[Der Schulstaub hat mir zwar die Augen nicht verdorben]

[48] [48] Die Zeit als ein allgemeines Nichts bey der Baare der wohlgebohrnen Frauen Hedwig von Bock, gebohrnen von Wenzky.


Der Schulstaub hat mir zwar die Augen nicht verdorben

Noch die Philosophie den Kopf verwirrt gemacht,

Kein Meister der Vernunft den Zweifel beygebracht,

Durch den Cartesius des Sperlings Rang erworben;

Doch weil ein Beyspiel mehr als alle Regeln gilt

Und die Erfahrung oft die Bücher Lügen schilt,

So rüttelt jezt mein Kiel den Grundstein aller Säze,

Den ich gewis auch nicht vor unumstößlich schäze.


Nichts bringt auch nichts hervor, kein Nichts kan etwas zeugen;

So schließet ein Sophist mit jenem Stagirit.

Allein wer jezt mit mir durch Flor und Thränen sieht,

Was in der Nachbarschaft vor Seufzer aufwärts steigen,

Der schaut um Roschkowiz ein Feld voll Traurigkeit

Und lernet, wo es ihm kein Vorurtheil verbeuth,

Warum ich diesen Schluß von außen scheinbar nenne,

Doch deßen Warheit nicht vor allgemein erkenne.


Denn daß ein Todtenlicht den Mittag heute blendet,

Der Parzen kalte Hand die Glocken rührt und übt,

Der Anverwandten Schmerz dem Wittwer Beyfall giebt

Und meine Regung selbst so manches Ach verschwendet,

Das hat ein leeres Nichts, dem nichts entwerden kan,

Ich meine, was? Den Tod. Nein. Wer? die Zeit gethan,

Von der schon Augustin, als ihn der Vorwiz fragte,

Was sie denn wäre, Nichts mit stummen Lippen sagte.


Dies Nichts verschont nun nichts, dies Nichts vermag nun alles.

Die Zeit, sonst niemand, thut, was in der Zeit geschieht,

Die Zeit, der kleine Punct, den auch kein Luchs ersieht,

Verrückt den großen Bau des ganzen Erdenballes.

Die Zeit macht alt und jung, die Zeit bringt Lust und Schmerz,

Führt Sonne, Stern und Mond bald auf-, bald niederwärts,[49]

Erhöhet, stürzt, erfreut, betrübet, schlägt, verbindet,

Erweckt, begräbt, zerstört, baut, ändert und erfindet.


Kein Widder, keine Macht ersteigt die festen Städte,

Die Zeit belagert, schwächt, stürmt und erobert sie.

Wen meint ihr, deßen Hand so Bäum als Blumen zieh?

Den Gärtner? Nein, die Zeit. Die Zeit macht kluge Räthe;

Den Sclaven drückt die Zeit, nicht seiner Ketten Last,

Die Zeit ist schuld, daß man einander liebt und hast,

Die Zeit gewinnt das Recht, die Zeit giebt die Geseze,

Zähmt Löw und Tiegerthier, frißt und entdeckt die Schäze.


Die Zeit bestätiget und bricht die Friedensschlüße,

Die Zeit verräth den Dieb, versiegelt Bund und Kauf,

Die Zeit hebt auch die Furcht vor dem Herodes auf

Und legt des Riesens Kopf dem David vor die Füße;

Die Zeit verstockt, bekehrt und stürzt den Pharao,

Ertappt den Simei, verführt den Salomo,

Henckt den Ahitophel, spinnt zu des Hamanns Stricke

Und schickt den Holofern, doch ohne Kopf, zurücke.


Wer war, Hochseeligste, die Mutter deines Schmerzens?

Die Zeit. Wer hat dies Kind mit Unterhalt versorgt?

Die Zeit. Wem hat dein Geist die Hofnung abgeborgt?

Der Zeit. Wer ändert jezt die Drangsahl deines Herzens?

Die Zeit. Wer hat dir nun Bethesdens Teich bewegt?

Die Zeit. Wer ist der Arzt, der deinen Leib zerlegt?

Die Zeit. Wo ist der Ort, der deine Seele weidet?

Dort in der Ewigkeit, die keine Zeit mehr leidet.


Und also hastu nichts und alles überstanden,

Da du nunmehr die Zeit wie dich die Noth verläst.

Der Moder freße nun den abgelegten Rest,

Dein Nachruhm macht den Neid der Eitelkeit zu Schanden.

Will einer nun kein Feind von deinem Glücke seyn,

So muß er sich gewis bey deiner Baare freun.

Wer wollte dir auch nicht das Land der Freyheit gönnen

Und deinen Leichenstein nicht Ebenezer nennen?

Quelle:
Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 4, Leipzig 1935, S. 48-50.
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