Der vierte Auftritt.

[365] Damon. Corydon. Nisus.


NISUS.

Gelt! das gefiel dir nicht! da steht der Sünder nun!

Und sagt kein einzig Wort. Wer wird auch immer pinseln?

DAMON.

Ich lachte mich halb krank. Was hilft dir doch dein Winseln?

Du kennst die Mädchen nicht, mein guter Corydon!

Das Schmäucheln ist umsonst: sie werden stolz davon.

Je kläglicher man thut, je spröder sie sich stellen:

Ein aufgeweckter Geist weis sie weit ehr zu fällen.

Nein! ächzen kann ich nicht! es steht mir auch nicht an,

Ich weis schon, wie man sie viel leichter fangen kann.[365]

Die guten Kinderchen sind gar zu bald berücket!

Wofern es andern so wie mir im Lieben glücket.

NISUS.

Du thust vortrefflich stolz! Zähl doch nur ungefähr,

Wenn du das Herze hast, ein Dutzend Mädchen her,

Wo du gelitten bist. Es wird dir nichts verschlagen!

Du weist, ich schwatze nicht.

DAMON.

Die kann ich dir wohl sagen!

Ein Dutzend, das ist nichts! Ein halb, ja ganzes Schock,

Das wäre doch noch was! Sieh hier, mein Schäferstock

Zeigt dir die ganze Zahl, die mir einmal gefallen.

NISUS.

Gefallen? Das ist viel! ob aber unter allen

Auch einer du gefielst? gelt! daran stößt es sich!

DAMON.

Du bist wohl wunderbar! Ein solcher Kerl, als ich,

Sollt ohne Gegengunst nach einem Mädchen blicken?

O nein! sie müssen sich wohl gar am ersten bücken.

Ich nähme mir die Müh!

CORYDON aus tiefen Gedanken erwachend.

Nun das war recht gepralt!

Sprich nur, wie theuer man dir jeden Kuß bezahlt?

Nicht wahr! du pflegst sie nicht so wohlfeil zu verschwenden?

Die Mädchen bitten dich oft mit gefaltnen Händen:

Doch du thust nichts umsonst![366]

NISUS.

Das war ihm eben recht!

Nun wacht er endlich auf.

DAMON.

Du plumper Schäferknecht!

Hast du denn auch ein Maul? geh! füttre deine Ziegen!

Zur Liebe taugst du nicht, und kannst nichts Liebes kriegen!

CORYDON.

Ach schade für die Furcht! Vielleicht noch ehr als du!

DAMON.

Nimm dich in Acht mein Freund! Vor dir bin ich in Ruh.

Du bist ein schlechter Held, und strebst nach Atalanten;

Es ist schon ziemlich lang, daß wir einander kannten.

So spröde sie sich sonst bey andern Schäfern stellt,

So deutlich zeigt sie oft, daß Damon ihr gefällt.

Geh, thue mirs doch nach! geh, klage, heul und weine

Wie ein gefallnes Kind!

CORYDON.

So ist sie schon die deine?

Er spricht, als ob er längst schon Hahn im Korbe sey.

O das gefällt mir recht! Seht doch die Pralerey!

Wenn das nicht Lügen sind; so will ich auf der Stelle – – –

DAMON.

Verwegner, hüte dich! daß ich den Fuchs nicht prelle!

CORYDON zum Nisus.

Sprich, wer sie mehr verdient, mein Eifer, oder er?[367]

NISUS.

Ihr Freunde, zankt euch nicht. Die Schäferinn kömmt her.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 365-368.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon