Das II Hauptstück.
Vom Geschlechtsworte (articulo).

[204] 1 §.


Die deutschen Geschlechtwörter sind eben sowohl, als im Griechischen, zweyerley1. Das eine ist ein unbestimmtes, (ARTTCULUS INDEFINITUS) das andere aber ein bestimmtes (ARTICULUS DEFINITUS). Jenes ist das Wörtchen ein, eine, ein2; z.E. ein Tempel, eine Kapelle, ein Haus. Selbiges wird gesetzet, wenn man noch von keiner gewissen oder bestimmten Sache, sondern nur überhaupt von dergleichen Dingen reden will. Dieses aber ist das Wörtchen der, die, das; welches die Sache schon weit näher bestimmet: als der Tempel, die Kapelle, das Haus. Von beyden muß deutlicher gehandelt werden.[204]

2 §. Man bemerket aber, sowohl bey allen Benennungen der Dinge überhaupt, als bey diesen Geschlechtswörtern, daß sie auf gewisse Fragen auch andere Endungen3 annehmen; doch so, daß die Stammbuchstaben unverletzet bleiben. Wir werden dieses deutlich sehen, wenn wir die Fragen, mit dem abgeänderten Geschlechtsworte gegenüber, hersetzen.


Abänderung des unbestimmten Geschlechtswortes Ein.


männlich, weiblich, ungewiß,
1. Frage: Wer? Ein Mann, eine Frau, ein Kind.
2. Frage: Wessen? Eines Mannes, einer Frau, eines Kindes.
3. Frage: Wem? Einem Manne, einer Frau, einem Kinde.
4. Frage: Wen? Einen Mann, eine Frau, ein Kind.
5. Die Anrufung: O du Mann, O du Frau, O du Kind.
6. Fr. Von wem? Von einem Manne, einer Frau, Einem Kinde.

3 §. Diese sechs veränderten Endungen haben die Lateiner CASUS, oder Fälle genennet: wir aber können sie besser schlechtweg, Endungen heißen, und zwar in der Ordnung, wie die Fragen da stehen, die erste, zweyte, dritte, vierte; fünfte, sechste Endung. Denn wenn gleich einige von unsern Sprachlehrern darinnen dem Gebrauche der Lateiner gefolget sind, und ihre CASUS so buchstäblich gegeben haben:[205]


Casus, der Nennfall, oder die Nennendung;
nominativus,
Casus der Zeugefall, oder die Zeugendung;
genitivus,
Casus der Gebefall, oder die Gebendung;
dativus,
Casus der Klagefall, oder die Klagendung;
accusativus,
Casus der Ruffall, oder die Rufendung;
vocativus,
Casus, der Nehmefall, oder die Nehmendung;
ablativus,

so haben doch andere lateinische Sprachlehrer, auf eine bequemere Art, CASUM PRIMUM, SECUNDUM, TERTIUM, u.s.w. gebrauchet. Diese Art nun, die Endungen der Nennwörter und Fürwörter zu unterscheiden, dünket mich im Deutschen desto bequemer: je weniger man, in den obigen Benennungen, von dem Zeugen, Geben, Klagen und Nehmen, einen Grund angeben kann4.

4 §. Man hat bey den Abänderungen der Nenn- und Fürwörter ferner zu bemerken, daß die Dinge, wovon sie reden, entweder einzeln, oder in mehrerer Zahl angetroffen werden. Beydes muß man den Wörtern ansehen können, wenn anders die Sprache deutlich seyn soll. Zwar was das unbestimmte Geschlechtswort betrifft: so kann selbiges seiner Natur nach, nicht von vielen gesaget werden: die mehrere Zahl aber hat kein solches Geschlechtswort; denn man saget schlechterdings, Männer, Frauen, Kinder. Z.E. Männer müssen nicht wie Kinder fechten5. Frauen sind keine Mägde. Hier ist also das unbestimmte Geschlechtswort, gleichsam unsichtbarer Weise, vorhanden. Die Redensart: ein und andere Männer ist ein Zwitter, von der einfachen und mehrern Zahl: und hieße besser, einige, als ein Fürwort.[206]

5 §. Allein, ganz anders verhält sichs mit dem bestimmten Geschlechtsworte, der, die, das. Dieses sieht in seiner völligen Abänderung so aus:


Einfach (SINGULARITER).


männlich, weiblich, ungewiß
Die erste Endung, der Mann, die Frau, das Kind;
Die zweyte Endung, des Mannes, des Frau, des Kindes;
Die dritte Endung, dem Manne, der Frau, dem Kinde;
Die vierte Endung, dem Mann, die Frau, das Kind;
Die fünfte Endung, o du Mann, o du Frau, o du Kind;
Die sechste Endung, von dem Manne. von der Frau. von dem Kinde.

Vielfach (PLURALITER).


Die erste Endung, die Männer, Frauen, Kinder;
Die zweyte Endung, der, nicht derer, oder deren;
Die dritte Endung, den, nicht denen,
Die vierte Endung, die Männer, Frauen, Kinder;
Die fünfte Endung, o ihr Männer, Frauen, Kinder;
Die sechste Endung, von den, nicht denen.

6 §. Hierbey merke man, daß von vielen in der zweyten, dritten und sechsten Endung der mehrern Zahl, sehr unrecht derer, und denen gesetzet wird. Man muß nämlich den Artikel, oder das Geschlechtswort, der, die, das, von dem Fürworte der, die, das, sehr genau unterscheiden. Dieses hat gleich in der zweyten Endung der einzeln Zahl dessen, derer, dessen, da jenes nur des, der, des hat. Der Unterschied[207] besteht darinnen, daß das Fürwort auch ohne das Hauptwort stehen darf; das Geschlechtswort aber niemals ohne dasselbe seyn kann. Z.E. in der Bibel steht sehr richtig, Joh. 6: Jesus nahm die Brodte, dankete, und gab sie (Artikel) den Jüngern: die Jünger aber (Fürwort) denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von (Artikel) den Fischen. Imgleichen Matth. 15,38: Und die gegessen hatten, (Fürwort) derer waren bey vier tausend Mann6

7 §. Man muß ferner bey diesem Geschlechtsworte merken, daß es oft mit gewissen Vorwörtern zusammengezogen, und gleichsam in eins geschmolzen wird; weil die Geschwindigkeit im Reden solches so mit sich bringt, und möglich machet. Zum Exempel:


für an dem, setzet man, am Tage liegen,

füran das,setzet man,ans Licht bringen,

fürauf das,setzet man,aufs Feld reiten,

fürauf dem,setzet man,aufm Haupte tragen,

füraus dem,setzet man,ausm Kopfe reden,

fürdurch das,setzet man,durchs Wasser gehen,

fürfür das,setzet man,fürs Geld bekommen,

fürhinter dem,setzet man,hinterm Ofen liegen,

fürhinter den,setzet man,hintern Ofen werfen,

fürin dem,setzet man,im Himmel seyn,

fürin das,setzet man,ins Feuer schmeißen,

fürvon dem,setzet man,vom Übel erlösen,

fürvor das,setzet man,vors Fenster legen,

fürvor dem,setzet man,vorm Thore suchen,

fürvor den,setzet man,vorn Kopf stoßen,

fürüber dem,setzet man,überm Feuer hangen,

[208] fürüber den,setzet man,übern Tölpel werfen,

fürüber das,setzet man,übers Meer fahren,

fürunter dem,setzet man,unterm Kopfe haben,

fürunter den,setzet man,untern Kopf legen,

fürunter das,setzet man,unters alte Eisen werfen,

fürwider den,setzet man,widern Stachel läcken,

fürwider das,setzet man,widers Verboth handeln,

fürzu dem,setzet man,zum Guten reizen,

fürzu den,setzet man,zun Zeiten Herodis,

fürzu der,setzet man,zur Güte bewegen,u.d.gl.


NB. Viele wollen nun hier zwar auch das an, mit den; und das in, mit den, zusammenziehen, wenn sie sagen: er kömmt an Galgen, für an den; in Himmel, für in den; allein falsch. Denn da das letzte n sich hier nicht verwandeln läßt, so müßten sie ja schreiben an' n Galgen, in' n Himmel. Aber wer kann das aussprechen? Schmelzet nun gleich die geschwinde Aussprache diese und dergleichen Syllben mehr, als an den in an' n, (er kömmt an' n Galgen,) zusammen: so muß man doch im Schreiben den Grund besser anzeigen, und lieber an den Galgen, in den Himmel, schreiben, als Lesern, sonderlich Ausländern, solche Schwierigkeit machen. Denn ist es nicht billig, daß von einem verbissenen Worte wenigstens einige Spur übrig bleibe?


