Erinnerung wegen der fünften Auflage.

[30] Ein Tag lehret den andern; und ich begehre es nicht zu läugnen, daß auch meine Einsicht und Kenntniß unserer Muttersprache noch immer eines Wachsthums fähig sey. Ich[30] habe mich anheischig gemachet, lebenslang an meiner Sprachlehre zu bessern; und ich halte hiermit abermal mein Wort. Auch diese neue Ausgabe erscheint etwas richtiger, und geputzter vor deinen Augen, geneigter Leser, um deiner Gunst würdiger zu werden. Doch glaube nicht, daß du hier Hauptänderungen, oder eine gänzlich umgeschmolzene Sprachkunst finden werdest. Nein, so übereilt pflege ich meine Arbeiten nicht ans Licht zu bringen, daß ich bald darauf meine Grundsätze umzustoßen, und das unterste zu oberst zu kehren, nöthig hätte. Wer nicht ganz genau, Seite mit Seite und Zeile mit Zeile in der letzten und itzigen Auflage vergleichen wird, der dörfte es kaum wahrnehmen, daß die Hand des Meisters nochmals darüber gekommen. So gar ist alles, was die Hauptsachen betrifft, beym alten geblieben. Nur Kenner und scharfsichtige Kunstrichter werden hier und da mehr Genauigkeit, und eine schärfere Richtigkeit in vielen Stücken wahrnehmen.

Wie es nun überflüßig wäre, alle solche Kleinigkeiten, Vermehrungen und Verbesserungen hier noch mals anzuzeigen: so muß ich hingegen ein Wort gegen einen Tadler meiner Sprachkunst sagen, der unlängst aus einer unlautern Absicht an derselben zum Ritter werden wollen. Es ist solches Hr. M. Junker zu Hanau, der aus Begierde, etwas zu verdienen, 1760 eine neue Grammatik, zum Gebrauche der Franzosen ans Licht gestellet hat. Als er dieselbe in einer vorläufigen Anzeige verkündigte, drang ihm die Wahrheit ein Bekenntniß ab1, welches mir so rühmlich war, daß ich es[31] nicht einmal übersetzen mag. So schmäuchelhaft hier sein Zeugniß war, und so sehr ich ihm dafür verbunden bin: so wenig kann ich mich darein finden, daß er in der Vorrede seiner NOUVEAUX PRINCIPES, aus einem ganz andern Tone, von mir und meiner Sprachkunst zu reden angefangen hat. Er nimmt fast alles mit einander wieder zurück, was er doch ungezwungen und aus eigenem Triebe gutes von uns gesaget hatte, und widerspricht sich also selbst.

Denn so wahr dasjenige war, was er gleich nach obiger Stelle in seinem AVERTISSEMENT2, hinzugesetzt hatte; daß ich nämlich meine Sprachkunst nur für die Deutschen geschrieben hätte; wie solches in meiner ersten Vorrede mit deutlichen Worten enthalten ist, und aus dem ganzen Werke erhellet: so unfreundlich ist er mit mir verfahren, wenn er in dieser Vorrede, überhaupt auf meine Sprachkunst den Zorn ausschüttet, den er anfänglich, nur der straßburgischen französischen Ausgabe zu geben gedacht haben mochte. Ich bin so wenig geneigt, böses mit bösem zu vergelten, daß ich sein Buch zwey Jahre in Händen gehabt, ohne einen Auszug von ihm, im Neuesten aus der anmuth. Gel. zu geben. Wie leicht würde es mir gefallen seyn, ihm doppelt soviel wirkliche Fehler vorzurücken, als er mir vermeynte vorgeworfen hat? Allein, ich liebe das Zanken, zumal von grammatischen Kleinigkeiten,[32] nicht, sonst hätte ihm eine STRIGILIS GRAMMATICA zu Diensten gestanden. Außer dem habe ich ein Mitleiden mit ihm gehabt. Meine und die straßburger französische Sprachkunst, mögen ihm wohl im Absatze der Seinigen, die er auf eigene Kosten drucken lassen, im Wege gestanden seyn. HINC ILLÆ LACRUMÆ! Wie konnte er das verschmerzen, ohne auf das los zu ziehen, was den Abgang seines Buches, so merklich hinderte? Ob aber dieses eine lautere Quelle einer Kritik sey, mögen unparteyische Leser selbst urtheilen.

