Erster Auftritt.

[413] Atalanta. Menalkas.


ATALANTA.

Das war ein grober Streich, den mir der Kerl erwies,

Daß er den Blumenstrauß durchaus dem Bruder ließ,

Und gar nicht haben wollt. Ich kanns ihm nicht vergeben;

Die Ehre schätz ich noch weit höher, als mein Leben.

MENALKAS.

Erzürne dich doch nicht; der Schimpf trifft ja nicht dich:

Der Strauß kam nur von mir und war nicht sonderlich.

Ich wußt es schon vorher, du würdest ihm nichts schenken,

Drum mußt ich mich geschwind auf diese List bedenken.

ATALANTA.

Du hast an allem Schuld. Du bildest ihm was ein;

Hernach muß ich dadurch so grob beschimpfet seyn.

Und gleichwohl soll ich nicht den plumpen Schäfer schelten?

Sobald ich ihn nur seh, so soll ers schon entgelten!

MENALKAS.

Ich bitte, zwinge dich und schieb auf mich die Schuld.

Hast du mit Fremden denn nicht etwas mehr Geduld?

Er kennt dich noch nicht recht; sonst würd er dich schon ehren:

Verweilt er sich nur hier, so wollen wirs ihn lehren,

Wie man den Schönen hier geschickt zu schmäucheln pflegt.[413]

ATALANTA.

Die Mühe wird gewiß sehr übel angelegt.

Bey solchen Leuten ist der Unterricht verlohren;

Die Grobheit ist mit ihm recht auf die Welt gebohren.

MENALKAS.

Erwäge, was du thust! Du strafst die Sprödigkeit;

Und hast ihr selber doch dein ganzes Herz geweiht.

Da siehst du wie es läßt, wenn man gleich wilden Thieren

Nach keinem Menschen fragt, und sich durch nichts läßt rühren.

Es steht dir eben so; wenn du die Liebe fliehst,

Die Schäfer von dir jagst und dich darauf bemühst.

Sieh nun, wie dirs gefällt, wann andre sich desgleichen,

Bey deiner Schönheit, nicht den Augenblick erweichen!

Und wann ein starrer Kopf, der deinem ähnlich ist,

Nicht alsofort bey dir die Freyheit eingebüßt.

ATALANTA.

Es ist ein Unterschied bey ihm und mir zu finden;

Uns Mädchen darf man nicht mit solchen Regeln binden,

Wodurch man euer Thun zur Höflichkeit gewöhnt;

Wir würden nur damit vor aller Welt verhöhnt.

Ein freundlich Wort von uns wird ärger aufgenommen,

Als wäre schon die Brust ganz lichterloh entglommen;

Ein Blick, ein schlechter Gruß wird oftmals angesehn,

Als wär es allbereits um unser Herz geschehn.

Euch Männer aber pflegt man nicht so scharf zu messen;

Drum müsset ihr auch nicht das Höflichseyn vergessen.

MENALKAS.

Dem sey nun, wie ihm sey: das kömmt nicht ungefähr!

Daß du empfindlich bist, kömmt von der Liebe her.

Doch sieh, wie traurig kömmt dort Corydon gegangen?


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 413-414.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Droste-Hülshoff, Annette von

Ledwina

Ledwina

Im Alter von 13 Jahren begann Annette von Droste-Hülshoff die Arbeit an dieser zarten, sinnlichen Novelle. Mit 28 legt sie sie zur Seite und lässt die Geschichte um Krankheit, Versehrung und Sterblichkeit unvollendet.

48 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon