Der fünfte Auftritt.

[386] Doris. Nisus. Die Vorigen.


DORIS.

Was hör ich? Damon sagt, er liebt von neuem schon?

Du bist ja, wie es scheint, des Glückes liebster Sohn.[386]

DAMON.

Was hast du denn gehört? ich darfs doch auch wohl wissen!

DORIS.

Daß Amaryllis schon bereit ist, dich zu küssen:

Verhält sichs denn auch so?

DAMON.

Es könnte wohl was seyn!

NISUS.

Wie manches Buhlers Herz betrüget nicht der Schein:

Als wenn ein Irrlicht uns in Sumpf und Morast führet,

Wenn man den frechen Schritt nach seinem Licht regieret.

DORIS.

So leicht traut Damon wohl dem bloßen Scheine nicht!

Du hast wohl mehr als bloß ein freundlich Angesicht,

Woraus du schließen kannst, daß Amaryllis liebet,

Und daß sie dir gewiß ihr ganzes Herz ergiebet?

DAMON.

Was geht es dich nun an? ich weis wohl, was ich weis,

Und Amaryllis bloß behält bey mir den Preis.

Sie ist es, der ich mich getreu zu seyn entschließe;

Nun denke selber nach, ob sie mich lieben müsse?

DORIS.

Nun glaub ichs selber erst! und wünsche nur dabey,

Daß Damons Glück so schön, als Amaryllis sey.

DAMON.

Ich danke für den Wunsch: es wird sich nächstens zeigen.[387]

NISUS.

So darf auch ich wohl nicht bis auf die letzte schweigen.

Der Schimpf wär gar zu groß: der Himmel schick euch bald

Viel Heil und Glücke zu, und mach euch freudig alt!

DAMON.

Geh nur, dir dank ich nicht: du höhnest nur die Leute!

DORIS.

Wer spottet doch nicht gern der Freyer und der Bräute?

Allein wer duldet auch dieß Spotten nicht mit Lust?

CORYDON.

Wahrhaftig! dieses wirkt die zweifelhafte Brust!

Er weis noch selbst nicht recht, ob Amaryllens Herze

Ihm recht gewogen ist: drum zürnt er bey dem Scherze.

O, wär er ihrer Huld und Liebe so gewiß,

Was gilts, des Nisus Wunsch gäb ihm kein Aergerniß?

NISUS.

Es ist auch freylich wahr; ich kann es noch nicht glauben,

Daß Damon ihr so bald das Herze sollte rauben.

Sie war ja stets bisher dem Corydon geneigt,

Sie hat es oftmals auch recht ungescheut bezeigt.

Sie lief ihm immer nach und wollt ihn nie verlassen:

Wie sollte sie so bald den lieben Schäfer hassen?

DAMON.

Du siehst wohl, daß ers nur aus Neid nicht glauben kann.

Er denkt: sie bethet mich von ganzem Herzen an;

Drum darf sich dieser nicht mit ihrer Liebe schmäucheln.

Das heißt, sich selber, bloß aus Eigenliebe häucheln.[388]

CORYDON.

Nein, Damon, nein! Du irrst. So neidisch bin ich nicht.

Zeigt Amaryllis dir ein holdes Angesicht,

So gönn ich dir es gern. Du weist ja, meine Triebe

Gehn bloß und schlechterdings auf Atalantens Liebe.

Wird diese mir geneigt, so blühet mir mein Glück.

DORIS.

Was streiten wir doch viel? Da kömmt den Augenblick

Selbst Amaryllis her. Nun wird sichs deutlich zeigen,

Zu wem von beyden sich der Schönen Herz wird neigen.

CORYDON.

Auch Atalanta kömmt: ach! sähe sie mich an!

DAMON.

Ich weis schon, daß es mir nunmehr nicht fehlen kann.

NISUS.

Bekömmst du einen Korb; so will ich wacker lachen!

DORIS.

Doch wenn es dir geschäh, was würde Nisus machen?


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 386-389.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Bozena

Bozena

Die schöne Böhmin Bozena steht als Magd in den Diensten eines wohlhabenden Weinhändlers und kümmert sich um dessen Tochter Rosa. Eine kleine Verfehlung hat tragische Folgen, die Bozena erhobenen Hauptes trägt.

162 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon