1819

[288] Von persönlichen Verhältnissen wäre folgendes zu sagen: Die Königin von Württemberg stirbt zu Anfang, Erbgroßherzog von Mecklenburg zu Ende des Jahrs. Staatsminister von Voigt verläßt uns den 22. März; für mich entsteht eine große Lücke, und dem Kreise meiner Tätigkeit entgeht ein mitwirkendes Prinzip. Er fühlte sich in der letzten Zeit sehr angegriffen von den unaufhaltsam wirkenden revolutionären Potenzen, und ich pries ihn deshalb selig, daß er die Ermordung Kotzebues, die am 23. März vorfiel, nicht mehr erfuhr noch durch die heftige Bewegung, welche Deutschland hierauf ergriff, ängstlich beunruhigt wurde.

In dem übrigens ganz ruhigen Gang und Zug der Welt trafen Ihro Majestät die regierende Kaiserin von Rußland in Weimar ein; ich sah in dieser Zeit den Grafen Stourdza und den Staatsrat von Köhler.

Erfreuliches begegnete dem fürstlichen Hause, daß dem Herzog Bernhard ein Sohn geboren war, ein Ereignis, das allgemeine Heiterkeit verbreitete. Der Aufenthalt in Dornburg und Jena gab zu mancherlei Vergnüglichkeiten Anlaß. Die Prinzessinnen hatten ihren Garten in Jena bezogen, wodurch denn hin und her viele Bewegung entstand; auch wurde die hohe Gesellschaft dadurch vermehrt, daß Herzog von Meiningen und Prinz Paul von Mecklenburg der Studien wegen in Jena einige Zeit verweilten.

In Karlsbad sah ich Fürst Metternich und dessen diplomatische Umgebung und fand an ihm wie sonst einen gnädigen Herrn. Grafen Bernstorff lernt ich persönlich kennen, nachdem ich ihn lange Jahre hatte vorteilhaft nennen hören und ihn wegen inniger, treuer Verhältnisse zu werten Freunden [289] auch schätzen lernen. Auch sah ich Graf Kaunitz und andere, die mit Kaiser Franz in Rom gewesen waren, fand aber keinen darunter, der von der deutschfrommen Ausstellung im Palaste Caffarelli hätte ein Günstiges vermelden mögen. Den Grafen Karl Harrach, den ich vor soviel Jahren, als er sich der Medizin zu widmen den Entschluß faßte, in Karlsbad genau kannte, fand ich zu meinem großen Vergnügen gegen mich wieder, wie ich ihn verlassen, und seinem Berufe nunmehr leidenschaftlich treu. Seine ganz einfach lebhaften Erzählungen von der beweglichen Wiener Lebensweise verwirrten mir wirklich in den ersten Abenden Sinne und Verstand, doch in der Folge ging es besser; teils wurd ich die Darstellung eines so kreiselhaften Treibens mehr gewohnt, teils beschränkte er sich auf die Schilderung seiner praktischen Tätigkeit, ärztlicher Verhältnisse, merkwürdiger Berührungen und Einflüsse, die eine Person der Art als Standes-, Welt- und Heilmann erlebt, und ich erfuhr in diesem Punkte gar manches Neue und Fremdartige.

Geheimerat Berends von Berlin, ein sogleich Vertrauen erweckender Medikus, ward mir und meinem Begleiter, dem Dr. Rehbein, einem jüngeren, vorzüglich einsichtigen und sorgfältigen Arzte, als Nachbar lieb und wert. Die verwitwete Frau Berghauptmann von Trebra erinnerte mich an den großen Verlust, den ich vor kurzem in ihrem Gemahl, einem vieljährigen, so nachsichtigen als nachhelfenden Freund, erlitten; und so ward ich auch im Gespräch mit Professor Dittrich von Komotau an frühere Teplitzer Momente hingewiesen, alte Freude, altes Leid wieder hervorgerufen.

