August und deßen Hofstatt zieret.

Die Elbe, so doch sonst den Zwang der Freyheit hast,

Erduldet hier mit Lust der schweren Brücke Last,

Die jezt dem tapfern Herrn an Größ und Stärcke gleichet

Und wie sein Heldenmuth vor keinen Stürmen weichet.

Dies alt- und theure Werck, das über tausend geht,

Erwarthet weiter nichts zu seiner Majestät,

Als daß ihm Friedrichs Bild und deßen Ehrensäule

In Marmor oder Erz den lezten Glanz ertheile.

Das Auge wird entzückt, wohin es sich auch lenckt,

Und da sein Vorwiz hier den Wall zu schäzen denckt,

So blendet ihm schon dort der Zwinger das Gesichte:

Wie, macht es denn der Tag um diese Gegend lichte?

Wie, oder greift wohl gar der Dächer göldner Schein

Dem Lichte dieser Welt in Amt und Klarheit ein?

Dies ist gar viel gesagt, jedoch so weit zu glauben,

Daß Ampeln und Metall der Nacht viel Stärcke rauben.

Die Meng ermüdet fast die Saythen und den Kiel.

Es streiten Kunst und Werth; der Grotten Muschelspiel

Beschämet die Natur durch ihre Seidenhände,

Das Waßer hat Vernunft und dringt durch Luft und Wände,

Wohin die Kunst befiehlt. Es leben Stein und Holz

In todter Schilderey; der Marmor macht sich stolz,

Nur, wo ichs sagen darf, des Königs Tritt zu fühlen.[189]

Aurora scheinet selbst mit solcher Pracht zu spielen

Und steigt daher gar oft noch halb so früh empor.

Jedoch so früh sie kommt, so kommt mein Held zuvor

Und übereilt ihr Licht bey annoch dunckelm Morgen

Durch kluge Wachsamkeit und wachsthumvolle Sorgen.

O sollte doch nur jezt ein Römer auferstehn,

O sollt er doch nur hier um Thor und Vestung gehn,

Es überlief ihn gleich bey Schanzen, Stück und Mauer

Ein Schweiß der Tapferkeit und ehrerbietig Schauer;

Und käm er in die Stadt und nähm er da in Acht,

Was dort dein großes Fest vor Zubereitung macht,

So schlöß er ganz gewis aus so viel Ehrenbogen,

Es kämen bald Adon und Venus eingezogen.

Ja, säh er dich, o Held, bey Dämmerung und Thau

Zu Pferde voller Schweiß auf jener Österau

Als Feldherr und Soldat sich um die Glieder schwencken

Und Wafen, Roß und Mann mit Hand und Zuruf lencken,

Er eilte blindlings zu und trät auch in die Reih

Und glaubte, daß er noch in Cäsars Lager sey;

Und würd er auch gewahr, wie schön er sich betrogen,

So hätt ihn nur sein Sinn und nicht dein Geist belogen.

O Sachsen, fürchte nicht den Abfall guter Zeit!

Jezt gründet Friedrichs Arm das Reich durch Krieg und Streit

Und thut, was David that; und muß er mit den Jahren,

Der Himmel gebe spät, zu seinen Vätern fahren,

So nimmt sein großer Prinz, der andre Salomo,

Das Erbtheil und den Stuhl, die Vorsicht lehrt es so.

Da wird die göldne Zeit sich plözlich wieder finden,

Da wird die Ewigkeit die Macht der Laster binden,

Da werden Wolf und Schaaf in einer Heerde ruhn,

Da wird kein feindlich Schwerd der Sichel Eingrif thun,

Da wird dein Churkreiß erst das Paradies der Erden,

Durch Wittekindens Blut des Nachbars Kornhaus werden.

Verherrlichter August, wie weit verlier ich mich!

Je mehr ich sagen will, je stärcker breiten sich

Die Strahlen deines Ruhms, o allzeit großer König![190]

Viel rühmen viel von dir, und alles ist noch wenig.

Thu, was du denckst und wilst, ficht, scherze, gieb, befiehl,

Nimm Masquen bey der Lust, halt Renn- und Ritterspiel,

Verkleide dich zur Jagd, begieb dich auf die Wellen,

Der Sturm kennt Cäsars Geist, du kanst dich nicht verstellen,

Der König blizt hervor. Mund, Antliz und Person

Fällt allen Mahlern schwer, und dies beweist uns schon,

Es habe die Natur, die nichts umsonst vollendet,

Die beste Zeugungskraft an deiner Brust verschwendet

Und, als sie deinen Leib so starck und schön gebaut,

Des Überflußes Bild zum Muster angeschaut,

Daß, wenn sich nun dein Geist zur Eitelkeit bequemte,

Kein Haus gemeiner Art den hohen Geist beschämte.

Indem nun, großer Held, dein Wachen und dein Schwerd

Den Zeitregistern Glanz, den Völckern Ruh gewährt,

Da Hoch- und Niedrige sich unter dir ergözen,

Pracht, Seegen, Lust und Schuz das Land in Freyheit sezen,

Da Künstler aller Welt geehrt vom Hofe gehn,

Musick und Mahlerkunst in hohen Gnaden stehn,

Da, sag ich, auch sogar dein Reich den Bettlern nüzet

Und Aufsehn und Verboth das schlechte Wild beschüzet,

Ach, warum klagt allein die arme Poesie?

Sie kommt, sie fällt und fast dein väterliches Knie

Und weint dich freundlich an und sucht in deinen Armen

Und sucht und hoft es auch, ein königlich Erbarmen.

Sie irrt verwaist herum, kommt nirgends an und ein

Und muß in deutscher Luft des Glückes Schauspiel seyn.

