Achter Auftritt


[157] Es kömmt ein Diener und bringt einen Tisch, ein anderer bringt Feder, Tinte und Papier und noch ein anderer zwei Lichte, hierauf kommen herein die Oberstin von Tiefenborn, der Landrat von Ziegendorf, Dr. Schlagbalsam, der Kapitän von Wagehals, der Notarius. Sie setzen sich alle. Dr. Schlagbalsam setzt sich zur Rechten der Oberstin. Der Notarius zieht eine Schrift auf etlichen Bogen heraus und setzt sich hinter den Tisch.


FRAU VON TIEFENBORN. Hat Er alles fertig gemacht, Herr Notarius?

NOTARIUS. Ja, gnädige Frau, ich habe ein formelles Instrument verfertigt, wie es vor Gerichten gültig ist, und brauche hier nichts als die Namen und Summen einzuschreiben.[157]

FRAU VON TIEFENBORN. Nun, so lese Er es uns allen laut vor.

NOTARIUS räuspert sich und liest. Sie hören alle emsig zu. »Zu wissen: daß gestern Freitags, war der 14. Tag des Junii, des 1745. Jahres, abends um zehn Uhr, von der Hoch- und Wohlgebornen Frau Oberstin ...« Nunmehro bitte ich mir Euer Gnaden Vornamen aus.

FRAU VON TIEFENBORN. Ich heiße Veronika Eustasia.

NOTARIUS schreibt ein und liest weiter. »Frau Oberstin Veronika Eustasia von Tiefenborn, Erb-, Lehn- und Gerichtsfrau auf Goldenfluß, Rentental, Reichenhof, Schatzleben und Frohenlohe, ein Bedienter, mit Namen Matthäus Nikolaus Pulverhorn, seiner Profession ein Jäger, schwärzlichen, finstern Angesichts, stumpfer, roter Nase, von großen Lippen, borstigen, schwarzen Haaren, seines Alters im 37. Jahr, in grüner Jägertracht mit alten goldnen Tressen, gelben Knöpfen, ziemlich abgetragenen ledernen Beinkleidern ...«


Sie fangen alle an zu lachen.


FRAU VON TIEFENBORN. Muß denn aller der Plunder in meinem Testamente stehen?

NOTARIUS. Ja, gnädige Frau.

FRAU VON TIEFENBORN. Was ist der Welt daran gelegen, ob meines Jägers Beinkleider alt oder neu sind?

NOTARIUS. Ja, gnädige Frau, sonst ist das ganze Testament unrichtig. Geduld werde ich mir von Ihnen allerseits ausbitten; denn es kommen noch viel mehrere solche Sachen vor.

FRAU VON TIEFENBORN. Nun, was sein muß, das sei! Lese Er weiter!

NOTARIUS liest weiter. »Abgetragenen ledernen Beinkleidern, stotternder Sprache, stinkenden Atems ... Sie halten sich alle die Tücher vor. bei mir gewesen und mir berichtet; demnach hochbemeldete Frau Oberstin Veronika Eustasia von Tiefenborn entschlossen sei, ihr Testament und letzten Willen gerichtlich aufzurichten und solches in Dero eigenen Behausung außergerichtlich geschehen solle, ich mich heute, den 15. Junii des 1745. Jahres, mit einem bereits fertigen Instrumente zu denenselben verfügen möchte. Alldieweilen nun solches Begehren meiner Profession und Notariatsautorität gemäß ist, habe ich, Remigius Leodegarius Gänsekiel, Notarius Publicus, mich den heutigen 15. Junii 1745 gegen Abend um halb sieben Uhr zu hochgemeldeter Hoch- und Wohlgebornen Frauen, Veronika[158] Eustasia von Tiefenborn, nach Dero ordentlicher Behausung auf dem Rittergute Rentental, in das daselbst mit einer Seite nach Osten, mit der andern nach Westen, mit der dritten nach Süden und mit der vierten nach Norden gelegene Herrschaftliche Haus, so von außen weiß und blau abgeputzt ist und eine große steinerne Vortreppe hat, worauf ein schwarzer, dicker, zottigter, großer, mich anbellender Pudel gelegen, eine 27 Stufen hohe Stiege hinan in ein mit bunten Tapeten ausgeziertes und mit ... Er sieht sich rundum und schreibt ein. acht Fenstern versehenes ...« Er springt auf.

FRAU VON TIEFENBORN. Wo will Er hin, Herr Notarius?

NOTARIUS kömmt wieder und schreibt ein. Ich habe nur die Glastafeln gezählet.

FRAU VON TIEFENBORN. Muß das auch sein?

NOTARIUS. Ja, gnädige Frau. Trauen Sie meinem Aufsatze nur. Ich bin ein alter Praktikus, hier ist keine Silbe zuviel.

FRAU VON TIEFENBORN schüttelt den Kopf. Mich dünkt, alles, was ich noch gehört habe, wäre zuviel. Nun weiter?

NOTARIUS liest. »Acht Fenstern, darinnen 48 Scheiben gewesen, worunter drei geborsten, eine schadhaft und eine entzwei war ... Sie sehen sich alle um und lachen; er liest weiter. begeben. Allhier habe ich gemeldete Frau Oberstin auf einem mit Er springt auf und guckt unter der Oberstin Stuhl. rotem Samte beschlagenen Lehnsessel, zwar kränklichen Leibes, jedoch bei vollkommenem gutem Verstande, in Gegenwart und Gesellschaft des ...« Zum Landrat von Ziegendorf. Ich werde mir nunmehr Dero Namen und Bedienung ausbitten.

HERR VON ZIEGENDORF. Ich bin der Landrat von Ziegendorf.

NOTARIUS. Haben Sie keinen Vornamen?

HERR VON ZIEGENDORF. Freilich! Ich heiße Wunnibald Agathon.

NOTARIUS schreibt ein und liest. »Herr Landrat Wunnibald Agathons von Ziegendorf und des ...« Zum Hauptmann von Wagehals. und Dero Namen und Bedienung?

HERR VON WAGEHALS. Beuterich Putz von Wagehals, Hauptmann unterm Brichhalsischen Regiment.

NOTARIUS schreibt ein und liest. »Hochwohlgebornen Herrn Beuterichs Putz von Wagehals, Wohlbestallten Hauptmann unter dem Halsbrecherischen ...«[159]

HERR VON WAGEHALS. Was? Was? Brichhalsischen.


Sie lachen alle.


NOTARIUS liest. So! so! also »Brichhalsischen Regimente, und ...« Zum Herrn von Kreuzweg. Dero Namen und Bedienung?

HERR VON KREUZWEG. Mein Name ist Arnolphus Carpasius Volkmar von Kreuzweg.

NOTARIUS schreibt ein und liest. »Des Hochwohlgebornen Herrn Arnolphus Carpasius Volkmars von Kreuzweg ...« Was bedienen Sie denn?

HERR VON KREUZWEG. Ich bediene mich selbst, wenn mein Lakai nicht da ist.

NOTARIUS. So, so! Er liest. »und des ...« Zum Dr. Hippokras. Dero Namen und Bedienung?

DR. HIPPOKRAS. Meine Name ist Pankratius Mammertus Hippokras, Medicinae Doktor.

NOTARIUS schreibt ein und liest. »Hochedlen, Hocherfahrnen und Hochgelahrten Herrn Pankratius Mammertus Hippokrates ...«

DR. HIPPOKRAS. Nein, nein! so groß bin ich nicht: Hippokras heiße ich.

NOTARIUS liest. »Hippokras, Medicinae Doctoris, als hierzu erbetenen Zeugen und der ...« Zu Fräulein Amalie. Mein gnädiges Fräulein, Dero Namen?

FRÄULEIN AMALIE. Ich heiße Euphemia Rebekka Amalia von Kaltenbrunn.

NOTARIUS schreibt ein und liest. »Der Hochwohlgebornen Fräulein Euphemia Rebekka Amalia von Kaltenbrunn: und ...« Zu Fräulein Karoline. Dero Namen?

FRÄULEIN KAROLINE. Judith Karoline von Kaltenbrunn, eine Bedienung habe ich nicht.

NOTARIUS schreibt und liest. »Der Hochwohlgebornen Fräulein Judith Karolinen von Kaltenbrunn und ...« Zum Herrn von Kaltenbrunn. Dero Namen?

HERR VON KALTENBRUNN. Albanus Basilius Torpetus von Kaltenbrunn.

NOTARIUS schreibt ein und liest. »Des Hochwohlgebornen Herrn Albanus Basilius Torpetus von Kaltenbrunn und ...« Zum Dr. Schlagbalsam. Dero Namen und Stand?[160]

FRAU VON TIEFENBORN. Ach! es ist schon genug! das Ding hat ja kein Ende!

NOTARIUS. Gnädige Frau, er muß herein; sonst ist Ihr Testament null und nichtig!

FRAU VON TIEFENBORN. Ei, Possen!

NOTARIUS. Und wenn hier ein Hund in der Stube wäre, so müßte ich ihn hineinschreiben; sonst sprächen alle Rechtsgelehrten, das Testament hätte kein ehrlicher Notarius Publikus gemacht.

FRAU VON TIEFENBORN. Nun, so lasse Er nur eine Lücke da. Es hat seine Ursachen, warum ich den Namen itzt nicht hineinhaben will, Er kann ihn schon hernach einschreiben.

NOTARIUS liest. »Gefunden; also hat obgemeldete Frau Oberstin von Tiefenborn gegen mich, Remigium Leodegarium Gänsekilium, als Notarium Publikum, sich wegen des so willigen Erscheinens bedankt und mir die Hand gereichet ... Er steht auf und gibt ihr die Hand; sie lachen alle; er setzt sich wieder hin und liest. und sich gegen mich erklärt, wie sie wolle, daß nach ihrem Ableben ...« Nunmehro belieben Eure Gnaden mir zu befehlen, wem und wieviel Sie vermachen wollen?

FRAU VON TIEFENBORN ernsthaft. Gut! schreibe Er nur: Sie sagt ihm vor, er schreibt nach und wiederholt immer, wo er ist. Fräulein Judith Karoline von Kaltenbrunn für die obgedachter Frau Oberstin in ihrem Leben bewiesene Redlichkeit und Treue 20000 Taler bares Geld und das Rittergut Frohenlohe auf lebenslang haben soll. Nach dem Tode dieses Fräuleins aber soll dieses Gut wiederum an die Universalerben zurückfallen.

NOTARIUS. Wen setzen denn Eure Gnaden zu Universalerben ein?

FRAU VON TIEFENBORN gibt dem Dr. Schlagbalsam die Hand. Zum Universalerben alles meines gesamten Vermögens, es bestehe solches, außer obigem Legat, in beweglichen oder unbeweglichen Gütern, außenstehenden Kapitalien, oder worin es sonst wolle, überall nichts davon ausgeschlossen, setze ich nach meinem Tode ein, gegenwärtigen Herrn Doktor Schlagbalsam ...


Sie erschrecken alle. Fräulein Amalie insonderheit.


NOTARIUS. Ich bitte mir seinen Namen aus.

FRAU VON TIEFENBORN. Schreibe Er nur: gegenwärtigen Hoch-[161] und Wohlgebornen Herrn Anselmus Hubertus von Ziegendorf. Er küßt ihr die Hand.

FRÄULEIN AMALIE. Wie? von Ziegendorf?

FRAU VON TIEFENBORN. Ja, als meinem verlobten Bräutigam.


Herr von Kaltenbrunn und Fräulein Amalie schlagen die Hände zusammen.


HERR VON WAGEHALS. Und Fräulein Amalie bekömmt nichts?

FRAU VON TIEFENBORN. Wie Sie hören.

HERR VON WAGEHALS. Ja, so mag ich sie auch nicht! Mit einer Bettlerin ist mir nichts gedient.

FRAU VON TIEFENBORN. Und ihr mit einem so wüsten Manne auch nichts. Wer so, wie Sie tun, mein Herr Hauptmann, die Vorsehung und alles, was ein höheres Wesen betrifft, das unser Schicksal regiert, nicht glaubt: der ist auch nicht wert, ein einziges von den Gütern dieses Lebens zu besitzen, das nur die Güte des Himmels den Menschen erteilet.

HERR VON WAGEHALS. Wahrhaftig, gnädige Frau! ich glaube gar, Sie fangen an zu beten! Er springt auf. Adieu! Adieu! leben Sie wohl! Er geht unwillig ab.

FRAU VON TIEFENBORN. Das ist ja eine leibhaftige Kordegarde! Zum Notario. Mache Er weiter, daß wir fertig werden.

NOTARIUS liest. »Und dieses wäre ihr letzter Wille. Nachdem nunmehro obgedachter Hoch- und Wohlgebornen Frau Oberstin, als sotane ihre letzte Willensmeinung vorgelesen worden, beständig dabei verblieben; als ist solches ihr Testament von ihr auf- und angenommen, durch mich, den Notarium Publikum protokollieret, folgendes anhero extendieret, mit meinem Notariatsiegel und meiner eigenhändigen Unterschrift bekräftiget und in gegenwärtige beglaubte Form gebracht worden. So geschehen, Rentental, ut supra. Remigius Leodegarius Gänsekiel, kaiserlicher Notarius Publikus.«

FRAU VON TIEFENBORN. Nun, das ist gut, Herr Notarius. Mein Kassierer wird ihn für seine Mühwaltung vergnügen.

NOTARIUS. Haben Eure Gnaden nichts mehr zu befehlen? Er gibt ihr das Testament.

FRAU VON TIEFENBORN. Nein, weiter nichts. Ich danke für Seine Mühe.

NOTARIUS. So wünsche ich Ihnen allerseits eine gesegnete Mahlzeit. Er geht ab.[162]


Quelle:
Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen. Reihe Aufklärung. Band 6, Leipzig 1933–1935, S. 157-163.
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