8 §. Es ist also auch falsch, wenn einige hier in Obersachsen, auch wohl im Reiche, in der dritten und sechsten Endung der einzelnen Zahl, beym männlichen oder ungewissen Geschlechtsworte, ein n; in der mehrern Zahl aber ein m sprechen oder schreiben. Z.E. Ich habe es den Mann gesaget, anstatt dem Manne; ich habe es von keinen Menschen gesehen, anstatt von keinem. Oder: Er lag ihm zum Füßen, anstatt zun Füßen, oder zu den Füßen; imgleichen zum Sternen erheben, anstatt zun, das ist zu den Sternen. Eine falsche Aussprache, oder ein eingebildeter Wohlklang, kann wider die Richtigkeit der Regeln nichts falsches rechtfertigen. Ein Lausitzer, Schlesier, Brandenburger, Preuß, und Niedersachs, wird niemals so falsch sprechen.

9 §. Endlich ist nicht zu vergessen, daß die Geschlechtswörter oft dienen, die Bedeutungen gewisser Wörter zu bestimmen,[209] die sonst einerley zu seyn scheinen würden. So ist z.E.


Männlich. Weiblich. Ungewiß.
Der Aal, ein Die Ahle, eine
Fisch. Schusterpfrieme.
Der Alp, die Die Alpen, das
nächtliche Gebirg.
Beängstigung
Die Armuth, Das Armuth,
paupertas. pauperes.
Der Asch, ein Die Asche,
Topf. verbrannt Holz.
Der Bach, ein Die Bache, eine
fließend Wasser. Sau.
Der Bär, ursus. Die Beere, eine
Frucht.
Der Balg, eines Die Balge, ein Das Balgen.
Thieres. Waschgefäß
Der Bann, Die Bahne,
excommunicatio. Straße.
Der Band, am Die Bande, eine Das Band,
Buche. Rotte. vinculum.
Der Bart, am Die Barte, ein
Kinne. Beil.
Der Bauer, ein Das Bauer, oder
Ackersmann. Gebauer, für die
Vögel.
Die Beete, Das Beet, zu
Mangold. Blumen.
Die Beule, eine Das Beil, eine
Geschwulst. Axt.
Die Blüte, der Das Blut, in
Bäume. Adern.
Der Both, Das Boot, cymba.
nuncius.
Der Port, ein Die Borte, am Das Bort des
Haven. Kleide. Schiffes.
Der Bug, die Die Buche, Das Buch, liber.
Schulter des fagus.
Wildes.
Der Bull, ein Die Bulle des Das Buhlen, ein
Stier. Papstes. Buhle.
Der Bund, Das Bund, Heu
f™dus. oder Stroh.
Der Busen, Die Buße, die
sinus. Reue.
Der Don, ein Die Done, die
Strom. Vogelschlinge.
Die Aente, anas. Das Ende, finis.
Die Esse, Das Essen.
Feuermauer.
Der Fall, casus. Die Falle, für
Thiere.
Die Feyer, ein Das Feuer,
Fest. ignis.
[210] Der Gall, sonus. Die Galle, fel.
Die Gelte, ein Das Geld, die
Gefäß. Münze.
Die Gift, als Das Gift,
Mitgift. venenum.
Der Haken, etwas Die Hacke.
aufzuhängen.
Der Hader, ein Die Ader.
Zank.
Der Herd, focus. Die Heerde,
grex.
Der Heyd, Die Heide,
paganus. unfruchtbares
Land.
Der Hirt, Die Hürde, der
pastor. Zaun um eine
Heerde.
Der Hut, pileus. Die Hut, eine
Wacht.
Der Irr, ein Der Irre, in der Das Ihre,
Irrländer. Irre gehen. Ihrige.
Der Kahn, Die Kanne,
linter. cantharus.
Der Keil, Die Keule,
cuneus. clava.
Der Kien, Das Kinn,
harzigt Holz. mentum.
Der Kies, grober Die Küsse, Das Küssen, v.
Sand. basia. Federn.
Der Kohl, Die Kohle,
brassica. carbo.
Der Koht, Die Kothe, zum
Unflaht. Salzsieden.
Der Grimm, Die Krümme, Das Grimmen, im
furor. curvatura. Bauche.
Der Lachs. Die Lache, eine Das Lachen,
Pfütze. risus.
Die Laube, eine Das Laub, der
grüne Hütte. Bäume.
Der Laut, sonus. Die Laute, das