Man drückt sie in der Stadt, man spottet ihr bey Hofe

Und nennt sie nur aus Scherz die abgedanckte Zofe.

Dergleichen harter Schimpf geht ihrem Adel nah,

Worauf doch Rom, Athen und Franckreichs Ludwig sah.

Herr, hilf ihr auch bey uns und mehre deine Tittel;

Ein König und ein Held hat viel Erlösungsmittel.

Der Himmel hat vielleicht ihr Glück auf dich gespart,

Damit, weil sonst kein Haupt des Ruhms gewürdigt ward,

Dein Werth und deine Macht sich aus der Hülf erwiese

Und die so große Noth des Heilands Größe priese.[191]

Wir Deutschen leyern noch, und hat gleich mancher Schwan

Sich etwan hier und dar mit Müh hervorgethan,

So heists doch wohl nichts mehr als etwas angefangen.

Was macht es? Kein August bestätigt ihr Verlangen.

Ich weis wohl, was der Neid von unserm Singen spricht:

Die Dichter wären blos zur Faulheit abgericht,

Ihr Fleiß bestünd in nichts als unverschämten Reimen,

Er hülfe keinem Staat, vergliche sich den Bäumen,

Die sonder Früchte blühn. Allein der Einwurf gilt

Nur denen, die Apoll vor Meistersänger schilt,

Nicht denen, die Natur und Glut und Warheit treiben,

Der Misgunst und der Zeit Geseze vorzuschreiben.

Der Väter Sieg und Ruhm erweckt der Enckel Muth.

Was Alexander schon bey früher Jugend thut,

Sieht Cäsar erst in Erz und weint und brennt und eilet,

Bis daß auch er mit ihm Gefahr und Beute theilet

Und gleichen Nachruf holt. Nun aber kan wohl Stein

Und Stahl und Erz und Bley nicht unverzehrlich seyn;

Denn Regen, Rost und Moos verlöschen hier die Schriften,

Womit wir auf Papier ein fester Denckmahl stiften,

Das Tod und Wetter trozt. Der Musen Lorbeerkranz

Erhält wie Balsamkraut der hohen Häupter Glanz,

Zieht Leichen aus der Gruft und führt in seinem Bilde

Das Wesen und den Ring der Ewigkeit im Schilde.

Wie vieler Helden Lob, Muth, Schweiß, Triumph und Pracht

Steckt schon viel tausend Jahr im Schimmel, Staub und Nacht!

Denn weil sie kein Homer der Sterbligkeit entrißen,

So hat ihr Ruhm und Leib zugleich vermodern müßen.

Daß uns Achillens Zorn noch vor den Augen brennt,

Das flüchtige Geschrey Ulyßens List noch kennt

Und daß wir von Marcell, so jung er auch gewesen,

Viel frühe Tapferkeit und herbes Mitleid lesen,

Wer machts? Ein blinder Greiß. Wer thut es als Virgil?

Mein König, gläube nicht, als ob mein stolzer Kiel,

Womit ich deiner Höh ein niedrig Opfer zolle,

Aus thörichter Begier dein Lob vergöttern wolle.

Du bist durch dich schon groß, ich dürftig, schlecht und klein.[192]

Wie kan der Isop wohl den Cronen Schmuck verleihn?

Jedennoch wo dein Blick mein hart Verhängnüß zwänge,

So glaub ich, daß ich noch in kurzem höher sänge.

Ich schreib und wage viel. Das machts, du bist August

Und hast schon von Natur an Hülf und Wohlthun Lust

Und hältst wie jener Fürst den leeren Tag verloren,

An dem du ohngefehr kein gütig Werck gebohren.

Die Musen sind mir hold und nennen mich ihr Kind,

Dem Kunst und Wißenschaft an statt der Güter sind.

Mein Wuntsch ist auch nicht groß und kleiner als ich selber,

Sein Bitten ehret nicht des Reichthums göldne Kälber,

Er strebt nicht über sich, er mag kein fettes Amt.

Wen einmahl die Geburth zur Niedrigkeit verdammt,

Der sucht wie ich gewis nicht höher aufzusteigen

Als etwan Epheulaub an tiefen Cederzweigen.

Mein König und mein Herr, dein Ruhm, dein Gnadenschein

Soll bey gelehrter Ruh mein Fleiß und Schuzgott seyn;

Erlaube, daß ich stets mit Ehrfurcht und mit Liebe

Mein schlechtes Saythenspiel an deinen Thaten übe.

Dies ist mein Zeitvertreib und angebohrnes Pfund.

Es mögen andre gehn und in des Glückes Bund

Den grauen Adelsbrief mit frischem Blute färben

Und vor ihr groß Geschlecht ein größer Gut erwerben!

Ich lob und ehre sie und liebe meinen Stand

Und will zufrieden seyn, wenn Friedrichs Gnadenhand

Den Musen Schatten giebt, ich aber nur im Stillen

Ein ewig Heldenbuch mit deßen Ruhm erfüllen

Und einmahl sagen kan: Ihr Musen, gute Nacht,

Hängt Kiel und Saythen auf! Ich hab ein Werck vollbracht,

Damit getraut ich mir, sogleich den Rest vom Leben

Mitsamt der Dichterkunst ohn Unruh aufzugeben!

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 4, Leipzig 1935, S. 182-193.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte
Gesammelte Gedichte
Die schönsten Liebesgedichte (insel taschenbuch)
Gedichte Von Johann Christian Günther (German Edition)

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Prinzessin Brambilla

Prinzessin Brambilla

Inspiriert von den Kupferstichen von Jacques Callot schreibt E. T. A. Hoffmann die Geschichte des wenig talentierten Schauspielers Giglio der die seltsame Prinzessin Brambilla zu lieben glaubt.

110 Seiten, 4.40 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon