Sechster Auftritt


[106] Die Oberstin von Tiefenborn. Der Herr von Ziegendorf und Fräulein Karoline.


FRAU VON TIEFENBORN stöhnend. Ich weiß meinem Jammer keinen Rat, wofern ich mehrere solche elende Nächte ausstehen soll, als die vorige gewesen ist. Fräulein Karoline schüttelt den Kopf und ärgert sich.

HERR VON ZIEGENDORF. Das ist mir von Herzen leid, Frau Schwester: allein, lassen Sie denn auch jemand bei sich wachen, weil Ihr Schlaf so schlecht beschaffen ist?

FRAU VON TIEFENBORN setzt sich stöhnend nieder, Herr von Ziegendorf setzt sich auch. Ach ja! allein, was hilft mich's, als daß ich nur den andern Tag ausgelachet werde?

HERR VON ZIEGENDORF. Ei! wer wird denn das tun?

FRAU VON TIEFENBORN zeigt auf Fräulein Karolinen. Da steht eben der saubere Vogel! Die hat diese Nacht bei mir wachen müssen, und itzt will sie mir weismachen, ich hätte recht gut geschlafen: da ich doch kein Auge zugetan habe.[106]

FRÄULEIN KAROLINE. Sie wissen, gnädige Frau Muhme, daß mir auf der Welt nichs unmöglicher ist, als wider die Wahrheit zu reden. Sie wollen eine schlechte Nacht gehabt haben? Ich habe mich gefreut, daß Sie gut geschlafen haben. Und wenn Sie ein Belieben finden, sich krank zu machen und es zu glauben, so ist es mir eine wahre Freude, Sie so wohlauf zu sehen, als Sie sind.

FRAU VON TIEFENBORN zum Herrn von Ziegendorf. Nun, da sehen Sie's, Herr Bruder! Das soll mich nun nicht kränken!

FRÄULEIN KAROLINE. Nein! ehe ich Sie kränken will, so will ich's Ihnen lieber zugestehen und sagen: daß das, was ich für eine rechte gute Nacht gehalten habe, ein gestörter und kranker Schlaf gewesen ist. Sie geht ab.


Quelle:
Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen. Reihe Aufklärung. Band 6, Leipzig 1933–1935, S. 106-107.
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