[Es ist mir doch erlaubt, bey deiner neuen Lust]

[176] [176] Auf die klug- und liebische Verbindung


A. 1719. den 20. Febr.


Es ist mir doch erlaubt, bey deiner neuen Lust,

Vergnügt- und edles Paar, die Neigung meiner Brust

Durch Zeilen auf der Flucht mit Wüntschen einzusenden,

Ob gleich der schwere Kiel den angesezten Händen

Nicht recht gehorchen will, aus Furcht, daß Haß und Neid,

Der mich zum Ziele macht, die schlechte Schuldigkeit

So wie schon meinen Ruhm durch Peitsch und Ruthen jage.

Doch, daß ich eisern bin und nun nach nichts mehr frage,

Was Gift und Tadelsucht vor Wafen auf mich drückt,

Das lehrt mich die Gedult; und was mich jezt entzückt,

Das ist die schnelle Post von deinem Wechselküßen,

Die auch durch kalte Luft mich warm besuchen müßen.

Ich zweifle nicht daran, es werd auch dies dein Band

Der Leute Mährlein seyn, denn wenn sich unser Stand

Mit Myrthenkränzen flicht, so hat man nur zu leiden,

Daß Thoren unsrer Eh viel Folterbäncke schneiden.

Man bleibt nicht unberedt, wenn gleich nur unser Kuß

Aus Mod und Höfligkeit mit Mägdgen scherzen muß;

Und wenn man ihre Hand nur unversehns ergrifen,

So ist das Zungenschwerd der Unschuld schon geschlifen.

Da heist man Bräutigam und weis es selber nicht,

Da wird ein Urtheltisch von Weibern aufgericht,

Die, weil sie ihre Brunst nicht mehr vergnügen können,

Den Jüngern keinen Scherz, geschweig ein Mäulchen gönnen.

Die ganze Stadt wird voll, man lauft von Haus zu Haus,

Man breitets durch den Marckt und in dem Tempel aus,

Und kommt es allererst gar vor das Wochenbette,

So beiß- und schlagen sich die Zungen um die Wette.

Wer weis, wie lang es währt, so fällt der Heuchler bey

Und macht von unsrer Lust ein solches Mordgeschrey,

Als wenn die Seeligkeit an einem Grife hinge

Und unsre Faust bereits den Weg zur Höllen gienge.

Exempel sind nicht rar, und mein verwandtes Blut

Erfährt die Lästerung der unbedachten Wut,[177]

Die Seil aus Haaren macht und stets vor Eifer springet,

Wenn ein getreues Herz dem andern Opfer bringet.

Du wirst, mein Bräutigam, aus allen Worten sehn,

Daß meine Musen sich von keiner Galle blehn,

Und kanst dir leicht dabey die sichre Rechnung machen,

Daß Groll und Unvernunft bey dir nicht beßer lachen.

Jedennoch las es gehn, du kennst den Lauf der Welt,

Bey der der Reichthum blos die Oberhand behält;

Denn der heist nur ein Kerl von großen Qualitäten,

Bey welchem Schaz und Geld der Tugend Stell vertreten.

Es giebt der Leute mehr, die klug und redlich sind

Und in der That verstehn, daß du und auch dein Kind

Den rechten Endzweck sucht; du hast ein Haus zum Freunde,

In dem ein Augustin den Anfall aller Feinde

Durch Huld, Gebeth und Rath von deinem Glücke treibt.

Die Hand, so deine Wahl mit Seegen unterschreibt,

Kommt warlich aus der Höh, und Gottes Vorsichtsfinger

Macht alles, was dich drückt, an Zahl und Macht geringer.

Dein Liebchen, so die That in ihrem Nahmen führt,

Wird von der süßen Kraft durch deinen Blick gerührt

Und macht sich schon geschickt, mit Scherz, Gemüth und Gliedern

Den angebrachten Kuß mit Nachdruck zu erwiedern.

Ergieb dich ihrer Treu, du kommst nicht übel an,

Ihr Lieb-Reiz führet dich auf eine Lilgenbahn,

Und ihre Schwanenhaut entdeckt dir auch ihr Herze,

In deßen Abgrund dir die unverfälschte Kerze

Vermehlter Tugend brennt. Die Brautnacht hält mich ein

Und läst den Abendstern des Spieles Herold seyn,

Des Spielens, das dir noch nicht in den Sinn gekommen

Und deßen Traum erst jezt die Hofnung eingenommen.

Spielt, angenehmen Zwey, und macht es in geheim

Und schliest die Kammer so wie ich den matten Reim;

Und last mich mit der Zeit den frohen Ausgang lesen:

Es sey das Herzenblat der beste Trumpf gewesen.

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 4, Leipzig 1935, S. 176-178.
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