Erster Auftritt


[84] Fräulein Amalie. Fräulein Karoline.


FRÄULEIN AMALIE. Ach, liebe Schwester! wenn doch nur heute unsrer Frau Muhme keine Verhinderung in den Weg käme; daß sie das Testament machen könnte!

FRÄULEIN KAROLINE. Warum denn das?

FRÄULEIN AMALIE. Ei nun! Weil sie sich's doch einmal vorgenommen hat, ihre Sachen in Richtigkeit zu bringen: so wüßte doch ein jeder, woran er wäre.

FRÄULEIN KAROLINE. Je! unsertwegen mag sie es heute oder über zehn Jahre machen! Hast du denn eine Not bei ihr?

FRÄULEIN AMALIE nickt mit dem Kopfe. Hm! das sage ich eben nicht!

FRÄULEIN KAROLINE. Nun; mich dünkt, solange wir noch bei einer Muhme im Hause sind, wo wir weder dursten noch hungern, noch elend gekleidet gehen dörfen: so hätten wir keine Ursache, an ihr Testament zu denken.

FRÄULEIN AMALIE schüttelt mit dem Kopfe. Ja, ja!

FRÄULEIN KAROLINE. Es wird nicht eine jede Schwester ihrer Schwester Kinder so liebreich verpflegen, als es uns hier geschieht. Zwar die Frau Oberstin ist ein wenig wunderlich. Das kömmt aber davon her, daß sie meint, vor einer reichen Frau müssen alle die, die von ihr einmal was zu hoffen haben, ihre gesunde Vernunft verleugnen: weil sie sie enterben kann.

FRÄULEIN AMALIE. Darin hat sie auch recht! Wer reich ist, der ist allein klug.

FRÄULEIN KAROLINE. Wie? Was sagst du?

FRÄULEIN AMALIE. Ja, ja! wer reich ist und andere Leute glücklich machen kann, vor dem müssen sich die anderen schmiegen.

FRÄULEIN KAROLINE. Andere Leute glücklich machen kann? Je! wer ist denn hier im Hause wohl glücklicher, die Frau Muhme oder wir?

FRÄULEIN AMALIE. Unfehlbar sie! denn sie hat das Geld, worauf wir alle hoffen.[84]

FRÄULEIN KAROLINE spöttisch. Du darfst eben nicht wir sagen. Es gibt noch Leute im Hause, die auch ohne dies Testament zufrieden sein können.

FRÄULEIN AMALIE höhnisch. Willst du mir deinen Anteil auf der Oberstin ihre Erbschaft schenken?

FRÄULEIN KAROLINE lachend. O herzlich gern! Mir wäre aber mit solchen Geschenken wenig gedient, die der, der sie gibt, noch selber nicht hat.

FRÄULEIN AMALIE. Selber nicht hat? Wie? ist sie nicht unsrer Mutter Schwester? und sind wir nicht ihre nächsten Erben?

FRÄULEIN KAROLINE. Nein! das sind wir nicht! denn sonst dörfte sie kein Testament machen.

FRÄULEIN AMALIE. Je nun! freilich hat sie noch eine Schwester: aber sie wird ihr Vermögen doch lieber jungen Leuten gönnen, die es in der Welt noch nutzen können, als der alten Frauen.

FRÄULEIN KAROLINE. Nein, sie täte viel besser, sie ließe es ihrer Schwester, der es von Rechts wegen zukömmt, als daß sie es jungen, leichtsinnigen Leuten gibt, die ihr Glück selbst in der Welt suchen sollen.

FRÄULEIN AMALIE. Ihr Glück selbst suchen! Je, wo wollte ich einen Mann bekommen, wofern mich die Frau Muhme nicht zur Erbin einsetzt?

FRÄULEIN KAROLINE lachend. Mußt du denn so notwendig einen Mann haben?

FRÄULEIN AMALIE. Wenn mich das ein andrer fragte, so wüßte ich, was ich ihm antworten wollte!

FRÄULEIN KAROLINE. Und zwar einen Mann, der dich nur deines Geldes wegen nimmt? Spöttisch. Dazu bist du doch zu schade!

FRÄULEIN AMALIE. Meinethalben! wer eine alte Jungfer werden will, der kann es tun.

FRÄULEIN KAROLINE lächelnd. Nein, das können wir nicht werden: denn wir sind Fräuleins.

FRÄULEIN AMALIE höhnisch. Je nun! ich meinte, wer keinen Mann zu kriegen wüßte. Der Unterschied wird zu groß nicht sein!

FRÄULEIN KAROLINE. Ach du gutes Kind! wenn es nicht dem Wohlstande zuwider wäre, daß das Frauenzimmer sich um die Mannsleute bewürbe, so würden wir vielleicht alle gleich viel Freier haben.

