Fünfter Auftritt


[142] Fräulein Amalie. Der Hauptmann von Wagehals.


HERR VON WAGEHALS. Nun, wie steht's, mein Fräulein? Warum haben Sie mich rufen lassen?

FRÄULEIN AMALIE. Das ist aus mehr als einerlei Ursache geschehen. Die hauptsächlichste aber ist, damit es der Oberstin bei ihrem Testamente an Zeugen nicht fehle.

HERR VON WAGEHALS. Was? Ist das Testament noch nicht gemacht? Ich dachte, Sie hätten mich rufen lassen, um mir zu sagen, wie reich Sie wären.

FRÄULEIN AMALIE. Nein, das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Ich hoffe aber, daß es auf eine Stunde früher oder später nicht ankommen wird.

HERR VON WAGEHALS. Wahrhaftig! ich wüßte es gern je eher je lieber!

FRÄULEIN AMALIE. Ich danke Ihnen, daß Sie meines Glückes wegen so ungeduldig sind.

HERR VON WAGEHALS. Ihr Glück macht mich ungeduldig, weil ich es auch für meines halte.

FRÄULEIN AMALIE lächelnd. So?

HERR VON WAGEHALS. Zum Teufel! der Feldzug ist vor der Türe! Man soll sich alles anschaffen, und ein Offizier wie ich, der einmal in einem gewissen Ruhme bei den deutschen und ausländischen Armeen steht, der kann doch auch nicht so elend aufgezogen kommen wie ein Fahnjunker!

FRÄULEIN AMALIE lächelnd. Ich sehe noch nicht, was Sie damit sagen wollen, Herr Hauptmann?

HERR VON WAGEHALS. Mein Gott, Fräulein! unter allen Damen, die sich noch in mich verliebt haben, ist auch keine so scheu gewesen als Sie. Warum rücken Sie mit der Sprache nicht heraus? Ich sehe doch wohl aus allem, daß Sie mich haben wollen.[142]

FRÄULEIN AMALIE lächelnd. Sie sind sehr offenherzig, Herr Hauptmann!

HERR VON WAGEHALS. Und warum sollte ich mich verstellen? Das mögen die ungeschickten Leute tun, die sonst keine Verdienste an sich haben. Ich weiß, daß ein jeder Ihre Wahl loben wird, der es hören wird, daß ich Sie bezaubert habe.

FRÄULEIN AMALIE spöttisch. Wissen Sie das gewiß?

HERR VON WAGEHALS. Ja, das ist ausgemacht, und also dörfen Sie sich nicht scheuen, es zu gestehen. Es ist eine altväterische Mode, daß die Mannsleute dem Frauenzimmer die Liebeserklärungen recht mit Zangen herausholen müssen. Wenn Sie mir gefallen wollen, mein Fräulein, so müssen Sie nicht so altfränkisch sein.

FRÄULEIN AMALIE lächelnd. Nicht?

HERR VON WAGEHALS. Nein! Denn ich bin keiner von den tändelnden Landjunkern, die von ihrer Wiege an bis ins Grab hinter dem Ofen sitzen und ihre Zeit mit verliebtem Geschwätze zubringen können. Ich bin ein wesentliches Stück des europäischen Krieges und Friedens. Ich muß mich also kurz abfertigen. Da ist das Fräulein von Kaltenbrunn; die will dich haben. Willst du sie auch? Je nu ja, wenn sie Geld hat! Wieviel ist's? Soundso viel. Kann ich meinen Feldzug damit bestreiten? Gut! Ja, ja, ich will sie haben! Sehen Sie, so muß es bei mir gehen. Lange zaudern kann ich nicht.

FRÄULEIN AMALIE höhnisch. Wenn sich aber nun das Fräulein von Kaltenbrunn auf ihre Wenigkeit ebensoviel einbildet, als Sie, mein Herr Hauptmann, sich auf die Ihrige einbilden?

HERR VON WAGEHALS. Ei, dazu hat Sie zuviel Verstand! Es ist gewiß keine Kleinigkeit, daß sich bei unsrer Heirat mehr als zehn Witwen und Fräuleins aufhängen werden, die mich durchaus haben wollen!

FRÄULEIN AMALIE höhnisch. Das wird ja eine betrübte Hochzeit sein!

HERR VON WAGEHALS. Es ist mir recht lieb, daß ich nur wieder ins Feld komme. Ich kann mich vor allen Nachstellungen kaum retten!

FRÄULEIN AMALIE lächelnd. Und meinen Sie denn, daß es an andern Orten, wo Sie nicht hingedenken, an Freiern fehlt?

HERR VON WAGEHALS. Ach, ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie wollen etwa mit einem oder zween Freiern prahlen, die Sie wo ausgespäht haben mögen. Allein, was irrt mich das? Ich nehme es mit hunderten auf.

FRÄULEIN AMALIE. Wenn ich aber anders dächte?[143]

HERR VON WAGEHALS. Das will ich von Ihrer Klugheit nicht hoffen. Die Wahrheit zu sagen, ich brauche zwar hauptsächlich Geld: aber ich sähe doch auch gern, daß meine künftige Frau Verstand hätte.

FRÄULEIN AMALIE schüttelt den Kopf. Gewiß, Herr Hauptmann, Sie tun heute ein wenig ungezogen!

HERR VON WAGEHALS. Nennen Sie das ungezogen, daß ich mich so zeige, wie ich bin? Es ist nichts Gottlosers, als wenn die Leute ihre Gemütsart vor der Hochzeit verbergen und hernach gewahr werden, daß sie zwei ganz andere Leute sind, als sie vorhin gedacht haben. Nein! ich zeige mich recht so, wie ich bin.

FRÄULEIN AMALIE lächelnd. Das ist eben nicht allen Leuten vorteilhaft.

HERR VON WAGEHALS. Ei freilich gehören große Verdienste dazu. Aber sagen Sie mir, mein Fräulein, wird Ihnen die Frau Muhme ihr ganzes Vermögen vermachen?

FRÄULEIN AMALIE. Sie hat sich noch nichts merken lassen; allein, soviel ich vermute, so wird sie meinem Geschwister wohl nur auf lebenslang etwas aussetzen, so daß das Kapital mir doch immer bleiben wird.

HERR VON WAGEHALS. Das leidige Vermuten! solche Sachen, die mag ich nun so gern gewiß wissen.

FRÄULEIN AMALIE lacht. So haben Sie doch nur noch eine Stunde Geduld.

HERR VON WAGEHALS. Haben Sie denn noch sonst von andern Erbschaften was zu hoffen?

FRÄULEIN AMALIE. Ja freilich! Ich erbe ja noch von meiner seligen Mutter Bruder einmal alles.

HERR VON WAGEHALS lacht. Je! der hat ja noch zween lebendige Söhne am Leben!

FRÄULEIN AMALIE. Ja, er hat zween Söhne; aber der eine ist sehr schwach an der Lunge. Wissen Sie nicht, wie er immer hustet?

HERR VON WAGEHALS. Ei! dem Frieden traue der Teufel! Ich habe Leute gekannt, die sich achtzig Jahre durch die Welt durchgehustet haben. Die Bestien saufen Eselsmilch oder Ziegenmilch und pichen sich die Seele recht damit ein.

FRÄULEIN AMALIE lacht. Nun! das steht dahin! Ich glaube aber nicht, daß er's lange mehr machen wird.[144]

HERR VON WAGEHALS. Nun! und wo tun Sie den andern hin? Der ist so gesund und frisch wie ein Fisch.

FRÄULEIN AMALIE lachend. Oh! der schwärmt immer in den Wäldern auf der Jagd herum und liebt so sehr die wilden Pferde, daß er gewiß einmal mit einem den Hals brechen muß.

HERR VON WAGEHALS. Und da kommen Sie erst an die Erbschaft?

FRÄULEIN AMALIE. Nun ja!

HERR VON WAGEHALS macht einen Reverenz. Gehorsamer Diener, mein gnädiges Fräulein! Es sieht mir mit Ihren Erbschaften noch sehr windigt aus. Ich liebe die Erbinnen derer Leute, die den Hals schon gebrochen haben, und nicht derer, die ihn noch erst brechen sollen.

FRÄULEIN AMALIE halb böse. Aber gewiß, Herr Hauptmann, ich spiele hier eine seltsame Rolle. Sie fragen mich recht artikelmäßig nach meinem Vermögen. Wie? wenn ich nun auch nach Ihrem fragte?

HERR VON WAGEHALS. Oh! mein Vermögen ist so groß als die ganze Welt! denn es haben es alle die Bürger, Bauren und Edelleute, wo ich ins Quartier gelegt werde. Komme ich diesen Sommer in ein fettes Land, so will ich auch die Einwohner so schinden und ausziehen, daß sie das helle Blut weinen sollen.

FRÄULEIN AMALIE spöttisch. Das Gewissen nehmen Sie also nicht mit zu Felde, Herr Hauptmann?

HERR VON WAGEHALS. Das Gewissen? Er lacht sehr. He? was nennen Sie Gewissen? Pfui! sein Sie nicht so abergläubisch.

FRÄULEIN AMALIE erstaunt. Wie? Sind die Leute abergläubisch, die vom Gewissen reden?

HERR VON WAGEHALS. Ja, ja! abergläubisch! Was ist Gewissen? Ich tue in der Welt, was ich will und kann. Ich folge meinem Vergnügen und meiner Neigung und nehme und genieße, was ich nur kriege, und bekümmere mich um mein Gewissen nicht ein Haar: denn nach dem Tode ist doch alles aus! Sehen Sie, das ist meine Religion!

FRÄULEIN AMALIE. Eine schöne Religion! Wahrhaftig, man möchte ein Kreuz vor Ihnen machen.[145]


Quelle:
Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen. Reihe Aufklärung. Band 6, Leipzig 1933–1935, S. 142-146.
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