Soviel habe ich nur in dieser Erinnerung davon beybringen müssen: ein mehrers wird der straßburgische Herausgeber, mit dem er eigentlich zu thun hat, in der neuen Ausgabe, die eben itzo auch vieleicht fertig werden wird, ihm entgegen setzen. Diese oft wiederholten Abdrücke nun (wie denn auch mein Kern der deutschen Sprachkunst zum viertenmaale fertig geworden) bezeugen noch immer, die gütige Aufnahme meiner Sprachkunst, und die Gewogenheit meiner werthen Landesleute: der ich mich auch ferner empfohlen haben will.

Was mir ein anderer feindseliger Tadler meiner Sprachkunst, Herr Rector Heinz zu Lüneburg, für Anmerkungen entgegen gesetzet, das übergehe ich hier mit einem gelassenen Stillschweigen. Hr. Ge. Christoph Kunz, Rector zu Nörnberg, und der hies. deutsch. Ges. Mitgl. hat dieselben in seiner so betitelten Beleuchtung, so gründlich abgefertiget, daß sie allen ihren Werth und Schein verlohren haben. Solche unreife Sprachkünstler, verrathen nur ihre eigene Schwäche, wenn sie sich in ein Handwerk mengen wollen, dem sie nicht gewachsen sind; und ihr lautes Geschrey über Dinge, die sie nicht eingesehen, erwecket ihnen, zu ihrer Beschämung den Zuruf: SI TACUISSES, GRAMMATICUS MANSISSES.


Geschrieben

den 16 des Aerntemonds 1762.

Gottsched.

Fußnoten

1 Seine Worte lauten so: PERSONNE N'ETOIT PLUS EN ÉTAT, QUE MR. GOTTSCHED, DE DECOUVRIR & METTRE AU JOUR LES PRINCIPES & LES BEAUTÉS DE LA LANGUE ALLEMANDE; AUSSI CE SAVANT, QUI FAIT TANT D'HONNEUR A L'UNIVERSITÉ DE LEIPZIG, & QUE LA POSTERITÉ REGARDERA AVEC JUSTICE COMME LE VARRON & LE CICERON DES ALLEMANS, NE S'EST PAS MOINS ACQUIS DE CELEBRITÉ, PAR LA GRAMMAIRE, QU'IL A DONNÉ AU PUBLIC, QUE PAR SES AUTRES OUVRAGES. CETTE GRAMMAIRE MERITE SANS DOUTE LA PRÉFERENCE SUR TOUTES CELLES, QUE NOUS AVONS EUËS AUPARAVANT, & L'ON PEUT DIRE, QUE SON EXCELLENCE EST TELLEMENT RECONNUË, QUE CEUX, QUI DEPUIS ONT ECRIT SUR CETTE MATIERE, ONT ÉTÉ LOUÉS OU CRITIQUÉS SUIVANT QU'ILS SE SONT RAPROCHÉS OU ÉLOIGNÉS DES PRINCIPES DE MR. GOTTSCHED.


2 MAIS CE SAVANT PAROIT N'AVOIR EU POUR BUT; QUE DE METTRE LES ALLEMANS À PORTÉE DE CONNOITRE LA PURETÉ & LA REGULARITÉ DE LEUR LANGUE. SA GRAMMAIRE EST À PEÙ PRÈS POUR LES ALLEMANS CE, QU'EST CELLE DE RESTAUT, POUR LES FRANÇOIS; & C'EST PAR CETTE RAISON, QU'ELLE NE PEUT SATISFAIRE ENTIÉREMENT LES ETRANGERS, QUI SOUHAITENT D'APRENDRE NOTRE LANGUE. QUICONQUE VOUDRA SE CONVAINCRE DE LA VERITÉ DE CE QUE JE VIENS D'AVANCER, PEUT CONSULTER CEUX DES ÉTRANGERS, QUI ONT VOULÛ PUISER LES PRINCIPES DE LA LANGUE ALLEMANDE DANS LA TRADUCTION FRANÇOISE DE LA GRAMMAIRE DE MR. GOTTSCHED, DONT ON A DONNÉ DEPUIS PEU UNE NOUVELLE EDITION À STRASBOURG, ETC.[33]


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. 12 Bände, Band 8, Berlin und New York 1968–1987, S. 30-35.
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