Der achte Auftritt.

[426] Amaryllis. Damon. Corydon.


AMARYLLIS.

Was ist dir?

DAMON.

Siehst du nicht den armen Schäfer liegen?

AMARYLLIS.

O Himmel! Corydon liegt in den letzten Zügen.

DAMON.

Erweck ihn dießmal noch; er ist vielleicht nicht todt.

AMARYLLIS.

Ach! hilf mir, Damon, hilf! wo nehm ich in der Noth

Ein kräftig Mittel her? Hier hab ich Balsamrinden;

Es pfleget sonst davon die Ohnmacht zu verschwinden.

DAMON.

Verhalt ihm nur die Luft; vielleicht erholt er sich.

AMARYLLIS.

Er thut die Augen auf. Mein Schäfer! kennst du mich?

Was hat dich für ein Schmerz so heftig überfallen?

CORYDON.

Wo bin ich? leb ich noch?

AMARYLLIS.

Ja, Blut und Adern wallen,

Geliebter Corydon! Du lebst, und ich bin froh.

Was war dir? sage mirs! Sprich, warum stöhnst du so?[427]

CORYDON.

Ach! Amaryllis, sprich, bist du mein Schutz gewesen?

DAMON.

Ja, bloß durch ihre Treu bist du anitzt genesen.

Sie hat dich auferweckt.

CORYDON.

Nun, so gesteh ichs frey,

Daß ihre Neigung rein und lobenswürdig sey,

Sie liebt mich sterbend auch, und rettet mir mein Leben:

Sprich, Schönste, was soll ich zur Dankbarkeit dir geben?

AMARYLLIS.

Nichts, werther Corydon! als deine Lieb und Huld.

DAMON.

Die hat sie wohl verdient; du bist in ihrer Schuld.

CORYDON.

Wohlan! ich sehe wohl, ich bin dir sehr verbunden,

Und hab in deiner Brust ein treuer Herz gefunden,

Als Atalanta hegt. Ich ändre meinen Schluß;

Weil ihrem Beyspiel ich nicht selber folgen muß.

Hinfort, o Schäferinn! denk ich nur dich zu lieben;

Dir Schäfer, dank ich auch, daß du mir treu geblieben.

AMARYLLIS.

So liebst du mich anitzt, erwählter Corydon?

CORYDON.

Ja, Amaryllis, ja![428]

AMARYLLIS.

Was giebst du mir davon,

Für eine Sicherheit? Vielleicht wird meinetwegen

Die alte Liebe sich in deiner Brust nicht legen?

CORYDON.

Der Schäfer Dämon soll allhier mein Zeuge seyn,

Und diesen Augenblick gehn wir zugleich hinein;

Von deinem Vater selbst, der Zierde grauer Alten,

Zu diesem meinem Schluß das Jawort zu erhalten.

AMARYLLIS.

Allein, wann sich dereinst auch Atalanta beugt,

Und dir gewogen wird: bleibst du mir doch geneigt?

DAMON.

Du zweifelst gar zuviel; er wird sie nicht mehr lieben.

CORYDON.

Nein, nein! sie lachte stets zu meinen treuen Trieben,

Und hätte vor der Zeit mich in das Grab gebracht;

Wenn deine Treue mir nicht Hülfe zugedacht.

Dir hab ich itzo bloß mein Leben zu verdanken:

Von deiner Liebe will ich lebenslang nicht wanken.

Komm, Damon, folg uns nach, wir wollen uns bemühn,

Die Hochzeit heute noch, mit Freuden zu vollziehn.


Ende des vierten Aufzuges.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 426-429.
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