5. Die Sage von dem Ursprunge der Zollern'schen Grafen von den Welfen.

[10] Herr Isenbard, Graf zu Altorff (so ehemals ein Dorf in Schwaben gewesen, wo jetzt das Kloster Weingarten ist), welcher um das Jahr Christi 780 gelebt und Caroli M. Feldherr gewesen, hatte Frauen Irmentraud, eine junge und hitzige Dame, der Kaiserin Hildegard Schwester, zur Gemahlin. Indem nun ein armes Weib drei Kinder auf einmal zur Welt geboren, hat diese Gräfin sie öffentlich für eine Ehebrecherin gescholten und davor gehalten, daß von einem Manne nicht zwey oder drey Kinder auf einmal könnten gezeugt werden, und hat die Frau Gräfin bei ihrem Herrn Gemahl es dahin gebracht, daß das unglückliche Weib in einen Sack gestecket, auch als eine Ehebrecherin ins Wasser geworfen und ersäuffet worden. Folgendes Jahr wurde die Frau Gräfin schwanger und gebahr in ihres Herrn Abwesenheit zwölf schöne junge Söhnlein, welche aber, wie leicht zu ermessen, von geringer Leibesgröße sein können. Die seltne Begebenheit verursachte bei dem anwesenden Frauenzimmer einen Schrecken, bei der Frau Gräfin aber eine heftige Ehrfurcht und Scham. Sie bedachte bald, daß männiglich ihre Keuschheit in Zweifel ziehen und sie unordentlicher Liebe beschuldigen würde, gleich wie sie vor so weniger Zeit mit großem Eifer selbst andern gethan.

Die heftigen Gemüthsbewegungen setzten der ohnedem kranken Gräfin Leben und Verstand in Gefahr. Ihren guten Ruf und Nahmen wollte sie erhalten, sollte gleich alle mütterliche Treu und Liebe nebst der Seelen Seligkeit selbst darüber vergessen werden. Sie ließ die Kinder vor sich bringen,[10] wählte eins unter so vielen, welches sie behalten wollte, und befahl ihrer Wärterin mit ganz ergrimmtem und boshaftem Gemüth, die übrigen eilf an den nächsten Fluß zu tragen und ins Wasser zu werfen. Die Wärterin, welche mehr Gehorsam als Verstand und Gottseligkeit hatte, eilte selbst mit den unglückseligen Kindern fort, warf sie schichtenweis in die Bademulde und lief dem Wasser zu. Allein Gott wachte für diese Verlassenen, welcher es durch seine Regierung so gefüget, daß der tapfere Graf Isenbard eben nach Haus und dieser Kindesmörderin, ehe sie es vermuthete, auf den Hals kam. Er liebete seine Irmentraud sehr inniglich, und lief entweder aus Begierde, nach seiner Gemahlin Zustand zu fragen, oder aus kluger Haus-Sorgfaltigkeit auf sie zu und wollte wissen, was sie trage. Wer dürfte aber eine alte Dirne ohne Antwort vermuthen? Sie war hurtiger zu sagen, daß es junge Hunde wären, so sie ins Wasser tragen wollte, als daß der Graf eine Unwahrheit hätte besorgen können. Doch trieb ihn eine heimliche Regung, die Hunde zu sehen, ob vielleicht selbige von guter Art und zur Jagd möchten abzurichten sein. Allein die Alte wußte ihm mit rauhen Worten zu begegnen, es stände ihm als einem großen Herrn übel an, sich um solche unfläthige Dinge zu bemühen; er sollte nach etwas Schönern sehen, der hündliche Anblick könnte einem großen Herrn Eckel erregen und in schwere Krankheit stürzen, er habe bisher Hunde genug gehabt und könne diese untüchtigen wohl entrathen. Wer muß nicht bekennen, daß Gott hier Alles regieret, nachdem der Graf auf diese ungeschliffene Worte nur desto begieriger worden, die angegebene Hunde zu besehen? Er zwang die Alte, die Decke hinwegzunehmen. Was Wunder aber findet er? So viel schöne, zwar von geringen und kleinen Gliedern, doch wohl proportionirte lebhafte Kinder. Die Barmherzigkeit gegen die unschuldigen Märterer und der Zorn über die unbarmherzige Hunde-Mutter gerieth in Wettstreit; doch wollte er erstlich von der Alten die Eltern dieser Armseligen erforschen, welche, weil ihr eine grausame Todesart angedrohet war, anfing alles umständlig, und was die Gräfin zu dieser Grausamkeit bewogen, zu erzählen.

Der fromme Herr, dem nun der Unschuldigen Elend noch mehr schmerzete, wußte vor Mitleiden, Verdruß und Scham vor der Gemahlin Grausamkeit fast nicht, was er in so verwirrtem Stand vornehmen sollte, resolvirte sich doch endlich, am ersten die Kinder zu retten und das übrige bis auf bequeme Gelegenheit zu verschieben, übergab die Kinder dem daselbst wohnenden und wohlhabenden Müller mit Befehl, ihrer wohl pflegen zu lassen, und befahl der Alten, sie solle nur ohne Furcht zu ihrer Frauen wiederkehren und daß sie die Kinder ins Wasser geworfen, erzählen.

Sechs Jahre sind inzwischen verstrichen und die armen Findelkinder ziemlich erwachsen, als der Herr Vater sie heimlich auf einerlei Weise gar artig bekleiden und in das Schloß zu Weingarten (welches hernach zum Kloster geworden) bringen, ein kostbares Banquet anrichten, auch seine und der Frau Gemahlin nächste Freunde dahin einladen lassen.

Als man allerdings abgespeiset, brachte der Graf das rare Schauspiel, welches vielleicht der glücklichen Veränderungen und Affectenwechsel halber nicht viel seines Gleichen gehabt. Es hatte die Frau Mutter ihr junges Herrlein in schönen Purpur bekleidet, und der Graf hatte heimlich für die übrigen eilf Brüder auch dergleichen Kleider verfertigen lassen; in welchem Habit sie[11] dann sämmtlich in den Speise-Saal traten, sowohl an Kleidern als Gliedern und allem Ansehen einander so ähnlich, daß männiglich sie vor leibliche Brüder halten konnte. Sie machten dem Befehl gemäß einen höflichen Reverenz, und der Graf stund auf, zeigete mit Fingern auf die liebreichen Kinder und fragete seine werthe Gäste, mit welcher Straff man eine Mutter belegen sollte, welche dergleichen eilf schöne und holdselige Kinder hätte zu erwürgen befohlen? Das böse Gewissen ist ein grausamer Henker, und von solchem wurde Frau Irmentraud dermaßen gefoltert, daß sie anfing zu erblassen, bald zitterten alle Glieder und endlich fiel sie halbtodt vom Stuhl in tiefe Ohnmacht.

Das anwesende Frauenzimmer erschrack heftig, eilte doch mit allerhand kräftigen Wassern, die vor todt liegende zu erquicken, welche sich auch bald aufmachte und zu des Grafen Füßen wieder niederfiel, welchen sie nebst der sämmtlichen anwesenden hohen Freundschaft mit Vergießung vieler Thränen um Christi Willen um Verzeihung bat. Sie setzte beweglich hinzu, daß sie nicht sowohl aus Boßheit als Einfalt und Thorheit diesen Fehler begangen. Sie erzählete, wie die Begebenheit mit der armen Frauen und deren drei geborenen Kindern sie hierzu gebracht und wie sie nicht durch Hochmuth, sondern aus Unwissenheit gefehlet. Sie bat inständig, man solle bedenken, daß sie diesen schweren Fall schon oft bereuet und mit vielem Seufzen Gott abgebeten und daß sie diese sechs Jahre hier niemand mit einer fröhlichen Miene würde gesehen haben.

