327. Der Teufel und der Tartarenkönig zu Magdeburg.396

[281] Zu Anfange des 16. Jahrhunderts lebte in Magdeburg ein reicher Bürger und Rathmann, Namens Melchior Teufel, der aber für seine Zeit sehr wenig fromm war und in seinem Umgange sich gar nicht wählerisch zeigte, denn er ging nicht blos mit Leuten aus allerlei Ständen und verdächtigen Herkommens um, sondern er rühmte sich geradezu, daß er gar keinen Glauben habe. Sein bester Freund war aber der Häuptling einer Zigeuner- oder Tartarenbande, die sich damals in Magdeburg aufhielt. Derselbe ließ sich, trotzdem daß er gar keine Kenntniß von der christlichen Religion hatte, doch dem Rathmann zu Gefallen in der Katharinenkirche taufen und sich dort den Namen eines Grafen von Rosenburg beilegen. Er hatte eine schöne Tochter, die er frühzeitig nach dem Wunsche Teufels für des Letztern Sohn zur Frau bestimmte. Mittlerweile ward der alte Tartarenfürst vom Blitz erschlagen und in der St. Katharinenkirche begraben, die beiden für einander bestimmten jungen Leute aber verlobten sich, wie es ihre Eltern bestimmt hatten. Da trug es sich eines Tages zu, daß spät am Abend ein alter Zigeuner oder Tartar sich bei der jungen Frau vorstellte und ihr sagte, er komme geraden Weges aus der Hölle von ihrem Vater, seinem frühern Herrn, und bringe ihr hiermit dessen Botschaft, sie möge ihren Schwiegervater und Vormund, den alten Teufel bitten, daß er ihren Vater aus seinem Grabe in der Katharinenkirche, wo sein Geist keine Ruhe habe, herausnehme und irgendwo anders hin begraben lasse, weil sonst der Kirche große Gefahr bevorstehe. Die gehorsame Tochter that auch, wie ihr Vater ihr geheißen hatte, allein der alte Teufel lachte dazu und sagte, sie habe wohl geträumt; der Teufel, sein Namensvetter, bestehe nur in der Einbildung, daher werde er auch die Leiche seines Freundes im Frieden an ihrem jetzigen Orte ruhen lassen und sei wegen der Folgen in gar keiner Sorge. Diese blieben aber nicht aus, denn im Jahre 1521, an demselben Tage, wo der junge Teufel mit der Zigeunerkönigstochter Hochzeit machte, schlug der Blitz an der Seite des Krökenthors einen Thurm von der Katharinenkirche, und als nach langer Unfruchtbarkeit im Jahre 1538 jene ihrem Mann das erste Söhnchen schenkte, fiel in der Stadt und Umgegend so viel Feuer vom Himmel, daß man fürchtete, es werde Alles von den Flammen verzehrt werden. Im Laufe der Zeit waren nun aber der Rathmann Teufel, sein Sohn und dessen Gattin gestorben und es lebte nur noch dessen einziger Sohn, der reiche Brauherr Melchior Teufel. Auch dieser ward mehr als einmal im Wachen und im Traum durch Geisterstimmen aufgefordert, den Leichnam seines Großvaters aus der Kirche fortbringen zu lassen, allein ebenso ungläubig wie sein anderer Großvater von väterlicher Seite beachtete er diese Warnung nicht nur nicht, sondern trieb auch noch Hohn und Spott mit derselben. Da trug es sich zu, daß er am Sonntage Misericord. Dom. 1613 unter der Nachmittagspredigt ein Fuder Stroh aus[281] seinem in der Neustadt gelegenen Hause in das am Breitenwege befindliche Brauhaus schaffen ließ; er selbst leitete das Auf- und Abladen und mochte sich wohl dabei irgend einer Unvorsichtigkeit schuldig gemacht haben, genug, plötzlich entzündete sich das hochaufgethürmte Strohfuder, es entstand eine furchtbare Feuersbrunst und die Katharinenkirche selbst ward mit in Asche gelegt. Die Sage erzählt nun, daß während einzelne fromme Bürger in die Kirche eilten, um die heiligen Gefäße und sonst werthvollen Gegenstände zu retten, sich auf einmal darin schwarze Gestalten gezeigt hätten, welche die Bürger zurücktrieben, mit Aexten in der Kirche selbst Alles zusammenhieben und dabei aus ihren weit geöffneten Mäulern Feuerflammen aushauchten. Es konnte natürlich nicht anders kommen, als daß auf den reichen Teufel der Verdacht fiel, durch seine Gottlosigkeit an dem ganzen Unglück Schuld zu sein. Man nahm ihn fest und gab folgende Gründe seiner Schuld an: erstlich bezeichne ihn schon sein Name als einen Gottlosen und daß er und seine ganze Familie dies seien, hätten sie dadurch bewiesen, daß sie nie oder doch nur selten den Gottesdienst besucht hätten; zweitens sei seine Mutter die Tochter