Zu Hause sowie in Jena ward mir gar manches Gute durch bleibende und vorübergehende Personen. Ich nenne die Grafen Kanikoff und Bombelles und sodann ältere und neuere Freunde, teilnehmend und belehrend. Nees von Esenbeck, nach Berlin reisend und zurückkehrend, von Stein aus Breslau. Mannigfaltige Mitteilungen dieses tätigen, rüstigen Mannes und früheren Zöglings erfreuten mich. Ein gleiches Verhältnis erneuerte sich zu Bergrat von Herder. Generalsuperintendent Krause erschien als tiefkranker Mann, und man mußte vielleicht [290] manche schwache Äußerung einem inwohnenden unheilbaren Übel zuschreiben. Er empfahl den oberen Klassen des Gymnasiums Tiedgens »Urania« als ein klassisches Werk, wohl nicht bedenkend, daß die von dem trefflichen Dichter so glücklich bekämpfte Zweifelsucht ganz aus der Mode gekommen, daß niemand mehr an sich selbst zweifle und sich die Zeit gar nicht nehme, an Gott zu zweifeln. Seine Gegenwart mutete mich nicht an; ich habe ihn nur einmal gesehen und bedauert, daß er seine gerühmte Einsicht und Tätigkeit nicht auch an weimarischen Kirchen und Schulen habe beweisen können. Lebensheiterer war mir der Anblick der zahlreichen Seebeckischen Familie, die von Nürnberg nach Berlin zog, den glücklichen Aufenthalt an jenem Orte mit innigem Bedauern rühmend, früherer jenaischer Verhältnisse an Ort und Stelle sich lebhaft erinnernd und nach Berlin mit freudiger Hoffnung hinschauend. Ein Besuch Dr. Schopenhauers, eines meist verkannten, aber auch schwer zu kennenden verdienstvollen jungen Mannes, regte mich auf und gedieh zur wechselseitigen Belehrung. Ein junger Angestellter von Berlin, der sich durch Talent, Mäßigung und Fleiß aus bedenklichen Umständen zu einer ansehnlichen Stelle, einem bequemen häuslichen Zustande und einer hübschen jungen Frau geholfen hatte. Major von Luck, der Mainzer Humorist, der ganz nach seiner Weise zum Besuch bei mir unversehens eintritt, sein Bleiben ohne Not verkürzt und gerade aus Übereilung die Reisegelegenheit versäumt. Franz Nicolovius, ein lieber Verwandter, hielt sich länger auf und gab Raum, eine vielversprechende Jugend zu kennen und zu schätzen. Geheimerat von Willemer, der die Folgen einer für ihn höchst traurigen Angelegenheit großmütig abzulenken suchte, reiste nach Berlin, um von Ihro Majestät dem König Verzeihung für den Gegner seines Sohnes zu erflehen. Der Grieche Gigas besuchte mich öfters, auch hatte ich seine Landsleute, die, um höhere Bildung zu gewinnen, nach Deutschland gekommen waren, immer freundlich aufgenommen. Präsident von Welden aus Bayreuth, so sehr wie jeder Vorgesetzte von akademischer Turbulenz beunruhigt, [291] besuchte mich, und man konnte sich über die damals so dringenden Angelegenheiten nichts Erfreuliches mitteilen. Die weimar-und gothaischen Regierungsbevollmächtigten von Conta und von Hoff sprachen gleichfalls wegen akademischer Besorgnisse bei mir ein. Ein Sohn von Baggesen erfreute mich durch heitere Gegenwart und unbewundenes Gespräch. Ernst von Schiller, dem es hier nicht glücken wollte, ging einer Anstellung im Preußischen entgegen. Sodann lernte ich noch einen jungen Chemikus namens Runge kennen, der mir auf gutem Wege zu sein schien.

Des Anteils hab ich nunmehr zu erwähnen, den man meinem siebzigsten Geburtstage an vielen Orten und von vielen Seiten her zu schenken geneigt war. Durch eine wunderliche Grille eigensinniger Verlegenheit suchte ich der Feier meines Geburtstags jederzeit auszuweichen. Diesmal hatte ich ihn zwischen Hof und Karlsbad auf der Reise zugebracht; am letzten Orte kam ich abends an, und in beschränktem Sinne glaubt ich überwunden zu haben. Allein am 29. August sollte ich zu einem schon besprochenen Gastmahl auf den Posthof eingeladen werden, wovon ich mich in Rücksicht auf meine Gesundheit nicht ohne Grund entschuldigen mußte. Auch überraschte mich aus der Ferne noch gar mannigfaltiges Gute. In Frankfurt am Main hatte man am 28. August ein schönes und bedeutendes Fest gefeiert; die Gesellschaft der deutschen Geschichtkunde hatte mich zum Ehrenmitgliede ernannt; die Ausfertigung deshalb erhielt ich durch ministerielle Gelegenheit. Die mecklenburgischen Herren Stände verehrten mir zu diesem Tage eine goldne Medaille als Dankzeichen für den Kunstanteil, den ich bei Verfertigung der Blücherischen Statue genommen hatte.

Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 16, Berlin 1960 ff, S. 288-291.
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