Vierter Auftritt


[123] Frau von Tiefenborn. Fräulein Karoline. Fräulein Amalie.


FRAU VON TIEFENBORN kömmt matt gegangen, setzt sich auf einen Armsessel und stöhnt. Ich gäbe tausend Taler drum, daß der heutige Tag[123] einmal vorbei wäre. Es ist nicht anders, als wenn sich alles verschworen hätte, mich zu plagen und zu ärgern.

FRÄULEIN KAROLINE. Wieso, Frau Muhme?

FRÄULEIN AMALIE schmeichelnd. Was ist Ihnen geschehen, allerliebste Frau Muhme?

FRAU VON TIEFENBORN. Alles, was mir verdrießlich ist, wird mir heute auf einmal vorgebracht. Da kömmt der Wagenmeister und hat die Frechheit, mir zu sagen: daß nicht eine einzige von meinen Kutschen brauchbar ist.

FRÄULEIN AMALIE. Das ist ja entsetzlich nachlässig von dem Menschen!

FRAU VON TIEFENBORN. Wofür gebe ich dem Kerl Lohn und Brot?

FRÄULEIN KAROLINE. Es ist unmöglich, Frau Muhme, daß alle Wagen schadhaft sein können. Wir sind ja nur vor vierzehn Tagen mit dem kleinen Reisewagen in der Kirche gewesen?

FRAU VON TIEFENBORN verdrießlich. Nun, er spricht, es hielte kein Rad tausend Schritte weit.

FRÄULEIN KAROLINE schüttelt den Kopf. Das kann unmöglich richtig sein, gnädige Frau. Ich will selbst ins Wagenhaus gehen und die Kutschen besehen.

FRAU VON TIEFENBORN. Ja, du bist eine vortreffliche Wagenmeisterin. Du wirst es wohl wissen! Fräulein Amalie winkt Karolinen, zu schweigen.

FRÄULEIN KAROLINE. Ei, ich will den Bruder mitnehmen. Der wird doch wissen müssen, wie ein ganzes Rad aussieht.

FRAU VON TIEFENBORN. Ja! wenn der nur auf die Pferde acht gäbe! das gehört sich für einen solchen jungen Menschen. Er hausiert ohnedem genug damit herum. Allein, da ich dem Wagenmeister befehle, er solle also einen Kutscher oder Vorreuter auf ein Pferd werfen und einen Schmied holen lassen: so muß ich hören, daß die Pferde alle miteinander nichts taugen. Sie hält sich den Kopf. Ach!

FRÄULEIN AMALIE. Das ist ja abscheulich! Sie winkt seitwärts der Schwester und lacht.

FRAU VON TIEFENBORN. Eins ist lahm, eins ist krank, eins hat einen Speckhals, und wie der Plunder alles heißt! Und mein schöner neuer Schimmelzug, der ist gar vernagelt. Ich möchte! ...

FRÄULEIN KAROLINE. Frau Muhme, das geht gewiß nicht richtig zu![124]

FRÄULEIN AMALIE winkt Karolinen. Ja! die Pferde sind freilich ein zärtliches Vieh! Es kömmt ihnen gar bald etwas an!

FRAU VON TIEFENBORN stöhnend. Ach! was ist eine Witwe nicht für eine geplagte Frau! In solchen Dingen, die eigentlich nur für Mannsleute gehören, muß man sich von allen Bedienten weismachen lassen, was sie wollen. O wie ordentlich hielt mein seliger Gemahl nicht seinen Stall! Wenn er das sehen sollte! Sie weint.

FRÄULEIN KAROLINE. Gnädige Frau, bitten Sie nur den Herrn Landrat von Ziegendorf, daß er in den Stall gehe Hier schlägt Amalie die Hände zusammen gegen Karolinen und winkt ihr sehr. und sehe, ob die Sache auch wahr ist. Oftmals hat das Stallgesinde keine Lust zu fahren, und da müssen alle Pferde krank sein.

FRAU VON TIEFENBORN stöhnend. Ach! was soll ich meine guten Freunde mit den häuslichen Unordnungen beschweren! Es würde sich schön für den Landrat schicken, meinen Pferden die Hufe zu besehen!

FRÄULEIN AMALIE lächelnd. Freilich, Karoline hat immer solche Einfälle, die sich nicht tun lassen. Sie winkt Karolinen sehr.

FRÄULEIN KAROLINE böse. Nun, so habe ich einen andern Anschlag, der nicht ungereimt ist. Lassen Sie, Frau Muhme, den ältesten Kutscher vor sich kommen und drohen Sie ihm mit einem augenblicklichen Abschiede, Amalie erschrickt sehr und winkt Karolinen. was gilt's! die Pferde werden den Augenblick alle gesund sein.

FRAU VON TIEFENBORN. Karoline, du mußt wohl ein steinern Herz haben, daß du mir zumuten kannst, mich in meinem kränklichen Zustande mit den Kutschern und Stallknechten herumzukeifen.

FRÄULEIN KAROLINE. Tragen Sie mir's nur auf, Frau Muhme. Ich will die Pferde alle mit einem einzigen Worte gesund machen.

FRÄULEIN AMALIE droht ihr. Schweige doch! und ärgere die Frau Muhme nicht noch mehr! Ist Ihnen denn sonst noch was Verdrießliches vorgefallen, allerliebste Frau Muhme?

FRAU VON TIEFENBORN stöhnend. Freilich! da führt der Geier meinen Verwalter, Zaunstrauch, her. Der bringt mir einen Sack voll Pachtbriefe und Schuldsachen. Den Plunder soll ich in drei Tagen nachsehen, ehe die Zeit verflossen ist. Als wenn der Geck nicht schon vor einem Monate damit hätte hervorkommen können?

FRÄULEIN KAROLINE schüttelt den Kopf. Nun! ich sage nichts![125]

FRÄULEIN AMALIE. Das ist ja ein rechter Unglückstag!

FRAU VON TIEFENBORN. Und zuletzt läßt sich gar der von Wagehals melden. Was soll ich mit dem Phantasten heute machen? Ich habe Not, daß ich mich mit gescheiten Menschen vertragen kann.

FRÄULEIN KAROLINE. Hätten Sie's ihm nur abschlagen lassen.


Amalie droht ihr erschrocken.


FRAU VON TIEFENBORN. Das habe ich auch getan.

FRÄULEIN AMALIE sehr erschrocken. Sie haben es ihm abschlagen lassen?

FRAU VON TIEFENBORN. Ja freilich!

FRÄULEIN AMALIE. Er ist aber sehr ungestüm und wird Ihnen das ungemein übel aufnehmen.

FRAU VON TIEFENBORN. Werde ich denn endlich nicht mehr Frau in meinem eigenen Hause sein?

FRÄULEIN AMALIE tut, als wenn ihr die Nase blutete, und geht eilig ab, indem sie mit dem Kopfe winkt, als wenn sie ein Vorhaben hätte.

FRAU VON TIEFENBORN. Wo willst du hin, Amalie?


Quelle:
Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen. Reihe Aufklärung. Band 6, Leipzig 1933–1935, S. 123-126.
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