Zweiter Auftritt


[134] Dr. Schlagbalsam. Herr von Kaltenbrunn. Fräulein Amalie.


FRÄULEIN AMALIE. Ihre Dienerin, Herr Doktor.

DR. SCHLAGBALSAM. Gehorsamer Diener, gnädiges Fräulein.

HERR VON KALTENBRUNN. Mit Erlaubnis, Herr Doktor, darf ich mir Ihren Namen ausbitten?

DR. SCHLAGBALSAM. Ich heiße Schlagbalsam mit meinem christlichen Zunamen.

HERR VON KALTENBRUNN. Sie haben wohl schon lange praktiziert?[134]

DR. SCHLAGBALSAM. Es kömmt eben nicht darauf an, wie lange man eine Sache getrieben hat, sondern ob man sie gut treibt. Ich hoffe, daß sich noch kein Kranker über meine Ungeschicklichkeit beschweren wird.

FRÄULEIN AMALIE. An der Oberstin bekommen Sie eine rechte seltsame Patientin, Herr Doktor.

DR. SCHLAGBALSAM. Ei, ich hoffe, daß ich sie mit des Himmels Hilfe gar bald kurieren will.

FRÄULEIN AMALIE erschrocken. Ei, Herr Doktor! was sagen Sie? Der lieben Frauen wäre nach ihren Umständen wohl nicht besser zu raten, als wenn sie zur ewigen Ruhe käme.

DR. SCHLAGBALSAM. Wieso? Es fehlt ihr doch in der Welt an keinem Guten?

HERR VON KALTENBRUNN schlägt ihn auf die Achsel. Ei, lieber Herr Doktor, es gibt gewisse Leute, die die Trauer um die alte Oberstin von Herzen gern anlegen würden.

DR. SCHLAGBALSAM. So? Je, warum läßt man denn noch mich dazu holen? Soll ich etwa dazu helfen?

HERR VON KALTENBRUNN macht eine zweideutige Miene. Nun, das eben nicht!

FRÄULEIN AMALIE. Das kann einen sehr guten Nutzen haben, Herr Doktor, daß Sie hier sind. Sie müssen nur die Oberstin in den Gedanken bestärken, daß sie aller guten Anscheinungen ungeachtet dennoch leicht auf eine schleunige Art sterben könnte?

DR. SCHLAGBALSAM sich verwundernd. So?

FRÄULEIN AMALIE. Und daß ihre Umstände sehr gefährlich wären.

DR. SCHLAGBALSAM. Ei, das habe ich schon gehöret; mein Herr Kollege hat es mir erzählt. Zum Henker! wer schon die Lumbricos terrestres am Halse hat, der kann keine Stunde vor dem Tode sicher sein!

FRÄULEIN AMALIE schmeichelnd. Ei, ich sehe, daß Sie ein rechter geschickter Mann sind.

HERR VON KALTENBRUNN. Was war das, was sie am Halse haben soll?

DR. SCHLAGBALSAM mit einer fürchterlichen Miene. Die Lumbrici terrestres sind's!

HERR VON KALTENBRUNN. Sie nennten es ja vorhin mit dem cos?

DR. SCHLAGBALSAM. Ja, das tun wir Gelehrten im Lateine nicht[135] anders. Bald endigen wir die Wörter mit os, bald mit us, bald mit i, allein es ist einerlei Bedeutung. Wissen Sie denn das nicht, Herr von Kaltenbrunn? Sie sind ja auch auf der Akademie gewesen?

HERR VON KALTENBRUNN. Ei, was sollte ich mich mit den Grillen geplaget haben? Ich habe studiert, wie ein Edelmann studieren soll. Ich bin auf meinen Reitplatz, Fechtboden, Tanzboden und aufs Billard gegangen und im Winter alle Tage auf dem Schlitten gefahren. Was sollte mir das Latein? Die Bauren verstehen es nicht und die Hasen und Jagdhunde auch nicht.

