Zahme Xenien

7.

Widmung


»Deine Werke zu höchster Belehrung

Studier ich bei Tag und bei Nacht;

Drum hab ich in tiefster Verehrung

Dir ganz was Absurdes gebracht.«


So wie der Papst auf seinem Thron,

So sitzt der Akademiker auf seinem Lohn;

Er ist bepfründet, hat er mehr zu hoffen?

»Die Welt ist weit, den Narren steht sie offen.

Wir sind behäglich, können tätig ruhn;

Macht euch, ihr Toren, Tag für Tag zu tun.«


Autochthonisch, autodidaktisch

Lebst du so hin, verblendete Seele!

Komm nur heran, versuche dich! Praktisch

Merkst du verdrießlich, wie's überall fehle.


»Ich hielt mich stets von Meistern entfernt;

Nachtreten wäre mir Schmach!

Hab alles von mir selbst gelernt.« –

Es ist auch darnach !
[355]

Niemand wird sich selber kennen,

Sich von seinem Selbst-Ich trennen;

Doch probier er jeden Tag,

Was nach außen endlich, klar,

Was er ist und was er war,

Was er kann und was er mag.


Wie sind die vielen doch beflissen!

Und es verwirrt sie nur der Fleiß.

Sie möchten's gerne anders wissen

Als einer, der das Rechte weiß.


Verfahre ruhig, still,

Brauchst dich nicht anzupassen;

Nur wer was gelten will,

Muß andre gelten lassen.


Der Würdige, vom Rhein zum Belt

Reist er, die Natur zu ergründen!

Er reise durch die ganze Welt,

Seine Meinung wird er finden.


»Ein neu Projekt ward vorgebracht;

Willst du dich nicht damit befassen?«

Habe schon mal bankrott gemacht,

Nun will ich's andern überlassen.


Wie's aber in der Welt zugeht,

Eigentlich niemand recht versteht,

Und auch bis auf den heutigen Tag

Niemand gerne verstehen mag.
[356]

Gehabe du dich mit Verstand,

Wie dir eben der Tag zur Hand;

Denk immer: Ist's gegangen bis jetzt,

So wird es auch wohl gehen zuletzt.


Was soll mir euer Hohn

Über das All und Eine?

Der Professor ist eine Person,

Gott ist keine.


Es lehrt ein großer Physikus

Mit seinen Schulverwandten:

»Nil luce obscurius!« –

Jawohl, für Obskuranten!


Ich wollte gern sie gelten lassen,

Wenn nur auch andre sie gelten ließen;

Das will aber doch nirgend greifen und fassen,

Warum befaß ich mich mit diesen!


Ich gönnt ihnen gerne Lob und Ehre,

Können's aber nicht von außen haben.

Sie sehen endlich doch ihre Lehre

In Caffarelli begraben.


»Sag uns doch, warum deine Galle

Immerfort ins Ferne weist?« –

Gefühl habt ihr alle,

Aber keinen Geist.
[357]

»Warum, o Steuermann, deinen Kiel

Wendest du gerad nach dem Riffe?« –

Man begriffe nicht der Toren Ziel,

Wenn man sich nicht selbst begriffe.


Nicht Augenblicke steh ich still

Bei so verstockten Sündern,

Und wer nicht mit mir schreiten will,

Soll meinen Schritt nicht hindern.


Ja! ich rechne mir's zur Ehre,

Wandle fernerhin allein!

Und wenn es ein Irrtum wäre,

Soll es doch nicht eurer sein!


»Wirst nicht bei jedem Wanderschritt

Wie sonst wohl angezogen.« –

Ich bringe den Betrug nicht mit,

Drum werd ich nicht betrogen.


Der Dichter freut sich am Talent,

An schöner Geistesgabe;

Doch wenn's ihm auf die Nägel brennt,

Begehrt er irdischer Habe.

Mit Recht soll der reale Witz

Urenkeln sich erneuern;

Es ist ein irdischer Besitz –

Muß ich ihn doch versteuern!


Was Alte lustig sungen,

Das zwitschern muntre Jungen;
[358]

Was tüchtige Herren taten,

Wird Knechten auch geraten;

Was einer kühn geleistet,

Gar mancher sich erdreistet.


»Wohl kamst du durch; so ging es allenfalls.«

Mach's einer nach und breche nicht den Hals.


Was viele singen und sagen,

Das müssen wir eben ertragen!