Die reuige Bekänntnüß und Abbitte des begangenen Fehlers hat eine sonderliche Versöhnungskraft in sich und edle Gemüther sind zur Verzeihung gern geneiget, wenn sie eine Demuth spüren. Dahero geschah es, daß alle Anwesende mit denen häufig hervorquellenden Thränen Mitleiden hatten. Sie erwogen sämmtlich, daß, obgleich die Anschläge und Thaten verdammlich, doch der Ausgang und Erfolg glück- und erfreulich gewesen. Sie traten in die Reihe um den tapfern Grafen Isenbard und baten, daß er diesen Fehler der unglücklichen Frauen vergeben wollte. Diesem nach bückete sich der vorhin fast unbeweglich stehende Graf Isenbard, hub die vor ihm knieende und weinende Gemahlin von der Erde auf. Er dankte zuvörderst mit aufgehobenen Händen dem wunderbaren Gott, der alles so glücklich regieret. Dann wendete er die Rede auf die Frau Gemahlin; und Euch, meine liebe Irmentraud, sagte er, wollen wir sämmtlich vor unschuldig halten, weil es meistens aus Einfalt und Uebereilung hergerührt. Endlich weil seltsame Begebenheiten ein beständig währendes Gedächtniß bei denen Nachkommen verdienen; also wurde von der ganzen Gesellschaft für gut befunden, daß diese junge Grafen zu ewigem Gedächtniß dieser Wundergeschicht die Welfen (Wölfe, junge Hunde), oder wie es andere ausreden, Guelphi, Veliphi (nach Andern bedeutet es Zwölf, die Zahl der geborenen Kinder) sollten genennet werden, wiewohl die Eilffe bald hernach ohne Erben wieder verstorben, und nur der Einige, welcher von der Mutter erzogen worden, das Geschlecht fortgeflanzet, welches aber so hoch durch Gottes Segen gestiegen, daß nicht nur dessen Tochter Juditha Ludovici Pii andere Gemahlin worden, von welcher Kaiser Carolus Calvus, sondern auch die mannliche Descendenten, Conradus, von dem die Herzogen und Könige in Burgund, auch die französischen Könige, dann ferner Rudolphus, von dem die Herzogen zu Bayern alten Geschlechtes und jetzige Braunschweigische herstammen. Von dieser Welfischen hohen Familie[12] wollen viele alte und neue Scribenten die Abstammung des Hauses Zollern herleiten, so den Welf oder Hund, so anfänglich im Schild gestanden, auf den Helm gesetzt. Sie haben auch Graf Isenbard selbst für den Zollerischen Stammvater angesetzt, welcher nebst Guelfo I. Thassilonem gezeuget, und diesem sey das Hohenzollerische Territorium zugefallen, dahero selbiger Thassilo für den ersten Urheber dieses preiswürdigen Geschlechts zu zählen. Man hat aber gleichwohl aus beider Häuser gegen einander geführten Meinung abgenommen, daß das Zollerische Haus von denen Welfen nicht abstamme. Aus den bewährtesten Geschichtschreibern ist bekannt, daß eine grausame Erbfeindschaft zwischen denen beiden Factionen, der Welfischen und Gibellinischen oder Weiblingischen (vom Kaiser Conradi III. Geburtsort Weiblingen, so jetzo dem Herzog von Würtemberg zugehöret, also genennet) entstanden, welche viel Jahre lang Deutschland und Italien in Unruh gesetzet, in welcher jegliche Familie nicht nur ihre Verwandten, sondern alle Bekannten, so viel möglich, sich anhängig gemacht, um sich bei der höchsten Macht zu schützen und die gegenseitige Faction zu stürzen.

Weil nun sowohl das Haus Zollern als die Burggrafen zu Nürnberg, auch sogar die Colonnensische Familie in Italien, jederzeit gut Gibellinisch oder kaiserlich gewesen, also könne man wohl ermessen, daß diese Häuser nicht von denen Welfen abgestammt, sie würden sonst ihres eigenen Hauses, welches das mächtigste in ganz Europa gewesen, Untergang nicht gesuchet und sich selbst Schaden zugefüget haben.37

37

Rentsch, Brandenburg. Ceder-Hain 17-37.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 10-13.
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