Instrument.
Die Letter, Das Leder,
litera. corium.
Die Lehne, am Das Lehn,
Stuhle. feudum.
Die Leiche, Das Leychen, der
funus. Fische.
Der Lein, Die Leine, ein Das Leinenzeug.
Flachs. Seil.
Der Leisten, zum Die Leiste,
Schuh limen.
Der Leuchter. Die Leuchte.
Der Lohn, Die Löhnung. Das Lohn,
præbmium. merces.
Die Maas, ein Das Maaß,
Fluß. mensura.
Der Mantel. Die Mandel, oder Das Mandel.
Der Mangel. Die Mange,
Wäsche zu
rollen.
Der Marder, Die Marter,
martes. tormentum.
[211] Der Messet, Das Messer,
mensor. culter.
Der Mund. Die Münde, od.
Mündung eines
Stroms.
Die Muße, otium. Das Mus, ein
Brey.
Der Nabel, Die Nabe, am
umbilicus. Rade.
Die Nessel, Das Nößel, ein
urtica. Maaß.
Der Pracht, Die Pracht,
luxus. pompa.
Der Rath, Das Rad, rota.
consilium.
Der Rang, die Die Range, ein
Würde. ungerathen Kind.
Die Rasen, im Das Rasen,
Grünen. furor.
Der Raub, Die Raupe,
spolium, eruca.
Der Reiß, oryza. Die Reise, iter. Das Reis an
einem Baume.
Der Reiche, Die Reihe, Das Reich,
dives. series. imperium.
Der Riese, Das Rieß,
gigas. Papier.
Die Rinde, Das Rind,
cortex. Hornvieh.
Die Rose. Das Roß.
Der Segen, Die Säge, Holz
benedictio. zu schneiden.
Der Saal, Die Saale, ein
atrium. Fluß.
Der Schall, Die Schale,
sonus. putamen.
Die Scheide, Das Scheit,
vagina. Holz.
Der Schein, Die Scheune,
apparentia. Tenne.
Der Scherf, eine Die Schärfe,
kleine acies.
Münze. Die Scherfe um
d. Leib.
Der Schild, Das Schild eines
clypeus. Künstlers.
Das Schloßen, Das Schloß, arx.
vom Hagel.
Der Schmack, Die Schmach,
gustus. injuria.
Der Schneider, Die Schneide,
sartor. acies.
Der Schott, Die Schote,
scotus. Hülsenfr.
Der Schoß, Die Schooß, auch der Schooß.
tributum. gremium.
Der Schutt, was Die Schütte,
man wegschüttet. Stroh.
Der Schwamm, Die Schwemme für
fungus. Pferde.
Die Säule, Das Seil, funis.
columna.
Der See, im Die See, das
Lande. Meer.
[212] Der Sohn. Die Sonne.
Der Span. Die Spanne.
Der Staat. Die Stadt.
Die Steuer, die Das Steuer, ein
Hülfe. Ruder am
Schiffe.
Der Stiel, Die Stille,
manubrium. silentium.
Der Stollen, im Die Stolle, des
Bergwerke. Tisches.
Der Taube, Die Taube,
surdus. columba.
Der Tausch. Das Taus, in d.
Karte, besser
Daus, v. deux.
Der Taxus, ein Die Taxe,
Baum. Schätzung.
Der Thau, ros. Das Tau am
Anker.
Der Theil, vom Das Theil, ein
Buche. Erbtheil.
Die Thüre. Das Thier.
Der Thor, Das Thor, porta.
stultus.
Der Ton. Die Tonne.
Der Wagen, Die Wage, libra.
currus.
Der Wall, Die Wahl,
vallum. electio.
Der Wahn. Die Wanne.
Der Weyh, Die Weihe, Das Weichbild.
milvius. consecratio.
Der Weise, Die Weise,
sapiens. modus.
Die Wehre, wider Das Wehr, am
einen Feind. Wasser.
Der West, Die Weste, zum
Occident. Kleide.
Die Wette, Das Wetter
sponsio.
Der Wind. Die Winde, ein
Hebezeug.
Die Wolle, lana. Das Wollen,
velle.
Die Wunde. Das Wunder.
Die Zähre, Das Zehren,
lacryma. consumtio.
Der Zank, rixa. Die Zange,
forceps.
Der Zeug, von Das Zeug, ein
Metall. Geweb.
Der Ziegel, Die Ziege,
later. capra.
Die Zinke, ein Das Zink, ein
Blasrohr. Metall.
Die Zinne des Das Zinn,
Tempels. stannum.
Die Zither, ein Das Zittern, in
Instrument. Gliedern.