Ihr Guten – Großer und Kleiner –,

Ihr singt euch müde und matt;

Und es singt doch keiner,

Als was er zu sagen hat.


»Wie hast du's denn so weit gebracht?

Sie sagen, du habest es gut vollbracht!« –

Mein Kind! ich hab es klug gemacht:

Ich habe nie über das Denken gedacht.


Was wir Dichter ins Enge bringen,

Wird von ihnen ins Weite geklaubt.

Das Wahre klären sie an den Dingen,

Bis niemand mehr dran glaubt.


Ein bißchen Ruf, ein wenig Ehre,

Was macht es euch für Not und Pein!

Und wenn ich auch nicht Goethe wäre,

So möcht ich doch nicht... sein.
[359]

»Meinst du denn alles, was du sagst?«

Meinst du denn ernstlich, was du fragst?

Wen kümmert's, was ich meine und sage:

Denn alles Meinen ist nur Frage.


Wartet nur! Alles wird sich schicken,

Was man von Mir auch denken mag;

Mein Buch bringt es einmal zutag

In usum Delphini mit Lücken.


Den Reimkollegen


Möchte gern lustig zu euch treten,

Ihr macht mir's sauer und wißt nicht wie.

Gibt's denn einen modernen Poeten

Ohne Heautontimorumenie?


Wer hätte auf deutsche Blätter acht

Morgens, Mittag, Abend und Mitternacht,

Der wär um alle seine Zeit gebracht,

Hätte weder Stunde noch Tag noch Nacht

Und wär ums ganze Jahr gebracht;

Das hätt ich ihm gar sehr verdacht.


Was reimt der Junge, der Franzos,

Uns alte Herren zu belehren!

Die Zeit ist wie der Teufel los,

Die weiß allein uns zu bekehren.


Seid ihr verrückt? was fällt euch ein,

Den alten Faustus zu verneinen!

Der Teufelskerl muß eine Welt sein,

Dergleichen Widerwärt'ges zu vereinen.
[360]

Ein jeder denkt in seinem Dunst,

Andrer Verdienst sei winzig klein.

Bewahre jeder die Vergunst,

Auf seine Weise toll zu sein.


Nein! für den Poeten ist's zuviel,

Dieses entsetzliche Strafgericht!

Verdammet ist mein Trauerspiel,

Und die alte Tante nicht.


»Mephisto scheint ganz nah zu sein!«

Es deucht mich fast, er spricht mit ein.

In manchen wunderlichen Stunden

Hat er sich selbst das Maul verbunden;

Doch blickt er über die Binde her,

Als wenn er ein doppelter Teufel wär.


Geiz


Ist der Vater auf Geld ersessen

Und nutzt sogar die Lampenschnuppen,

Kriegen sie den Sohn in die Kluppen,

Juden und Huren, die werden's fressen.


Schilt nicht den Schelmen, der eifrig bemüht,

Bald so, bald so sich zu wenden:

Wenn er den Teufel am Schwanze zieht,

Ihm bleibt ein Haar in den Händen.

Sosehr es auch widert, sosehr es auch stinkt –

Man kann es immer nicht wissen –

Es wird vielleicht, wenn es glückt und gelingt,

Für Moschus gelten müssen.
[361]

Ich wollt euch große Namen sagen,

Die sollten sich gar sehr beklagen,

Wenn ich sänge, wie ich's meine;

Und doch mein ich's nicht alleine:

Gar manche sind im stillen beflissen,

Bedenken Seele, Gott und Welt

Und sind zufrieden, rein zu wissen,

Was andern mißfällt.


Denk an die Menschen nicht,

Denk an die Sachen!

Da kommt ein junger Mensch,

Wird was draus machen;

Das alte Volk, es ist

Ja selbst nur Sache;

Ich bin nur immer jung,

Daß ich was mache;

Wer jung verbleiben will,

Denk, daß er mache –

Und wenn's nicht Kinder sind,

In anderm Fache.


Anstatt daß ihr bedächtig steht,

Versucht's zusammen eine Strecke;

Wißt ihr auch nicht, wohin es geht,

So kommt ihr wenigstens vom Flecke.


Sage mir, mit wem zu sprechen

Dir genehm, gemütlich ist;

Ohne mir den Kopf zu brechen,

Weiß ich deutlich, wie du bist.
[362]

Jeder geht zum Theater heraus,

Diesmal es war ein volles Haus;

Er lobt und schilt, wie er's gefühlt,

Er denkt, man habe für ihn gespielt.