FRÄULEIN AMALIE. Ach, Bruder! schweige doch von deinen akademischen Jahren! Zum Doktor. So meinen Sie also, daß die Frau Muhme schlecht daran ist?

DR. SCHLAGBALSAM. Ich versichere Sie, daß sie nach ihren Umständen recht sehr schlecht daran ist.

HERR VON KALTENBRUNN froh. Das ist schön! das ist ein braver Mann! Allein, lieber Herr Doktor. Vertraulich. Kann man ihr nicht so was eingeben, daß sie noch ein wenig schlechter dran wird?

DR. SCHLAGBALSAM schüttelt beiseite den Kopf. Nein! das leidet unser medizinisches Gewissen nicht.

FRÄULEIN AMALIE schmeichelnd. Ei, man würde Ihnen schon erkenntlich dafür sein, Herr Doktor!

HERR VON KALTENBRUNN umarmt ihn. O ja! lieber Herr Doktor Schlagbalsam, ich will Ihnen dienen, womit ich nur weiß und kann. Brauchen Sie etwa Geld? Ich will Sie an meinen Herzensfreund, den Juden Moses, adressieren, der mir bisher der Oberstin ihre Erbschaft vorgeschossen hat.

DR. SCHLAGBALSAM macht einen Reverenz. Gehorsamer Diener! Ich bin erfreut, daß ich diese Probe Ihrer Gnade nicht bedarf.

HERR VON KALTENBRUNN. Was gedenken Sie denn so bei ihr zu brauchen, daß sie ihr Testament nicht gar zu lange überlebe? Mich dünkt, es schickt sich im mindesten nicht, wenn Leute ein Testament gemacht haben und doch hernach noch zwanzig, dreißig Jahre in den Tag hinein leben. Es ist nicht anders, als wenn sie die Erben recht zu Narren hätten!

DR. SCHLAGBALSAM lächelnd. Jawohl!

HERR VON KALTENBRUNN. Wenn ich ein Arzt wäre, so würde ich sehr darauf sehen! Nun, was meinen Sie ihr einzugeben, Herr Doktor?[136]

DR. SCHLAGBALSAM. Was Schädliches kann ich ihr doch nicht geben, mein Herr Kaltenbrunn; das habe ich Ihnen schon gesagt. Allein ...

FRÄULEIN AMALIE. O das ist Ihnen auch nicht zuzumuten, Herr Doktor. Schmeichelnd. Allein Sie ... haben doch ... so ... gewisse ...

DR. SCHLAGBALSAM. Wir haben freilich gewisse Mittel, die weder schaden noch helfen. Mit diesen kann man nun einen Kranken schon so lange versorgen, bis er entweder zu seinen Vätern fährt oder von sich selbst wieder gesund wird.

FRÄULEIN AMALIE bedenklich. Von sich selbst wieder gesund wird? Dazu ist der Oberstin ihre Natur wohl zu schwach.

HERR VON KALTENBRUNN. Zumal da sie die abscheuliche Krankheit hat, die der Herr Doktor vorhin nannten. War es nicht eine sehr gefährliche Krankheit, Herr Doktor?

DR. SCHLAGBALSAM. Ich möchte sie meinem Feinde nicht gönnen!

HERR VON KALTENBRUNN. Sie haben also solche zweideutige Arzneien?

DR. SCHLAGBALSAM. O ja! Da haben wir zum Exempel die Oculos cerui, die Cornua cancri; man kann ihr auch von der Haemoptosi oder von der Agrippine was eingeben.

FRÄULEIN AMALIE lachend. So haben Sie auch eine Arznei, die Agrippine heißt?

DR. SCHLAGBALSAM. O ja! Sie heißt zwar auch nach dem Termino artis anders; allein ich habe es Ihnen mit Fleiß deutsch sagen wollen.

HERR VON KALTENBRUNN. Und wie heißen die andern Arzneien auf deutsch?