[213] Was vom Geschlechtsworte noch sonst zu sagen ist, und in den vorigen Ausgaben hier gestanden, gehöret in den SYNTAX, oder die Wortfügung der Geschlechtswörter, im III Theile dieser Sprachkunst.

Fußnoten

1 Herr Plüsche, in seinem Tractate DE LA MECANIQUE DES LANGUES, hat eine besondere Meynung vom Artikel: daß nämlich dieses Redetheilchen sich in Europa von den Saracenen herschreibe; die eine Zeitlang in Wälschland, Spanien, und auf der mittäglichen Küste von Frankreich gehauset. Allein, der gute Mann vergißt, daß schon die Griechen und Deutschen in allen ihren Mundarten dasselbe gehabt; die es denn lange vor dem Einfalle der Saracenen, durch die Gothen, Langobarden, Wandalier, Sueven, Burgunder und Franken, ja selbst durch die Normannen, in alle diese Länder gebracht. Und warum sollte wohl die alte gallische Sprache, als eine Schwester der Deutschen, nicht auch den Artikel gehabt haben, ehe noch Cäsar Gallien erobert, und das Latein dahin gebracht hat?


2 Wer sich einbildet, dieses sollte einer, eine, eines heißen, der vermischet das Geschlechtswort mit dem Fürworte. Denn einer und eins kann und muß allein, ohne das Hauptwort, gesetzet werden. Einer Mann, eins Haus, kann man ja nicht sagen.


3 Man machet mir viel Einwürfe, daß man im Deutschen keine sechste Endung nöthig hätte: 1) weil mans nicht nöthig hätte, sich nach den Lateinern zu richten; 2) weil das von ein Vorwort ist; 3) weil die dritte und sechste Endung allemal einerley ist. u.d.g.m. Allein, diese Gründe sind so überzeugend nicht, daß sie mich bewegen könnten, von allen meinen Vorgängern abzuweichen. Ich erwiedere aufs 1), daß es vernünftig sey, den Lateinern zu folgen, wenn sie etwas Gutes gethan haben. 2) das von ist auch der sechste Fall, eben so wenig, als das mit, welches eben so wohl dabey stehen könnte. 3) Im Lateine ist es eben so; und doch sind sie unterschieden. Hernach giebt es auch in der Wortfügung viele Schwierigkeiten, wenn man beyde Endungen vermengen will. Diese fallen weg, wenn man sie unterscheidet.


4 Man hat nur einen Zweifel dabey; daß nämlich viele deutsche Hauptwörter nicht auf alle Fragen verschiedene Endungen bekommen; die weiblichen aber in der einfachen Zahl gar keine Änderung haben. Allein, ist es im Lateine nicht öfters eben so? und da wir hier vom Artikel reden, der sich unstreitig ändert; worinn ihm unzählige Hauptwörter, und Fürwörter, ja auch die weiblichen zum Theil, in der mehrern Zahl folgen: so kann man diesen Namen schon beybehalten.


5 Dieses gilt nur vom Deutschen; aber nicht vom Französischen und Wälschen; als welche auch in der mehrern Zahl ihre unbestimmten Geschlechtswörter haben: Z.E. DES HOMMES, DES FEMMES, GLI HUOMINI, etc. Und darinnen ist unsere Sprache erwas kürzer, als das Wälsche und Französische. Z.E. wenn ich sage, Gelehrte brauchen viel Bücher: so muß der Franzos sagen: Les oder des SAVANTS ONT BESOIN des LIVRES und der Italiener: GLI LITTERATI NO POSSONO MANCAR DE'I LIBRI.


6 Diese Anmerkung ist desto nöthiger hier zu machen, da mich auch große Männer in Wien, die das Deutsche lieben, um diese Art zu schreiben, als um eine Neuerung im Deutschen befraget haben. Allein, es ist solches eine sehr alte Art, die D. Luther und andere Schriftsteller schon vor mehr als 200 Jahren in der Bibel, und andern Büchern beobachtet haben. Jene hergegen, allemal den Artikel mit dem Fürworte zu vermengen, ist nur eine Unachtsamkeit neuerer Schriftsteller zu nennen.[214]


Quelle:
Johann Christoph Gottsched: Ausgewählte Werke. 12 Bände, Band 8, Berlin und New York 1968–1987, S. 204-215.
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