Der sechste Auftritt.

[438] Corydon. Amaryllis. Die Vorigen.


ATALANTA.

Du hast mich längst geliebt, getreuer Corydon,

Allein ich wars nicht werth. Jetzt weih ich dir mein Herze:

Denn itzo quäl ich mich mit zehnmal größerm Schmerze,

Als den die Liebesglut bisher in dir erweckt.

Vergiß die Härtigkeit, womit ich dich erschreckt,

Und denke nicht daran, daß ich dich abgewiesen:

Die spröde Lebensart die ich vorhin gepriesen,

Die ist mir itzt verhaßt.

CORYDON.

Was hör ich? Schäferinn!

AMARYLLIS.

Wie? Schwester, scherzest du?[438]

DAMON.

Ich weis nicht, wo ich bin.

NISUS.

Ich kann mich wahrlich nicht in dieß Beginnen schicken!

ATALANTA.

Was säumst du, Corydon, mein Herze zu beglücken?

Entschließe dich einmal.

CORYDON.

Es ist mir wahrlich leid,

Daß du so lang gesäumt; itzt ist es nicht mehr Zeit.

Ich habe dich so treu und eifersvoll geliebet;

Allein du hast mich stets durch Wort und That betrübet.

Was ich nun dir gethan, that Amaryllis mir,

Drum wandte meine Brust sich endlich auch zu ihr.

Ich hab ihr schon mein Herz auf ewig übergeben,

Und denke nun mit ihr zu sterben und zu leben.

AMARYLLIS.

Ja Schwester, glaub es nur; dein Corydon ist mein,

Und unser Vater stimmt mit unserm Wünschen ein.

Allein wie geht es zu, daß du dich so verkehret,

Und dich dem Corydon geneigt zu seyn erkläret?

Ist denn dein harter Sinn auf einmal so gebeugt?

Und warum warst du ihm nicht ehmals schon geneigt?

ATALANTA.

Behalt ihn immerhin! Ich weis nicht, was ich mache,

Was ich anitzt gethan, das thu ich nur aus Rache.

Myrtillus trotzt mich hier, der wunderliche Gast!

Der nur bloß mir zum Hohn die Doris itzt umfaßt,[439]

Und mir verbiethen will, so wohl als er, zu lieben.

Nein, ihm gehorch ich nicht; und sollt ich mit den Trieben,

Die meine Seele fühlt, gleich ganz verschwendrisch seyn.

DAMON.

So stille, Schäferinn, die ungewohnte Pein

Durch meine treue Brust. Du kannst sie längst schon kennen:

Erlaube künftig mir, mich deinen Freund zu nennen.

MYRTILLUS zur Atalanta.

Man höre mich doch erst, bevor man sich entschließt,

Und eile nicht zu früh. Vernimm, wer Doris ist,

Und wer ich selber bin; so wirst du leichtlich glauben,

Sie könne dir bey mir kein liebes Herze rauben.

Doch seht, Menalkas kömmt, der thut dir alles kund,

Er kennt mich allbereits.

NISUS.

Der Handel geht recht bunt!

Ich sehe wahrlich nicht, was noch daraus entstehet.

DAMON.

Ich spüre schon vorher, wie alles endlich gehet,

Und eile, was geschieht, dem Vater kund zu thun.


Geht ab.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 438-440.
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