Der siebente Auftritt.

[440] Menalkas. Die vorigen.


MYRTILLUS.

Du kömmst zu rechter Zeit, auf dir beruht es nun,

Was uns entscheiden soll. Erklär itzt Atalanten[440]

Mein Wesen und Geschlecht; weil wir einander kannten,

Sobald wir uns gesehn. Wer bin ich? sag es frey.

MENALKAS.

Ich weis in Wahrheit nicht, was itzt dein Vorsatz sey,

Doch weil du's haben willst, so will ichs wohl entdecken.


Zur Doris.


Nur du, mein schönstes Kind, mußt nicht zu sehr erschrecken!

Myrtillus, den du liebst, verehrt dich brüderlich;

Doch was er sonsten thut, darinn verstellt er sich.

DORIS.

O Himmel! seh ich hier den Bruder in Myrtillen!

Was könnte meine Brust mit größrer Lust erfüllen?

Bist du mein Bruder es? Empfange diesen Kuß,

Den Mund und Neigung dir nicht länger weigern muß.

MYRTILLUS.

Ja Schwester, ein Geschlecht hat uns zur Welt gebohren:

Doch, da wir neulich nur den Vater auch verloren;

So wollt ich doch auch dich in diesen Fluren sehn;

Und das ist heute denn nach Herzenswunsch geschehn.

Verzeihe mir indeß mein kühnes Unterfangen,

Wir suchten eine Lust, und das ist angegangen.

Dich lieb ich brüderlich und bin recht sehr vergnügt,

Daß Tugend und Verstand in dir verborgen liegt.


Zu Atalanten.


Was dich nun anbetrifft, gepriesne Atalante!

So glaube, daß mein Herz von deinem Ruff schon brannte,

Eh ich dich noch gesehn. Ich kam, und fand dich auch,

Und sah zu gleicher Zeit den seltenen Gebrauch

Der steten Sprödigkeit, die dich zum Wunder machet,[441]

Weil du das schnöde Thun der Buhler stets verlachet.

Dich hab ich hochgeschätzt und habe dich geliebt;

Doch wann mein Herze sich erst itzt an dich ergiebt:

So ist es deine Schuld. Ich mußte mich ja zwingen

Und dich durch Sprödigkeit zur Gegenliebe bringen.

ATALANTA.

Mein Herze pocht vor Scham, ich weis nicht, wie mir ist,

Und ich begreife kaum die ungemeine List,

Womit du mich berückt. Ich habe mich verrathen!

Was fang ich itzund an? In Worten und in Thaten

Entdeckte sich mein Herz. Man sah es offenbar,

Daß mir der Doris Glück ein Dorn im Auge war,

Und daß ich innerlich – – – Genug! ich darf nur schweigen;

Das andre werden dir schon meine Minen zeigen.

MYRTILLUS.

So hassest du mich nicht?

ATALANTA.

Unmöglich, werther Freund!

So neu und fremde mir ein solch Bekenntniß scheint.

MYRTILLUS.

So bin ich denn vergnügt.

CORYDON UND AMARYLLIS.

Wir wünschen euch viel Glücke!

MENALKAS.

Und da man deutlich sieht, daß Himmel und Geschicke

Für unsre Freundschaft wacht, so gib es immer zu,[442]

Daß ich und Doris auch nach eurem Beyspiel thu.

Dieß angenehme Kind hat mir vorlängst gefallen;

Ich sah die Tugend stets in ihrem Herzen wallen:

Die Schönheit, so sie schmückt und ihrer Jugend Pracht,

Dieß alles hat mich längst ihr unterthan gemacht.

Sie selber haßt mich nicht, und wird sich leicht erklären;

Denn die Verstellung darf nunmehr nicht länger währen.

Was hoff ich nun von dir geliebte Schäferinn?

DORIS.

So sehr verwirrt ich noch des Bruders wegen bin;

So kann ich gleichwohl itzt, auf ein so ernstlich Fragen,

Dir nichts, als was du willst, zu deiner Antwort sagen:

Mein Bruder giebt vielleicht den Willen auch darein,

Denn itzund soll er mir an statt des Vaters seyn.

MYRTILLUS.

Ich freue mich dabey mit brüderlichem Herzen,

Und wünsche tausend Glück zu euern Hochzeitkerzen.

NISUS.

Und Nisus geht leer aus? Das ist in Wahrheit toll!

Daß ich nur ganz allein nichts Liebes haben soll.

O hätt ich doch das Ding nur klüger angefangen!

Doch halt! da kömmt ja gar Damötas selbst gegangen.

Was will der gute Mann? Das Spiel ist noch nicht aus!


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 440-443.
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