DR. SCHLAGBALSAM erschrocken. Ei, wie wollen Sie mir zumuten, daß ich sie Ihnen alle deutsch nennen soll? Das tut kein rechtschaffener Medikus! Sie wirken noch einmal soviel, wenn man sie auf lateinisch oder griechisch in den Leib kriegt. Indessen sind dieses alles lauter unschuldige Mittel, die ich ihr, ohne mein Gewissen zu verletzen, eingeben kann: und vielleicht wird doch auch Ihr Wünschen dadurch erfüllt, wofern nämlich der Frau Oberstin ihre Zufälle zu heftig sind.

HERR VON KALTENBRUNN. Nun, das Werk wird den Meister loben! Je eher die Alte stirbt, desto größer wird mir Ihre Geschicklichkeit vorkommen.

FRÄULEIN AMALIE. Es wäre freilich für uns am besten, wenn sie sich abführte.[137] Alte Leute sind doch der Eigensinn selbst und werden sich selbst zur Last.

DR. SCHLAGBALSAM sich verwundernd. Mir ist indessen die gnädige Frau doch immer sehr lieb reich vorgekommen.

FRÄULEIN AMALIE. Ja. Gegen fremde Leute kann sie sich wohl so stellen; aber wer sie kennt, der weiß es ganz anders. Sie ist der Hochmut selbst. Man soll sie ja verehren wie einen Götzen!

DR. SCHLAGBALSAM sich verwundernd. Ei!

HERR VON KALTENBRUNN. Meinethalben! möchte sie doch hochmütig sein, daß sie börste! Wenn sie mir nur soviel Geld gäbe, als ich vertun kann. Aber die filzige Knauserei, das ist mein Tod!

DR. SCHLAGBALSAM. Ei!

HERR VON KALTENBRUNN. Ist das nicht eine Schande, daß ein junger Kavalier, wie ich bin, keinem christlichen oder andern Juden begegnen kann, dem er nicht soviel Taler schuldig ist, als er Haare im Barte hat?

DR. SCHLAGBALSAM schüttelt beiseite den Kopf. Ei! ei!

HERR VON KALTENBRUNN. Und daß die Alte dasitzt und ihr Geld bewacht wie eine Henne ihre Eier?

FRÄULEIN AMALIE lacht sehr. Das ärgste ist, daß sie manchmal noch gar verliebt wird und sich einbildet, sie könne mit ihrer Schönheit noch wohl jemanden bezaubern.

HERR VON KALTENBRUNN lacht sehr. Ja! zaubern könnte sie wohl damit; aber ob sie damit bezaubern kann, das weiß ich nicht. Er sucht in allen Taschen. Potztausend! Ich habe meine Schreibetafel nicht bei mir.

FRÄULEIN AMALIE. Was willst du mit der Schreibetafel?

HERR VON KALTENBRUNN. Ich wollte mir nur den Einfall aufschreiben. Immer wenn ich ein Bonmot sage, so schreibe ich mir's hinein.

FRÄULEIN AMALIE. Wie lange hast du die Schreibetafel schon?

HERR VON KALTENBRUNN. Als ich auf Universitäten ging, da schenkte die Frau Muhme sie mir. Das ist nunmehro viertehalb Jahr.

FRÄULEIN AMALIE lächelnd. Hast du denn bald eine halbe Seite voll?

HERR VON KALTENBRUNN. Lache nur nicht! Innerhalb Jahr und Tag will ich so viel beisammen haben, daß ich sie in einem mäßigen Oktavbande unter dem Titel Kaltenbrunniana herausgeben kann.[138]

DR. SCHLAGBALSAM lächelnd. Ei! die Ana sind ohnedem in gutem Ansehen!

HERR VON KALTENBRUNN. Wenn ich nur erst das Vermögen der Oberstin im Besitze habe! denn bei meinen itzigen Schulden läßt sich nicht viel Kluges denken.


Quelle:
Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen. Reihe Aufklärung. Band 6, Leipzig 1933–1935, S. 134-139.
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