FRÄULEIN AMALIE. Das liegt am Tage. Ich weiß, wie ich von Freiern und Werbern gequälet werde! Sie seufzt. Ich sehe aber keine, der es auch so geht?[85]

FRÄULEIN KAROLINE. Ja, das glaube ich wohl! Denn wer dich nur einmal ansieht, der ist gleich dein Freier. Sie lacht.

FRÄULEIN AMALIE. Ja, ja, lache nur! der Berghauptmann hat mich nur noch gestern grüßen lassen.

FRÄULEIN KAROLINE. Der Berghauptmann von Quarzdorf? und durch wen?

FRÄULEIN AMALIE. Durch die alte Kammerfrau. Sie ist ihm begegnet, da sie aus der Stadt zurücke kam.

FRÄULEIN KAROLINE. Wie? untersteht sich denn die alte Hexe, solche Gewerbe zu bestellen?

FRÄULEIN AMALIE. Warum nicht? Ich hatte ihr gesaget, daß er mir gesagt hätte: er wäre bloß meinetwegen hergekommen.

FRÄULEIN KAROLINE. Wie kannst du das aber sagen? Er war ja bloß gekommen, mit der Oberstin wegen des neuen Grubenbaues die Sachen einzurichten?

FRÄULEIN AMALIE. Nun, er hat mir's doch gesagt! Höhnisch. Hätte er dir's nur gesagt: so würdest du es ihm wohl glauben.

FRÄULEIN KAROLINE. Nein, ich würde es für eine bloße Höflichkeit halten, die die Mannsleute dem Frauenzimmer zu sagen gewohnt sind, und damit sie zuweilen nur gar zu verschwenderisch umgehen.

FRÄULEIN AMALIE wirft den Kopf auf. Ja, ja! nachdem es angebracht wird.

FRÄULEIN KAROLINE. Zum mindesten glaubte ich ihm nicht eher, daß er bloß meinetwegen herkäme, als bis er alle Tage wieder hier wäre. Der Berghauptmann aber war den Tag in seinem Leben zum erstenmal hier und ist auch seit der Zeit in zween Monaten nicht wieder hergekommen.

FRÄULEIN AMALIE. Ach! ich weiß schon, warum. Er hat mir's mit der Kammerfrauen sagen lassen.

FRÄULEIN KAROLINE ernsthaft. Aber, Amalie, schämst du dich nicht, dein Herz gegen solche alte Weiber auszuschütten? Was wird doch ...

FRÄULEIN AMALIE fällt ihr ins Wort. Ich bitte sehr, mein gnädiges Fräulein, belieben Sie Ihre Morale für sich zu behalten. Es schickt sich nicht gar zu gut, daß die jüngern Schwestern den ältern vorpredigen.

FRÄULEIN KAROLINE lachend. Nun, nun! Ich bin schon wieder gut. Meinethalben habe soviel Freier, als Hasen in unserm Walde laufen! Aber[86] ich sehe nur nicht, was es dir hilft: wenn ich soviel Freier hätte, so hätte ich lange einen Mann.

FRÄULEIN AMALIE. Ja, wenn ich nur erst wüßte, wieviel die Oberstin mir vermachen will: so würden sie sich schon noch häufiger melden.

FRÄULEIN KAROLINE. Sollen sich ihrer noch mehr melden? Hilf Himmel! wo willst du zuletzt mit allen Freiern hin? Einen kannst du doch nur nehmen?

FRÄULEIN AMALIE. So suche ich mir hernach den besten aus.

FRÄULEIN KAROLINE. Taugt denn von den itzigen keiner was? Einer darunter muß doch auch der beste sein.

FRÄULEIN AMALIE. Noch zur Zeit habe ich mich nicht entschließen können.

FRÄULEIN KAROLINE lächelnd. Frage du nur die Kammerfrau, die wird ...

FRÄULEIN AMALIE droht ihr. Schweige, Karoline! Ich gäbe zehen Dukaten, daß das Testament schon gemacht wäre!

FRÄULEIN KAROLINE. Weißt du denn aber auch gewiß, daß du was vermacht bekommen wirst?

FRÄULEIN AMALIE erschrickt heftig. Was sagst du, Karoline? Ich bin des Todes!

FRÄULEIN KAROLINE verwundernd. Ist es auch möglich, daß ein leerer Dunst, eine bloße Hoffnung das menschliche Herz so sehr einnehmen kann, daß man denkt, es entgehe einem ein wirklich besessenes Gut; wenn ein bloßes Hirngespinst, das man sich in den Kopf gesetzet hat, zuschanden geht?

