Der achte Auftritt.

[443] Damötas. Und die vorigen alle.


DAMÖTAS.

Ihr Kinder, freuet euch auf einen Hochzeitschmaus!

Es freyte Corydon nach unsrer Amaryllen,[443]

Ich gab mein Wort darein und will es auch erfüllen.

Allein, was seh ich hier? ihr steht ja schon gepaart!

Tritt Atalanta selbst zu dieser Lebensart?

Fürwahr, das wundert mich!

ATALANTA.

Ich habe mich besonnen;

Myrtillens Sprödigkeit hat meine Brust gewonnen.

Dafern ihm nun dein Mund das Jawort geben kann;

Wiewohl du thusts gewiß, ich zweifle gar nicht dran:

So werden wir ein Paar.

MYRTILLUS.

Das will ich gleichfalls hoffen.

Weil mir bereits bey ihr mein Wünschen eingetroffen.

DAMÖTAS.

Nein, lieben Kinder, nein! es geht unmöglich an,

Daß ich, so gern ich will, euch Beyfall geben kann.

Das Schicksal hindert mich mit himmlischen Gesetzen,

Die müsset ihr durchaus im Lieben nicht verletzen.

Drum trenn ich euer Band:


Er trennt sie von einander.


Es ist mir herzlich leid!

Doch dieses ist mein Grund, daß ihr Geschwister seyd.

MYRTILLUS.

Geschwister?

ATALANTA.

Himmel! wie?

MYRTILLUS.

Wer? ich und Atalante?[444]

DAMÖTAS.

Ja, ja! denn als ich sah, daß ihre Brust schon brannte,

Und dir gewogen war, so hat michs zwar vergnügt:

Gleichwohl beklag ich sie, indem es sich gefügt,

Daß ihre Neigung hier auf ihr Geschlecht gefallen.

Ich weis wohl, dieses ist, und muß auch bey euch allen

Ein rechtes Räthsel seyn. Allein geduldet euch,

So wird euch alles kund. Nun komm ich auch zugleich

Auf dieß verliebte Paar. Euch muß ich gleichfalls stören,

Ihr könnt euch ebenfalls nur als Geschwister ehren.

MENALKAS.

Mein Vater! ich und sie?

DORIS.

Wie kann das möglich seyn?

DAMÖTAS.

Sehr wohl. Drum geb ich auch den Willen nicht darein.

MENALKAS.

Ich weis nicht, wo ich bin, im Träumen oder Wachen!

DAMÖTAS.

So höret denn von mir den ganzen Lauf der Sachen:

Ihr wißt, als neulich kaum das Laub von Bäumen fiel,

Erreichte Margaris ihr letztes Lebensziel,

Mein liebgewesnes Weib. Wir weinten bey dem Grabe,

Darinn ich wahrlich selbst mein Herz verscharret habe.

Doch eh sie noch verschied, hat sie mir das entdeckt,

Was euch voritzt so sehr, als damals mich, erschreckt.

Sie sprach: Mein lieber Mann, du hast es wohl bemerket,[445]

Daß sich Menalkens Huld zur Doris täglich stärket:

Ja, wie man deutlich spürt, so wird er sich bemühn,

Ihr Herz, als Bräutigam, zur Gegenhuld zu ziehn.

Doch diese Neigung macht, daß ich mich heftig scheue,

Und, was ich einst gethan, itzt, fast zu spät, bereue.

Als Atalanta kaum aus ihren Windeln kam,

Und ich die Doris auch zur Auferziehung nahm,

Des Meliböus Kind, da pflegten wir die beyden

An ihrer Kleidung mehr, als sonst zu unterscheiden.

Sie waren ziemlich gleich am Alter und Gesicht,

Und, auch die Größe selbst entschied die Kinder nicht.

Nun gieng ich einen Tag mit beyden in die Fluren;

Mich dünkt, ich sehe noch ganz deutlich alle Spuren,

Die dieses kleine Paar im Klee und Grase trat:

Da kam ein Mann zu uns, der mich um etwas bath.

Er sprach, er wollte mir was Gutes prophezeihen,

Und all mein Haab und Gut sollt ungemein gedeihen.

Drauf sah er ungefähr auch in der Kinder Hand,

Und weil ich beyde gleich mein Töchterchen genannt,

So hat er mirs geglaubt. Es hieß, der Doris Leben,

Das würde mir einmal sehr viel Vergnügen geben;

Doch Atalantens Stern droh ihr ein frühes Grab:

Und was er sonst noch mehr für böse Zeichen gab.

Was sollt ich Arme thun? sollt ich mein Kind verlieren?

Und eines Fremden Kind in stetem Glücke spüren,

Wie mir der Mann gesagt? Nein! ich vertauschte bald

Die Kleider dieses Paars, und ließ euch dergestalt

Die Doris allezeit für Atalanten halten,

Und Atalanten stets der Doris Platz verwalten.

Sie wurden beyde groß: doch was der Mann gedroht,

Trifft noch zur Zeit nicht ein; denn, noch ist keine todt.

Nur dieses bleibt gewiß, du mußt es nicht verstatten,

Daß sich Menalkas darf mit unsrer Doris gatten,

Die seine Schwester ist. So sprach mein liebes Weib,[446]

Und bald darauf verließ ihr Geist den kalten Leib,

Wie ich vorhin gedacht.


Zum Menalkas.


Nun kannst du selber sehen,

Warum von mir vorhin die Trennung ist geschehen.

Weil Atalanta nun wahrhaftig Doris heißt:

So fällt ein Bündniß weg, das sie mit dem beschleußt,

Der itzt ihr Bruder ist.


Zur Doris.


Du, die wir Doris nannten,

Du wirst itzt allererst zur rechten Atalanten:

Und da Menalkas dich hinführo Schwester nennt;

So ist auch dieses Band aufs billigste getrennt.

Nun richtet euch darnach. Doch wollt ihr euch verbinden;

So läßt sich noch vielleicht ein andrer Vorschlag finden.

Verwechselt was ihr liebt. Vertauschet Hand um Hand;

So segnet mit der Zeit der Himmel euer Band.

Ich bin vom Reden matt; drum geh ich nur zurücke,

Und wünsch euch väterlich, als frommen Kindern, Glücke.


Geht ab.


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Joachim Birke, Band 2: Sämtliche Dramen, Berlin 1968/1970, S. 443-447.
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