Ob ich liebe, ob ich hasse!

Nur soll ich nicht schelten.

Wenn ich die Leute gelten lasse,

Läßt man mich gelten.


Du Narr! begünstige die Pfuscherei,

So bist du überall zu Hause.


Was waren das für schöne Zeiten!

In Ecclesia mulier taceat!

Jetzt, da eine jegliche Stimme hat,

Was will Ecclesia bedeuten.


Was die Weiber lieben und hassen,

Das wollen wir ihnen gelten lassen;

Wenn sie aber urteilen und meinen,

Da will's oft wunderlich erscheinen.


Und sie in ihrer warmen Sphäre

Fühlt sich behaglich, zierlich, fein:

Da sie nicht ohne den Menschen wäre,

So dünkt sie sich ein Mensch zu sein.


Totengräbers Tochter sah ich gehn;

Ihre Mutter hatte sich an keiner Leiche versehn![363]

Was helfen den Jungfern alle Gaben!

Weder Augen noch Ohren sollten sie haben.


Sich läßt die junge Frau als Heloise malen;

Will sie mit ihrem Manne prahlen?


Die schönen Frauen jung und alt

Sind nicht gemacht, sich abzuhärmen;

Und sind einmal die edlen Helden kalt,

So kann man sich an Schluckern wärmen.


Ich ehre mir die Würde der Frauen;

Aber damit sie Würde hätten,

Sollten sie sich nicht alleine betten,

Sollten sich an Männerwürde erbauen.


Das Publikum


»Wir haben dir Klatsch auf Geklatsche gemacht,

Wie schief!

Und haben dich schnell in die Patsche gebracht,

Wie tief!

Wir lachen dich aus,

Nun hilf dir heraus!

Ade.«


Herr Ego


Und red ich dagegen, so wird nur der Klatsch

Verschlimmert;

Mein liebliches Leben im nichtigen Patsch

Verkümmert.

Schon bin ich heraus;

Ich mach mir nichts draus.

Ade.
[364]

Ich habe nie mit euch gestritten,

Philisterpfaffen! Neiderbrut!

Unartig seid ihr wie die Briten,

Doch zahlt ihr lange nicht so gut.


Der Gotteserde lichten Saal

Verdüstern sie zum Jammertal;

Daran entdecken wir geschwind,

Wie jämmerlich sie selber sind.


Da loben sie den Faust

Und was noch sunsten

In meinen Schriften braust

Zu ihren Gunsten;

Das alte Mick und Mack,

Das freut sie sehr;

Es meint das Lumpenpack,

Man wär's nicht mehr!


»Wie bist du so ausgeartet?

Sonst warst du am Abend so herrlich und hehr!«

Wenn man kein Schätzchen erwartet,

Gibt's keine Nacht mehr.


Unbesonnenheit ziert die Jugend,

Sie will eben vorwärts leben;

Der Fehler wird zur Tugend.

Im Alter muß man auf sich achtgeben.
[365]

»Meinst du es redlich mit solchem Schmerz? –

Geh! Heuchlerisch ist dein Bemühn.«

Der Schauspieler gewinnt das Herz,

Aber er gibt nicht seines hin.


Welch ein wunderlich Exempel! –

Hör ich, daß man sich mokiere,

Wie man mir den hehren Tempel,

Vestas Tempel, dediziere;

Doch ich übergehe diesen

Vorwurf mit gefaßter Miene:

Denn es muß mich sehr verdrießen,

Daß ich's nur zu wohl verdiene.


»Zu Goethes Denkmal, was zahlst du jetzt?«

Fragt dieser, jener und der. –

Hätt ich mir nicht selbst ein Denkmal gesetzt,

Das Denkmal, wo käm es denn her?


Ihr könnt mir immer ungescheut

Wie Blüchern Denkmal setzen;

Von Franzen hat er euch befreit,

Ich von Philisternetzen.


Was ist ein Philister?

Ein hohler Darm,

Mit Furcht und Hoffnung ausgefüllt.

Daß Gott erbarm!
[366]

Bist undankbar, so hast nicht recht;

Bist du dankbar, so geht dir's schlecht:

Den rechten Weg wirst nie vermissen,

Handle nur nach Gefühl und Gewissen.


Wen die Dankbarkeit geniert,

Der ist übel dran;

Denke, wer dich erst geführt,

Wer für dich getan!
[367]

Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 2, Berlin 1960 ff, S. 111-112,355-368.
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