317. Der Poltergeist zu Radewell.386

[261] Radewell ist ein Dorf nicht weit von Halle im Saalkreise des Herzogthums Magdeburg. Daselbst war zu Anfang des 18. Jahrhunderts ein gewisser Johann Friedrich Laitenberger Pastor, ward aber später nach Sperga im Stifte Merseburg versetzt. Als derselbe jedoch noch an erstgedachtem Orte fungirte, trug sich daselbst folgende seltsame Begebenheit zu.

Es hielt sich zu Radewell eine Dienstmagd, Namens Anna Katharina Lerchin, gebürtig aus Ammendorf, bei dem Bauer Andreas Lange auf. Es war dieses eine gar gottlose liederliche Person, die namentlich dem Geistlichen, der sie öfters zur Besserung ermahnte, allen möglichen Tort und Dampf anthat. So kam sie eines Nachts mit fremden Soldaten und Spielleuten vor die Pfarrwohnung, fing an mit ihnen zu schreien und zu jauchzen und Zotenlieder zu singen. Endlich aber ward sie guter Hoffnung, versprach zwar anfangs dem Pastor, der ihr ihr Vergehen vorhielt, in sich zu gehen und von nun an an Gott zu denken, allein dieses Versprechen und die guten Vorsätze hielten nicht lange vor, sie weigerte sich, die ihr aufgelegte öffentliche Kirchenbuße zu thun, verfluchte und verwünschte den Pfarrer und sagte gar: der Donnerpfaffe soll's nicht würdig werden, daß er mir die Hand noch einmal auf den Kopf lege! Als inzwischen am 27. September 1709 ein gewisser Andreas Wolf, ein böser Mensch, der zeitlebens ein gottloses, liederliches Leben geführt hatte, starb und sie beim Begräbniß von etlichen Dabeistehenden ermahnt ward, ein Exempel an diesem Manne zu nehmen, da sie bei ihrer hohen Schwangerschaft auch schon mit einem Fuße im Grabe stehe, fuhr sie mit den Worten heraus: »Dem Donnerpfaffen zu Gefallen? Nimmermehr! Ich will die andere Woche in das nächste Dorf, nach Döllnitz ziehen;[261] der verfluchte Pfaff soll nicht würdig werden, mein Kind zu taufen und mich zu absolviren!«

Ehe sie aber noch diesen Vorsatz ausführen konnte, kam sie vorzeitig nieder; sie gebar zwar ziemlich leicht ein Zwillingspaar, allein sie ward bald so schwach, daß sie die Wehemutter bat, zum Geistlichen zu gehen und ihn zu ihr zu holen. Dies geschah auch, allein als derselbe in die Stube trat, wo sie auf Stroh lag, und sie anredete, erblaßte sie und fiel todt zurück, ohne noch einen Finger zu regen oder ein einziges Wort zu sprechen. Ueber diesen merkwürdigen Fall entsetzten sich aber alle anwesenden Frauen und eine derselben, welche sich an ihre frühern gottlosen Reden erinnerte, sprach: »Du gutes Mensch sagtest, der Pfarrer soll's nicht würdig werden, aber nun bist Du es nicht würdig geworden, ob Dich gleich noch so sehr darnach verlangt hat!« Sie ist nun am 3. October nebst ihren zwei auch verstorbenen Töchterlein, ohne die sonst gewöhnlichen Ceremonien, blos unter Absingung einiger Lieder, bei Seite auf dem Kirchhofe in einem Winkel begraben worden.

Nicht lange nachher wurde der Geistliche in seiner Schlafkammer, welche gerade unter seiner Studierstube lag, nach 10 Uhr in der Nacht, als er kaum eingeschlafen war, durch ein ganz ungewöhnliches Gehen und Schreiten oben in derselben aufgeweckt, und ohngeachtet er nicht recht klug daraus werden konnte, ob es ein Mensch oder sonst etwas sein möge, so achtete er doch nicht gewiß darauf, sagte auch Niemandem ein Wort davon. Die folgenden Nächte kam es aber wieder und weckte endlich auch die Frau Pastorin und ihre Kinder, die in derselben Stube schliefen, auf, die dann vor Furcht nicht wieder einschlafen konnten. Denn es war zwar kein großes Gepolter, sondern nur ein Gehen und Schreiten, fast wie ein Mensch geht und schreitet, aber doch auch nicht recht wie ein Mensch, sondern leiser und subtiler, doch so durchdringend, daß man auch im tiefsten und härtesten Schlafe davon nicht ungestört und unaufgeweckt blieb. Anfangs kam es um 10 Uhr in der Nacht und gleichsam wie heimlich, ganz sachte, als wenn es sich nicht recht erkühnte, that auch nur 1 bis 2 Schritte, hernach kam es immer früher, um 9, endlich schon um 8 Uhr des Abends, auch immer lauter und stärker, mit 3, 4, 5 und endlich 6 vollen Schritten, aber niemals mit mehreren. Im Anfange währte das Gehen etliche Nächte nur 1 Stunde, dann 2 und zuletzt fast die ganze Nacht hindurch bis früh um zwei Uhr. Und, was das Merkwürdigste war, es schritt nur hinwärts von Mittag gegen Mitternacht, niemals aber wieder rück- oder herwärts, so daß es sich etwa umgekehrt hätte.

Wenn es nun kam, fiel der Pastor anfänglich auf seine Kniee und betete zu Gott; da blieb es einmal 14 Tage lang weg, nachgehends kam es aber doch wieder und das Beten wollte nicht mehr wie früher helfen. Da versuchte er es und blieb einige Male und zwar ganz allein in der Studierstube, worin es zu gehen pflegte, bis Nachts um 1 Uhr, und dann ließ sich es nicht mehr hören. Indeß riethen andere Geistliche dem Pfarrer ab, solches nicht mehr zu wagen. Mittlerweile kam die Sache aus und es hieß: der Teufel ist auf der Pfarre. Andere sagten, es wäre die Lerchin, die könne nun nicht ruhen nach ihrem Tode, weil sie in ihrem Leben widerspenstig gewesen, jetzund nicht zu dem Pfarrer habe kommen und Buße thun können.

Während der Zeit machte der Pfarrer Bekanntschaft mit einem Schüler[262] des bekannten Gespensterleugners, des Professors Thomasius zu Halle, und selbiger, der die ganze Sache für Einbildung oder Betrug hielt, erbot sich, mit nach Radewell zu kommen und dort selbst die Erscheinung zu prüfen. Derselbe kam auch, man verschloß und verriegelte alle Stuben und Kammern im Hause, namentlich die Studierstube, und alle Insassen des Hauses versammelten sich in der Unterstube. Um 8 Uhr begann das Gehen in der Oberstube und Alle zählten die Schritte des Gespenstes: es waren allemal sechs nach einer und derselben Gegend hin. Man zog nun mit Lichtern die Treppe hinauf, öffnete die verschlossene Stube, fand aber nichts darin; kaum war man wieder unten angekommen, so ging der Spuk von Neuem los. Man untersuchte zum zweiten Male das ganze Haus, allein man fand natürlich nichts. Der fremde Gespensterleugner, der übrigens seiner Versicherung nach bemerkt hatte, daß der Geist außerhalb vor der Studierstube seinen Gang angetreten und ohne Eröffnung der Thüre, ja neben der Thüre durch die Wand hindurch seinen Weg genommen und seine Schritte und Tritte gethan, wurde völlig überzeugt und sagte: »Nunmehr glaube ich, ja ich sehe und erfahre es in der That, daß es Gespenster, folglich auch Teufel giebt; denn das ist und kann nichts anders sein als ein Geist.«

So dauerte dieser Unfug fast ein Vierteljahr fort, da kamen eines Abends um 9 Uhr die Frau Pastorin und ihre Magd aus der Schlafkammer, worin sie gewesen waren, voller Angst in die Wohnstube gestürzt, wo der Geistliche lesend am Tische saß, und versicherten, sie hörten ganz deutlich, wie der Geist sogar jetzt die Treppe herunterkomme. Der Geistliche aber verwies ihnen ihre Furcht und sagte, wenn sie so vor dem Teufel flöhen, werde es immer schlimmer werden, er werde sie noch zur Welt hinaustreiben; sie müßten es umgekehrt machen, dem Teufel entgegengehen und ihm die Spitze bieten, vielleicht daß sie ihn auf diese Weise vertreiben könnten. Der Geistliche nöthigte sie also mit ihm in die Schlafkammer zu treten, wohin eine Treppe von oben hinabführte. Kaum aber waren sie darin, so wollten jene wieder hinauslaufen, denn es war wirklich wahr: es ging und kam die Treppe etliche Stufen weit herunter und zwar wie eine Weibsperson, indem man ganz deutlich hörte, wie es den Rock als einen Weiberrock auf den Stufen nachschleppte. Anfangs kam hierüber dem Geistlichen zwar selbst ein Grausen an, allein er ermannte sich und redete seiner Frau, Magd und Kindern zu, sie sollten doch an den allgegenwärtigen Gott und Heiland denken und denselben über den ohnmächtigen Teufel nicht ganz und gar verleugnen, sondern jenen durch lebendigen Glauben in ihren Herzen erhöhen, diesen aber verspotten und gegen Gott für nichts achten, so würden sie zur Stunde erfahren, wie Gott den Satan unter ihre Füße treten werde. Indem er dies sagte, machte er die Treppenthüre auf und redete mitten unter dem Gehen und Treten des Gespenstes dasselbe an und sprach: »Im Namen meines Gottes, dem ich diene, rede ich Dich, wer Du auch bist, der jetzo geht und sich hören läßt, an und verlange, daß Du aufhörest und zu dem Ende ein wenig stillstehst!« Und siehe, sogleich ward es stille und es war, als käme der Geist näher an die Treppe. Hierauf begann der Geistliche von Neuem ihn anzureden und fragte ihn, ob er ein guter oder böser, oder einer jener Mittelgeister sei, von denen letztern einer vor etlichen Jahren, als die Pfarrscheune abbrannte, ihm diesen Brand durch allerlei Zeichen vorher[263] angezeigt habe. Hierauf antwortete der Geist aber nicht und ebensowenig auf die neue Frage, ob er vielleicht die Seele der kürzlich verstorbenen Lerchin sei. Hierauf forderte der Pastor den Geist abermals auf, er solle entweder reden oder ein Zeichen geben, letzteres solle aber gleichzeitig ein Merkmal sein, daß er der Teufel sei, wenn er wieder aufs Neue wie zuvor sich hören ließe und gehe. Gleich fing der Geist wieder an zu gehen. Nun hob aber der Geistliche an ihn heftiger anzufahren und zu schimpfen und er sagte geradezu, er müsse sich wundern, daß er gegen seine sonstige grimmige Natur bis jetzt noch so höflich aufgetreten sei. Das ließ sich der Poltergeist nicht zweimal sagen, sondern ward so laut wie noch nie. Darüber lachte der Pastor und sprach: »Immer mache es noch ärger, wie es Dir grobem Esel zukommt!« Er wiederholte dann die Worte: »noch ärger«, und es geschah auch. Endlich aber ging der Geist etliche Stufen der Treppe wie auf den Pastor zu und zwar sehr eilfertig und geschwind, und schleppte einen Weiberrock nach sich. Allein der Pastor ließ sich nicht schrecken, sondern ging dem Gespenste die Treppe hinan entgegen und sprach: »Meinst Du etwa, ich solle vor Dir laufen und mich vor Dir fürchten, Du garstiger Dreck- und Sündengeist? Komm, in welcher Gestalt Du willst, und wenn es auch mit feurigen Augen, mit feuerspeiendem Rachen und mit noch so großen Hörnern und Klauen wäre, Du sollst bald sehen, daß ich mich nicht vor Dir fürchte etc.« Das machte aber auch den Anwesenden Muth, denn sie fingen Alle an überlaut zu lachen und den Teufel zu verspotten. Und der Pastor ging immer weiter die Treppe hinan nach ihm zu und fragte: »Wie lange willst Du es noch so treiben? Ich werde mich und meine Kinder nicht länger von Dir incommodiren lassen, heute soll es das letzte Mal sein, daß Du uns beunruhigst!« Da wurde es ein wenig still, als ob der Geist sich wundere oder bedächte, allein er fing doch wieder an. Nun begann der Pastor von Neuem ihn zu schimpfen und herunterzumachen, hieß ihn sofort ruhig sein und fragte ihn: »Versuch es noch einmal, ob Du kannst vor dem, der in mir ist und durch den ich rede, vor Jesu Christo!« Darauf that jener, als wenn er noch einmal anfangen wollte, allein es war kaum so laut, als wenn man mit einem Finger auf ein Brett tippt. Darauf lachten Alle herzlich, der Geistliche aber schloß mit den Worten: »Trotz sei Dir noch einmal für allemal geboten, im Namen des Herrn, daß Du Dich im Geringsten wieder hören läßt!« Damit schlug er die Treppenthüre zu und sang mit den Seinigen einige fromme Lieder, das Gespenst aber hat niemals wieder etwas von sich hören lassen.

386

Nach Reichard Bd. I. S. 126 etc.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 261-264.
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