Dritter Auftritt


[92] Die Oberstin von Tiefenborn. Die Vorigen.


DR. HIPPOKRAS. Untertäniger Knecht, gnädige Frau, ich wünsche, daß Euer Gnaden sich heute etwas leidlicher befinden mögen als gestern.

FRAU VON TIEFENBORN. Ach! was wollte ich doch, Herr Doktor! ich habe eine rechte elende Nacht gehabt.


Sie geht matt zum Lehnstuhle und setzt sich, der Doktor setzt sich neben ihr, greift ihr an den Puls und sitzt tiefsinnig.


FRAU VON TIEFENBORN. Nicht wahr? mein Puls ist ganz matt und unruhig?

FRÄULEIN AMALIE. Ach ja, die Frau Muhme sehen auch heute recht elend aus!

FRAU VON TIEFENBORN. Nun, elend sehe ich wohl eben niemals aus ...

FRÄULEIN AMALIE. Oh! ich wollte auch nur sagen, blaß ... kränklich. Schmeichelnd. Wer in seiner Jugend so schön gewesen ist als Eure Gnaden, der kann freilich niemals elend aussehen. Sie winkt seitwärts ihrer Schwester zu.

FRÄULEIN KAROLINE. Ohne der Frau Muhme eine Schmeichelei über ihre ehemalige Schönheit zu machen, so kann ich wohl sagen, daß Sie mir gar nicht krank aussehen. Sie müssen recht gut geschlafen haben.

FRAU VON TIEFENBORN zum Doktor, der den Puls fahren läßt. Nun, was sagen Sie, Herr Doktor?

DR. HIPPOKRAS bedenklich. Der Puls ... der Puls ist ... etwas bewegt.

FRAU VON TIEFENBORN kränklich. Ich habe eine sehr elende Nacht gehabt.

DR. HIPPOKRAS. So? so haben Sie eine elende Nacht gehabt? Karoline schüttelt den Kopf.[92]

DR. HIPPOKRAS. Haben Sie denn auch Beängstigungen gehabt?

FRAU VON TIEFENBORN. Ach! erschreckliche.

DR. HIPPOKRAS. So? So haben Eure Gnaden Beängstigungen gehabt? Haben Sie denn gestern abend etwas gespeiset?

FRAU VON TIEFENBORN. Etwas weniges, aber ohne Appetit.

FRÄULEIN KAROLINE. Nun, da müssen Sie Ihrem Appetite große Gewalt antun können. Anderthalb Rebhühner, ohne die Voressen, zu verzehren? und das wider den Appetit? Sie schüttelt den Kopf.

FRÄULEIN AMALIE winkt der Schwester. Ich habe genau drauf achtgegeben, daß die Frau Muhme sie fast ganz auf dem Teller hat liegenlassen.

FRAU VON TIEFENBORN. Ach! mein Essen hieß gar nichts!

DR. HIPPOKRAS. So? so haben Sie also nicht gegessen? Haben Euer Gnaden denn auch Durst gehabt?

FRAU VON TIEFENBORN. Nein, darüber kann ich eben nicht klagen.

DR. HIPPOKRAS. So? so haben Sie also keinen Durst gehabt?

FRAU VON TIEFENBORN. Ach! wenn nur die Nacht nicht so gar schlecht gewesen wäre!

FRÄULEIN KAROLINE. Nun, so gar arg ist sie doch auch nicht gewesen, Frau Muhme.


Fräulein Amalie winkt ihr mit dem Kopfe, sie soll schweigen.


FRAU VON TIEFENBORN. Nicht arg? Ich habe fast kein Auge zugetan?

FRÄULEIN AMALIE winkt Karolinen.

FRÄULEIN KAROLINE. Und ich wollte sagen, Sie hätten keines aufgetan. Sie haben recht fest geschlafen, Frau Muhme.

FRAU VON TIEFENBORN. Was du nun für eine Lust am Widersprechen hast! Ich werde doch wohl am besten wissen, wie mir zumute ist.

FRÄULEIN KAROLINE. Ja, im Tage will ich Euer Gnaden gern recht geben; da müssen Sie am besten wissen, wie Ihnen zumute ist: allein von dieser Nacht, da ich bei Ihnen gewacht und Sie geschlafen haben, da gilt mein Zeugnis mehr.

FRÄULEIN AMALIE schmeichelnd. Ja, gewiß, allerliebste Frau Muhme, Karoline muß geschlafen haben. Ich habe auf meiner Stube Euer Gnaden stöhnen hören. Sie winkt Fräulein Karolinen.

FRAU VON TIEFENBORN. Nun, da hörst du es![93]

FRÄULEIN KAROLINE. Ich habe treulich gewacht: denn was ich tue, das tue ich recht oder lasse es lieber gar bleiben. Allein ich weiß wohl, daß ...

FRÄULEIN AMALIE. Ach, Karoline, ärgere doch die Frau Muhme nicht mit deinem ewigen Widersprechen.

FRÄULEIN KAROLINE. Sage mir nur, was die Frau Muhme für einen Vorteil davon hat, wenn wir ihr weismachen, daß sie eine schlechte Nacht gehabt: da sie doch besser geschlafen hat als vielleicht wir alle.

DR. HIPPOKRAS. Nun, es gibt gewisse Arten von Einschläferungen, die nur mehr eine Ohnmacht und Übertäubung als ein rechter Schlaf sind. Man kann aber gar leicht eins mit dem andern verwechseln.

FRAU VON TIEFENBORN. Ja, so ist es auch: es ist lauter Ohnmacht gewesen.

FRÄULEIN AMALIE besorglich. Und die sind gar nicht gut! das verwandelt sich zuweilen im Augen blicke in einen Schlagfluß.

DR. HIPPOKRAS. Das will ich wohl noch nicht hoffen; allein gar zu sicher darf man dabei doch auch nicht sein.

FRAU VON TIEFENBORN. Drum eben will ich noch heute mein Haus bestellen und eine Richtigkeit machen, wie es mit meinem Vermögen nach meinem Tode gehalten werden soll.

FRÄULEIN AMALIE erfreut. Ach, allerliebste Frau Muhme, Sie küßt ihr die Hand und schmeichelt ihr. daran tun Sie ja recht wohl. So sind Sie doch einmal die Sorge los! es liegt Ihnen doch auch immer wie ein Stein auf dem Herzen!

FRAU VON TIEFENBORN. Mich dünkt, du dringst wohl sehr auf das Testament?

FRÄULEIN AMALIE schmeichelnd. Ich? Ach nein, allerliebste Frau Muhme! Es geht mich ja nichts an. Ich habe ja nichts um Sie verdient und kann Ihnen schon das, was Sie bisher an mir als einer armen Waise getan haben, nicht genug verdanken!

FRÄULEIN KAROLINE. Du hast wohl recht! wir können uns an der bisherigen Gnade der Frau Oberstin begnügen lassen und ihr lieber ein so langes Leben wünschen, daß sie alle die, die sie in ihr Testament zu setzen gesonnen ist, überleben möge.

FRAU VON TIEFENBORN. Ich?

FRÄULEIN KAROLINE. Ja, gnädige Frau Muhme. Es ist niemand näher[94] zu Ihrem Vermögen als Sie selbst, und ich habe gute Hoffnung, daß mein Wunsch eintreffen wird.

FRAU VON TIEFENBORN. Du mußt doch wohl denken, ich sei von Stahl und Eisen: weil ich etwa Sie stöhnt. nicht viel stöhne und ächze.

FRÄULEIN KAROLINE. Ei! daran fehlt es gar nicht.

FRAU VON TIEFENBORN. Aber ich fühle mich selbst am besten, und es wird vielleicht heute abend noch manchen gereuen, daß er die Krankheiten einer reichen Person so leichtsinnig angesehen hat. Sie schüttelt den Kopf.

FRÄULEIN AMALIE schmeichelnd. Ach, allerliebstes Frau Mühmchen, ärgern Sie sich doch nur nicht.

FRÄULEIN KAROLINE. Wenn diese Drohung etwa mich gelten soll: so bitte ich Sie selbst, Frau Muhme, mir in Ihrem Testamente alle Gunst zu entziehen, die ich nicht verdiene. Ich erkenne den Wert der Gnade, die Sie mir bereits erzeigt haben, viel zu sehr, als daß ich mir wünschte, Sie zu überleben: vielweniger werde ich nach Ihrem Tode imstande sein, den Tod einer Person zu belachen, die ich im Leben als eine Mutter verehret habe. Sie küßt ihr ehrerbietig die Hand und geht ab.


Quelle:
Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen. Reihe Aufklärung. Band 6, Leipzig 1933–1935, S. 92-95.
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