Erster Auftritt.

[357] Doris. Menalkas. Nisus.


DORIS.

Nein, beyde mag ich nicht, und einer muß doch weichen!

MENALKAS.

Ich nicht!

NISUS.

Viel minder ich!

DORIS.

So laßt mich doch die Zeichen

Von eurer Liebe sehn. Ihr plagt mich beyde zwar,

Der eine zupft mich hier, der andre winkt mir dar:

Was quält ihr mich so sehr? Laßt künftig mich mit frieden!

NISUS.

Du wirst gewiß mein Schatz!

MENALKAS.

Du bist doch mir beschieden!

Und willst du Proben sehn, daß ich es würdig bin,

So fordre, was du willst: erkläre deinen Sinn,

Ich bin dazu bereit. Es soll an nichts gebrechen,

Wenn du mir endlich nur willst deine Gunst versprechen.

NISUS.

Ja, sprich nur, was du willst, auch ich geh alles ein:[357]

Mein Hut, mein Stab, mein Herz, soll dir zu Diensten seyn.

Mein Haus, mein Stall, mein Vieh, an Schafen und an Ziegen,

Soll, schönste Doris! dich den Augenblick vergnügen.

DORIS.

Du meynst, mein Herze steh um deine Gaben feil?

O du betrügst dich sehr! und du im Gegentheil,

Menalkas, willst von mir Befehl und Wink erwarten:

Doch wisse, keine Flur, kein Wald, kein Feld, kein Garten,

Kurz, kein Geschenk erwirbt die Gegengunst bey mir.

MENALKAS.

Was liebt denn deine Brust?

NISUS.

Du bist ein Wunderthier!

Denn sonsten kann man doch, mit Gaben und Geschenken,

Der Schäferinnen Herz gar bald zur Liebe lenken.

DORIS.

Sie lieben das Geschenk; nicht den, der solches giebt.

MENALKAS.

Entdeck mir endlich doch, was denn dein Herze liebt.

Gefällt dir Kunst und Fleiß? ich will dir beydes zeigen.

Verstand? Ich weis geschickt zu reden und zu schweigen.

Ein Lied? ich sing dir eins, das mich Sylvan gelehrt,

Wie er es selbst einmal in Wäldern hat gehört,

Wo Pan dazu gespielt. Ich kann auch selber dichten,

Und mach oft einen Vers aus Fabeln und Geschichten.

Dabey bin ich ein Arzt: wird deine Heerde krank,

So weis ich Rath dafür.[358]

NISUS.

Du machst es gar zu lang,

Menalkas, prale nicht: auch ich hab ein Gehirne!

Du machst wahrhaftig noch, daß ich mich gar erzürne.

Ich kann so manche Kunst. Wer bunte Stäbe will,

Der kömmt gewiß zu mir; allein ich schweige still.

Ich flechte hier von Stroh die allerschönsten Hüte,

Die sind fürwahr beliebt, und von besondrer Güte:

Doch pral ich nicht damit. Aus Binsen, Schilf und Gras

Bereit ich allerley: allein wem sag ich was?

Die Körbe, so ich mach, sind wahrlich von den rechten!

Hör Doris! ich will dir ein sauber Körbchen flechten!

Ein Körbchen voller Kunst, darauf du, wie du gehst,

So jung, so schlank, so schön, an meiner Seiten stehst!

Und mir ein Händchen giebst, voll Freundlichkeit und Lachen,

Was gilts! das wird dich bald dem Nisus günstig machen!

MENALKAS.

Du schmäuchelst dir umsonst.

DORIS.

Die Künste sind schon gut;

Doch muß ich weiter sehn, was eure Liebe thut.

Man muß euch Schäfern nicht auf bloße Worte trauen;

Ich will auf euer Thun, auf euren Wandel schauen.

Wer weislich leben wird, Verstand und Tugend zeigt,

Und mich beständig liebt, dem wird mein Herz geneigt.

MENALKAS.

Ich bin damit vergnügt.

NISUS.

Ich lasse mirs gefallen.

Doch halt! ich höre ja ein Jägerhorn erschallen![359]

DORIS.

Ey! Atalanta kömmt. Die wilde Jägerinn!

Gebt acht! sie straft mich wohl, daß ich nicht spröde bin;

Nicht so, wie sie, das Wild in allen Büschen suche,

Und alles Männervolk, nicht so, wie sie, verfluche.

Willkommen Schäferinn!


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 357-360.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Hannibal

Hannibal

Grabbe zeigt Hannibal nicht als großen Helden, der im sinnhaften Verlauf der Geschichte eine höhere Bestimmung erfüllt, sondern als einfachen Menschen, der Gegenstand der Geschehnisse ist und ihnen schließlich zum Opfer fällt. »Der Dichter ist vorzugsweise verpflichtet, den wahren Geist der Geschichte zu enträtseln. Solange er diesen nicht verletzt, kommt es bei ihm auf eine wörtliche historische Treue nicht an.« C.D.G.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon