587. Der Reinstein oder Regenstein.686

[534] Eine Stunde von der Stadt Blankenburg entfernt liegt der Reinstein mit seinen imposanten Felsmassen, ganz isolirt von aller Nachbarschaft und blickt weit hinaus in den Harz. Angeblich687 soll ihn Kaiser Heinrich der Vogelsteller als eine Schutzwehr gegen die Einfälle der Ungarn (um 919)[534] erbaut haben. Jedenfalls ist die Angabe unrichtig, daß im Jahre 419 der König Malverich von Thüringen über den Harz gezogen und von den Sachsen geschlagen worden sei und daß diese letztern einem ihrer streitbarsten Kämpfer, dem Hatebold, dem sie vorzüglich den Sieg verdankten, die Erlaubniß gegeben hätten, sich irgendwo auf dem Harze eine Burg zu erbauen. Dieser habe sich den Sandsteinfelsen bei Blankenburg gewählt, eine Burg erbaut und dieselbe Regenstein genannt, weil er bei seiner Ankunft den Felsen beregnet gefunden hätte.688

Einst wohnten auf dieser Feste die Grafen von Reinstein, bis ihnen im Jahre 1367, wo ihre Vettern, die Blankenburger Grafen ausstarben, die Grafschaft Blankenburg zufiel und sie dann das über derselben gelegene Schloß bewohnten. Von einem dieser Grafen, Friedrich genannt, erzählt nun die Sage, daß er ein biederer und tapferer Mann, aber kinderlos gewesen sei. Die Aussicht, mit ihm sein Geschlecht erlöschen zu sehen, habe ihn sehr schwermüthig gemacht, noch mehr aber sein Weib, das ihn zärtlich geliebt und ihm so gern diesen Wunsch erfüllt hätte. Nun sei von uralter Zeit her am tiefen Brunnen auf Reinstein es nicht geheuer gewesen. Der Geist eines Ahnherrn der Familie wohne darin, hieß es, und zeige sich bei wichtigen Ereignissen in der Familie oben am Rande des Brunnens. Mancher habe sich schon erboten, seine Erlösung zu übernehmen, allein der Geist scheine das nicht zu wollen und habe dann immer gesagt: »Seid froh, daß man Euch nicht zum Werkzeuge meiner Befreiung erkor, denn nur Reinsteins Fall wird über mein Schicksal entscheiden.« Dieses unbekannte Wesen über das künftige Schicksal des Reinstein'schen Geschlechtes zu befragen, habe die Gräfin ihrem trauernden Gemahle einst vorgeschlagen und Friedrich, der nichts mehr gewünscht, als über das Dunkel der Zukunft Licht zu erhalten, hätte sich auch dazu entschlossen. Um Mitternacht am Tage der Empfängniß Mariä wäre er, der nie vor einem Feinde gezittert, nicht ohne Bangigkeit zum Brunnen hinabgegangen. Alsbald wäre der Ahnherr in einer weißen glänzenden Gestalt aus der Tiefe herausgestiegen und habe gesprochen: »Ich weiß Dein Begehren, Deinen Wunsch; im neunten Mond wird Dein Weib einen Knaben gebären, der Deinen Namen verpflanzt auf ferne Zeiten.« Und der Spruch sei eingetroffen; mit einem holden Knaben, den man Konrad nannte, habe den Grafen Friedrich sein Weib beschenkt, ja nach einem Jahre sei noch ein Sprößling dazugetreten, aber in dem Augenblicke, als dieser geboren, wäre der Geist des Brunnens auch wieder erschienen, mit wehmüthiger Stimme die Worte sprechend: »Die Stunde meiner Befreiung ist nicht mehr fern. Der Knabe, der jetzt geboren ist, wird einst der Vernichtet seines Stammes sein; er wird meinen Namen führen und durch ihn werde ich die ewige Ruhe finden.«

Da habe es ob dieser Worte große Trauer bei den Eltern gegeben, da sie gewußt, daß der Geist des Ahnherrn immer wahr rede. Ohne besondere Absicht hätte indessen das Kind den Namen Helmold erhalten, und erst späterhin sei es entdeckt worden, daß das Wesen im Brunnen der Geist des tapfern, aber wilden Helmolds von Reinstein gewesen, den das unbegreifliche Schicksal[535] bis zu Reinsteins Fall hierher gebannt habe. Die trübe Prophezeiung hätte aber bei den Eltern eine Abneigung gegen den kleinen Helmold erzeugt, die sich stets durch eine vernachlässigende und harte Behandlung geäußert. Immer unter den Knappen und Hausgesinde sei er sittenlos und rauh aufgewachsen, wild und roh gewesen, endlich gar durch die überstrenge Behandlung des Vaters veranlaßt worden heimlich fortzugehen. In den Wäldern herumirrend sei er unter eine Räuberbande gefallen, die ihn gleich als einen Beherzten kennen gelernt und bald zu ihrem Hauptmann erwählt habe. Hier, ganz sich selbst überlassen, frei und unabhängig wie der Vogel in der Luft, habe er sich in einer seiner Neigung entsprechenden Lage gefühlt, seine Räuberbande mit Ordnung und Strenge regiert und ihr daher auch immer nur so viel zu rauben erlaubt, als ihre Erhaltung erheischte. Als nun sein Vater gestorben, sein Bruder Konrad aber ihm das väterliche Erbtheil vorenthalten wollen, so habe er mit seiner Horde die Burg Reinstein bestürmt und auch eingenommen. Eine Versöhnung der Brüder habe jedoch bald der Fehde ein Ende gemacht. Die Genossen Helmolds wären als Knappen in die Burg aufgenommen worden und die feindlichen Brüder hätten nun als friedliche Geschwister das väterliche Erbe gemeinschaftlich bewohnt. Doch, da nach dem alten Sprichworte Art von Art nicht lasse, so hätten auch die in Knappen verwandelten Räuber gar bald das gewohnte Handwerk wieder angefangen, wozu die am Reinsteinfelsen vorüberlaufende Landstraße ihnen die beste Gelegenheit geboten. Die Brüder, Grafen Reinstein, hätten dies zwar anfänglich nicht leiden wollen, aber umsonst, und da es nach den Grundsätzen jener Zeit gar nicht entehrend gewesen, solche Ausschweifungen zu begehen, so hätten sie zuletzt selbst Theil daran genommen und Reinstein sei ein furchtbares Raubnest geworden. Da sei die Prophezeiung des Brunnengeistes in Erfüllung gegangen, denn der Herzog von Braunschweig habe die Burg belagert, erobert und die Räuber sammt ihren Herren verjagt.

Es giebt aber auch noch eine zweite Sage von der Burg Reinstein, die also lautet. Es soll einst einer ihrer Besitzer eine schöne Jungfrau in dem schauerlichen Verließe derselben gefangen gehalten haben, um durch Gefangenschaft und harte Behandlung ihr Herz, das er auf gütlichem Wege vergeblich zu erringen gesucht hatte, zu erweichen. Allein es gelang ihm nicht, umsonst quälte und peinigte er sie, umsonst sperrte er sie ab von aller menschlichen Gesellschaft und ließ ihr nur das Nöthigste an Essen und Trinken durch eine hohe Oeffnung von einem rohen, gefühllosen Henkersknechte reichen, umsonst, sie blieb bei ihrer Weigerung ihm anzugehören. Freilich vergingen ihr dabei nach und nach die Kräfte, freilich magerte sie ab und befand sich zuletzt nur noch in Lumpen, allein sie verzagte doch nicht, sondern betete zur heil. Jungfrau, ihr einen Weg aus dem Gefängniß zu zeigen. Und ihr Flehen war nicht umsonst. Zwar hatte sie keine Werkzeuge, um die starken Mauern zu durchbrechen oder die festen Schlösser zu öffnen, allein sie besaß noch einen goldenen Ring mit Diamantsteinen und dieses unbedeutende Ding sollte ihr zur Freiheit verhelfen. Sie hatte nämlich an einer Stelle ihres Kerkers öfters das Rauschen des Windes vernommen und daraus geschlossen, daß hier die Felswand nicht stark sein könne. Sie nahm also ihren Ring und fing an damit an dieser Stelle zu schaben. Zu ihrer Freude sah sie, daß die Masse mürbe und bröckelig war und von diesem Augenblicke an saß sie[536] Tag und Nacht und schabte, sich nur wenige Stunden für die Ruhe lassend. Ein ganzes langes Jahr setzte sie diese Arbeit ununterbrochen fort, endlich entstand eine Oeffnung so groß, daß sie mit dem Auge hindurchsehen konnte. Sie gewahrte den blauen Himmel, die goldene Sonne, grüne Bäume und frische Luft. Da sie nun eifriger und immer eifriger schabte, so wurde die Oeffnung täglich größer und endlich war sie im Stande, sich hindurch zu drängen. Aber wie ward ihr, als sie heraustrat? Schwindelerregend und furchtbar gähnte ihr die Tiefe des Abgrundes entgegen. Beinahe wäre sie in ihren Kerker zurückgegangen. Allein als sie überlegte, daß ihr drinnen nur Schmach oder ein elender Tod, hier aber doch die Hoffnung eines glücklichen Lebens winke, zögerte sie nicht mehr, sondern klimmte tiefer und immer tiefer hinab. Zwar bluteten ihr bald die zarten Hände, zwar vermochten ihre Kniee sie kaum noch zu halten, sie stieg weiter und immer weiter auf dem gefahrvollen Wege und so gelang es ihr endlich, bis an den Fuß des Felsens und von da aus zu den Ihrigen zu gelangen, die schon längst die Hoffnung aufgegeben hatten, sie je wieder zu sehen. Ihre Eltern und Geschwister erfuhren jetzt erst, wer ihr Entführer gewesen, sammelten in aller Eile ihre Freunde und Reisigen und zogen gegen die Burg, in welcher die arme Jungfrau so lange geschmachtet hatte. Geraume Zeit widerstand sie den Belagerern, aber endlich erlag sie einer List. Die Feinde zogen sich nämlich zurück und als der Graf von Reinstein, der mit Recht einen schlauen Plan dahinter vermuthete, die Zeit wahrnehmen wollte, die Burg neu mit Lebensmitteln zu versehen und daher den Befehl an die Bewohner der umliegenden Dörfer schickte, ihm solche hinaufzubringen, verkleideten sich die Rächer der armen Jungfrau in die Kleider der Landleute und zogen auf diese Weise in die Ringmauern der belagerten Veste ein. Kaum aber waren sie darin, so warfen sie ihre Kittel und Körbe ab, rissen ihre Waffen hervor und stießen die Wachen nieder. Bald war die Burg in ihrer Gewalt, nur der Graf selbst entging ihnen, wie uns gemeldet ward. Als er nämlich sah, daß er überlistet und aller Widerstand unmöglich war, suchte er heimlich zu entkommen. Da er aber alle Ausgänge vom Feinde besetzt und eingenommen fand, ließ er sich in Betten nähen und an langen Stricken auf der steilsten Seite des Felsens, welche die Feinde zu bewachen für unnöthig gehalten hatten, weil dort an ein Entkommen nicht gedacht werden konnte, in die Tiefe hinunterwinden. Auf diese Weise entkam er zwar dem Tode, aber nicht dem Unglück und Elend, das ihn arm und verlassen durch die Welt trieb.689 Lange, lange ist er umhergeirrt, aber Niemand weiß, wo und wie er ein Ende genommen. Seine Burg aber ward von den Eroberern jener armen Jungfrau zum Geschenk gemacht, die sich dann mit einem jungen tapfern Ritter vermählte und viele Jahre hier mit demselben glücklich lebte. Eines Tages soll sie jedoch, als sie auf dem Felsen sich erging, ein lautes Geräusch wahrgenommen haben, wie wenn Flammen knistern und sprühen. Als sie um sich blickte, gewahrte sie eine Spalte im Berge, aus welcher dicker Rauch in die Höhe stieg. Wie sie näher ging und hineinsah, fand sie einen Schlund, in dessen Tiefe Pech und Schwefel siedeten. Mitten aber darin sah sie eine[537] menschliche Gestalt, an welcher der zischende Schaum emporschlug und die in Verzweiflung die Hände rang und sich das Haar ausraufte. Diese Gestalt war aber jener böse Graf von Reinstein, der sie einst geraubt und so lange gefangen gehalten hatte. Flehend rief er zu ihr empor, sie solle Erbarmen mit seinen Leiden haben und ihm das an ihr begangene Verbrechen verzeihen. Dies versprach dieselbe ihm auch; da bat er sie, zum Beweise, daß es ihr Ernst sei, möge sie ihm den Ring, mit dem sie sich freigemacht, hinabwerfen. Zwar hatte die Besitzerin desselben sich vorgenommen, denselben zum ewigen Gedächtniß in ihrer Familie aufzubewahren, allein sie zog ihn doch vom Finger und warf ihn hinab. Augenblicklich verloschen die Flammen und der Geist des brennenden Grafen ging zur ewigen Ruhe ein, denn der Zorn des Himmels war gestillt.

In diesem Schlosse befand sich früher ein Gewölbe, das Teufelsloch genannt, in welchem ein Gespenst sich aufhielt, welches in einem fort frische Steine brach; vor demselben waren in römischen Ziffern die Worte »Anno MCX die Annae« ausgehauen, welches Einige als das Datum der Anlegung besagten Gewölbes, Andere für das der Zerstörung des Schlosses halten. In einem andern im Schlosse befindlichen Loche, welches mit allerhand kleinen Steinen, die nicht auf dem Berge, sondern in der Ebene gefunden werden, angefüllt ist, soll es ebenfalls nicht geheuer sein, denn so viele Steine man hieraus wegnimmt und fortträgt, so viele und zwar die nämlichen, die man herausgenommen hat, trägt der böse Feind wieder hinein.690

686

S. Gottschalck Bd. III. S. 181 etc.

687

S. Rohr, Unterharz S. 50.

688

Der Name Reinstein kommt wahrscheinlich von rhyn, d.h. erhaben, her; da man nun statt rhyn auch regin sagte, so ist davon auch Regenstein entstanden.

689

Die einfache historische Erzählung findet sich bei Rivander, Chron. Thuring. p. 103. Cf. Melissantes, Von Bergschlössern S. 179 etc.

690

So Meilissantes, Nachrichten von Bergschlössern S. 176. 180.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 534-538.
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