FRÄULEIN AMALIE. Ei was, Hirngespinst! Ich werde der Frau Muhme nicht umsonst zwanzig Jahre lang ums Maul gegangen sein und mich so vor ihr geschmieget und gebückt haben. Das ist wahrhaftig keine Kleinigkeit, wenn es einem ganz anders ums Herz ist!

FRÄULEIN KAROLINE. Und ebendarum, weil dir deine Freundlichkeit gegen sie nicht von Herzen gegangen ist: so solltest du von Rechts wegen keinen Heller aus ihrer Verlassenschaft haben.

FRÄULEIN AMALIE. Wer kann es doch mit einer so wunderlichen, verdrießlichen Frauen gut meinen? Bald ist sie krank; da muß man sie pflegen und warten und bewachen wie einen gichtbrüchigen Mann. Bald plagt sie der Hochmut: da macht ihr kein Mensch die Reverenze tief genug und nennt sie nicht oft genug Eure Gnaden. Bald redet sie von ihrem großen Vermögen und tut, als wenn sie der große Mogol wäre. Bald fällt ihr ihr verstorbener Mann ein: da red't sie, wie zärtlich sie sich einander geliebt hätten,[87] wie schön er mit ihr getan hätte. Sie lacht. Ich und die Wärterin, wir beißen uns oft die Lippen ganz wund, daß wir nur nicht überlaut lachen wollen. Sie schüttelt den Kopf. Ja, ja! ich weiß wohl, wie mir in diesem Hause, wo ich erzogen bin, zuweilen zumute gewesen ist!

FRÄULEIN KAROLINE. Dir ist darin so zumute gewesen, wie allen Menschen auf dem Erdboden zumute ist. Alle Zeiten sind nicht gleich, und das Gute wechselt immer mit dem Bösen ab.

FRÄULEIN AMALIE spöttisch. Die Morale habe ich schon lange gewußt!

FRÄULEIN KAROLINE. Ich sagte sie auch der Wahrheit und nicht der Neuigkeit wegen. Indessen ist es nicht gar fein von uns, daß wir uns hier über die Schwachheiten unsrer Wohltäterin aufhalten, die uns von Kindheit an verpflegt und alle Unbequemlichkeiten und Unarten unserer Jugend überstanden hat: geschweige denn, daß man sich so gar vergehen und mit dem Gesinde über sie spotten wollte.

FRÄULEIN AMALIE spöttisch. Haben Sie ausgeredet, mein Fräulein?

FRÄULEIN KAROLINE. Noch nicht. Ich wollte nur noch sagen, daß ich dieses mit aller Ehrerbietung Sie macht einen tiefen Reverenz. vortragen wollen, die eine jüngere Schwester einer ältern schuldig ist.

FRÄULEIN AMALIE macht auch einen Reverenz. Gehorsame Dienerin! Gnädiges Fräulein. Mich wundert aber nur, daß eine so große Verteidigerin der Ehrfurcht, die wir der Frau Muhme schuldig sind, ihr doch zuweilen solche bittere Pillen ins Gesicht wirft, als ein gewisses Fräulein tut.

FRÄULEIN KAROLINE. Das ist wahr: ich sage der Oberstin meine Meinung geradeheraus; und ich verleugne meine gesunde Vernunft aus Hoffnung, eine reiche Erbschaft von ihr zu bekommen, gar nicht; wenn ich nämlich meine, daß sie unrecht hat. Aber was ich von ihr denke, das sage ich ihr selbst; und sie weiß es. Allein hinter ihrem Rücken über sie zu spotten, das ist mir nicht möglich. Und die Magd oder der Bediente sollte unglücklich werden, der sich unterstünde, in meiner Gegenwart nur eine spöttische Miene über die Oberstin zu machen!

FRÄULEIN AMALIE. Ein jeder folgt seinem Kopfe und glaubt, er habe ein Recht dazu.[88]


Quelle:
Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen. Reihe Aufklärung. Band 6, Leipzig 1933–1935, S. 84-89.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde

Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde

Als einen humoristischen Autoren beschreibt sich E.T.A. Hoffmann in Verteidigung seines von den Zensurbehörden beschlagnahmten Manuskriptes, der »die Gebilde des wirklichen Lebens nur in der Abstraction des Humors wie in einem Spiegel auffassend reflectirt«. Es nützt nichts, die Episode um den Geheimen Hofrat Knarrpanti, in dem sich der preußische Polizeidirektor von Kamptz erkannt haben will, fällt der Zensur zum Opfer und erscheint erst 90 Jahre später. Das gegen ihn eingeleitete Disziplinarverfahren, der Jurist Hoffmann ist zu dieser Zeit Mitglied des Oberappellationssenates am Berliner Kammergericht, erlebt er nicht mehr. Er stirbt kurz nach Erscheinen der zensierten Fassung seines »Märchens in sieben Abenteuern«.

128 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon