Der vierte Auftritt.

[384] Corydon und Damon.


DAMON.

Ach höre, lieber Freund, du darfst dich nicht mehr quälen;

Ich bin inskünftige dein Nebenbuhler nicht.

Ich weis ein schöner Kind, das mir vielmehr verspricht!

Die wilde Jägerinn soll dir vor mir wohl bleiben.

CORYDON.

Wenn du nichts bessers weist, den Kummer zu vertreiben;

So ist es noch zur Zeit ein schlechter Trost für mich:

Denn daraus folgt noch nicht, daß Atalanta sich

Für mich geneigt erklärt.

DAMON.

Da magst du selber sorgen!

Was heute nicht gelingt, das glückt dir etwa morgen.

Genug, daß ich dir itzt nicht mehr im Wege bin![384]

CORYDON spöttisch.

Das heißt: »Ich trete dir das Herz der Schäferinn

Nunmehro willig ab! Bisher war sie die meine!

Hinfort erlaub ich dirs: sie sey nunmehr die deine!«

Das klingt vortrefflich schön! was Dank hast du verdient!

Zum wenigsten sind wir dadurch ganz ausgesühnt!

Gerad! als ob bisher nur du allein gehindert,

Daß Atalanta mir den Kummer nicht gelindert,

Den mir die Liebe macht! Das klingt mir lächerlich!

Geh! sorge für dich selbst; ich sorge schon für mich.

DAMON.

Nur sachte, Corydon! wir sind ja gute Freunde!

Und du sprichst hier mit mir, als wären wir noch Feinde.

Lieb immer, liebe nicht; mich geht es gar nichts an:

Wenn Amaryllis mich nur bald ergetzen kann.

CORYDON.

Was? Amaryllis? dich? Du kannst dich schnell bedenken!

Bald dieser Schäferinn, bald der dein Herze schenken.

Ich dacht, es wäre dir nur Atalanta lieb!

Wo ist denn nun dein Wort? Wo ist der heiße Trieb?

Du sagtest gar vorhin, sie wäre schon gewonnen!

Das Ding begreif ich nicht!

DAMON.

Ich habe mich besonnen!

Itzt mag ich sie nicht mehr!

CORYDON.

Das heißt, du kämest blind?[385]

DAMON.

Die jüngste Schwester ist ein allerliebstes Kind!

Geduldig als ein Lamm, von aufgeweckten Sinnen;

Und kurz, es ward mir leicht, ihr Herze zu gewinnen.

CORYDON.

So ist es denn schon klar? Ich glaube, wie vorhin!

DAMON.

Ich lüge nicht, mein Freund. So wahr ich ehrlich bin!

Das Mädchen ist mir gut! Sie wollt es zwar verstecken;

Allein ich war zu schlau, sie mußte mirs entdecken.

Ich that ein bißchen schön; jedoch nicht gar zu frey:

Da drückt sie mir die Hand. Ihr Bruder stund dabey,

Drum durfte sie sich nicht so öffentlich erklären.

Gieb Achtung, Corydon, es wird nicht lange währen,

So ist der Handel klar.

CORYDON.

So wünsch ich dir viel Glück!

DAMON.

Ich wünsch dir ebenfalls ein gütiges Geschick,

In Atalantens Gunst. Es wird schon endlich gehen;

Ich weis, du mußt bey ihr in gutem Ansehn stehen.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 384-386.
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