Der siebente Auftritt.

[407] Nisus. Corydon. Die vorigen.


NISUS.

Da bring ich dießmal noch den armen Tropf zurücke!

Bald hätt er sich erhenkt; ich kam zu allem Glücke,

Als ihn Verdruß und Gram verzweiflungsvoll gemacht:

Es hat nicht viel gefehlt, daß er sich umgebracht.

AMARYLLIS.

Was sagst du? Corydon?

NISUS.

Du hörsts ja.

AMARYLLIS.

Mein Geliebter?

Du dauerst mich, mein Schatz!

NISUS.

Er wird noch stets betrübter:

Wenn Atalanta sich nicht endlich rühren läßt;[407]

So giebt er sich gewiß, eh man es denkt, den Rest,

Und stirbt noch im Gesträuch, wo sie ihn hingezogen.


Zu Atalanten.


Ach sey ihm, Schäferinn, nur halb und halb gewogen,

Sonst hast du selber noch an seinem Tode schuld.

ATALANTA.

Du reizest mich gewiß zu neuer Ungeduld:

Er sterbe, wenn er will; ich kann ohn ihn schon leben!

Ich will und werde stets dem Lieben widerstreben.

CORYDON.

Entschleuß dich endlich doch, geliebte Schäferinn!

Und schenk mir deine Huld.

ATALANTA.

Ich bleibe, wer ich bin;

Das Bitten ist umsonst, die Hoffnung ist vergebens!

CORYDON.

Erhalte wenigstens die Hälfte meines Lebens.

Der Kummer frißt mein Herz, die Kräfte nehmen ab,

Und deine Grausamkeit bringt mich zuletzt ins Grab.

ATALANTA.

Vor Liebe, wie mich dünkt, ist noch kein Mensch gestorben,

Und stürbest du daran, was wär an dir verdorben?

Es käme nur dadurch ein Winsler aus der Welt,

Der andern wenig nützt und mir beschwerlich fällt.

AMARYLLIS zum Corydon.

Mein Schäfer! siehst du nun? sie läßt sich nicht erweichen,[408]

Warum verschwendest du die treuen Liebeszeichen

An diesen harten Sinn? Erwähl ein ander Herz,

Was gilts! so lindert sich dein gar zu großer Schmerz.

CORYDON.

Ach! laß mich ungestört, ich mag dich gar nicht hören:

Ich kann doch anders nichts, als Atalanten ehren.

NISUS zur Doris.

Wie steht es denn mit uns, mein allerschönstes Kind?

Bist du nun gütiger als wie zuvor gesinnt?

Und soll mein Glücke denn in deiner Liebe blühen?

DORIS.

Bishero weis ich dir noch keinen vorzuziehen.

Doch, hast du, Schäfer, auch den Fremden schon gesehn,

Der angekommen ist?

NISUS.

Wie? wer? was ist geschehn?

DORIS.

Ein fremder Schäfer ist in unsre Flur gekommen.

Doch hat er kaum den Hut vor uns herabgenommen.

Er scheint sehr stolz zu seyn, und gieng so trotzig her,

Als ob er spröder noch, als Atalanta wär.

Sonst war er angenehm. Ich möcht ihn gerne sprechen.

NISUS.

Ich muß bey Zeiten nur das Reden unterbrechen;

Sonst lobst du mir vielleicht den Fremden gar zu viel:

Denn das gefällt mir schlecht, daß er dir wohlgefiel![409]

DORIS.

Sieh Nisus! sieh nur an! Da kömmt er hergegangen,

Ich will ihn alsobald durch einen Gruß empfangen.

NISUS.

Bleib hier! ich sage dirs.

DORIS.

Man muß ja höflich seyn.


Sie grüßt ihn.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 407-410.
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