eines Zigeuners gewesen; drittens hätten böse Geister während des Brandes selbst in der Kirche Unfug getrieben und die Bürger am Löschen gehindert, und viertens endlich habe er selbst während des Gottesdienstes vermuthlich darum das Feuer angelegt, weil die meisten Bürger gerade zu der Zeit sich in den Kirchen befanden, also Niemand zum Löschen da war. Da er nichts bekennen wollte, ward er auf die Folter gebracht und vor Schmerzen gestand er denn, er sei mit dem leibhaften Teufel im Bunde und habe demselben versprochen gehabt, in der Nähe der Kirche einen Brand zu stiften, von welchem auch diese ergriffen und die Seele des darin begrabenen Zigeunerkönigs erlöset werden solle. In Folge dessen ward er natürlich von den Richtern zum Tode verurtheilt und sollte am dritten Tage nach dem Urtheilsspruch gehängt werden. So geschah es auch; er ward an einem trüben Herbstmorgen mit einer weißen Kappe, dem sogenannten Armensünderkleide angethan, auf einer Karre durch das Krökenthor nach dem Rabenstein geführt, dort ward erst noch über ihn das hochnothpeinliche Halsgericht abgehalten und er dann dem Scharfrichter übergeben. Wie gewöhnlich führten ihn zwei Henker die Leiter hinan, legten ihm oben eine Schlinge um den Hals und stießen ihn dann von der obern Stufe hinab. Allein was geschah! der Strick, an welchem er gehangen hatte, riß und er stand plötzlich munter und wohlbehalten unter dem Galgen. Er stieg schnell wieder die Leiter hinauf und sprach laut zu dem zahlreich versammelten Volke, er sei nur durch die Schmerzen der Folter zu dem lügenhaften Geständniß seiner Schuld gezwungen worden, er sei unschuldig und da durch das Zerreißen des Stricks gewissermaßen Gott selbst Zeugniß für ihn abgelegt habe, so verlange er, daß ihn die Richter begnadigten, denn er sei ja auch wirklich gehangen worden und zu einem zweimaligen Hängen sei er doch nicht verurtheilt gewesen. Allein die strengen Richter kehrten sich nicht an diese seine Argumentation, sie ließen ihn zum zweiten Male hängen und da diesmal der Strick nicht riß, sondern fest blieb, so mußte er wirklich seinen Geist aufgeben; sein Leichnam ward nachher vom Galgen abgenommen und unter demselben eingescharrt.

Bald war das Feuer und der Brauherr Teufel vergessen und nur wen sein Weg am Galgen vorbeiführte, dachte mit Schaudern an dessen letzten[282] Candidaten. Da trug es sich zu, daß eines Nachts ein junger Fleischergesell ein Kalb getrieben brachte, das aber, weil es vor Ermattung nicht weiter konnte, gerade unter dem Galgen stehen blieb und durch nichts zum Weitergehen gebracht werden konnte. Es blieb also dem Gesellen nichts übrig als sich hinzusetzen und das Thier wenigstens eine kurze Zeit ausruhen zu lassen. Er hatte nicht lange gesessen, da kam ein Wanderer die Straße her, grüßte den jungen Mann und fragte ihn, warum das Kälbchen nicht mehr laufen wolle. Dieser erklärte ihm mit kurzen Worten die Ursache und nun fragte jener, ob er nicht, da er einmal hierbleiben müsse, ihm bei einer Arbeit, die aber noch vor Mitternacht fertig sein müsse, helfen wolle, es solle sein Schade nicht sein. Als der Geselle »ja« sagte, nahm der fremde Wanderer einen Spaten und grub einen Leichnam aus, der Fleischergesell mußte ihm denselben nach dem nahen Gottesacker tragen helfen, dort machten sie ein neues Grab und senkten ihn ein. Hierauf sprach der Fremde: »Nun, Freund, kehre wieder zu Deinem Kalbe zurück, es wird jetzt wohl ausgeruht haben; da, wo es wieder stehen bleibt, liegt Dein Glück begraben! Gieb ihm den Namen des Thieres, das Dich zu ihm geführt hat.« Kaum war der junge Fleischer wieder in die Nähe des Galgens zurückgekehrt, so stand auch das Kalb von selbst auf und schritt munter der Stadt zu; plötzlich aber blieb es abermals stehen, legte sich nieder und war durch keine Schläge zum Wiederaufstehen zu bewegen. Der Fleischerbursche versuchte nun, wie es jene Leute sonst auch zu machen pflegen, es aufzuheben und durch Fortstoßen in Gang zu bringen, allein wie staunte er, als er statt des langen Schwanzes ein kurzes rauhes Ding in die Hand bekam, das dem Schwanze eines Bären, aber nicht dem eines Kalbes glich. Das Thier selbst war gewaltig schwer und fing furchtbar an zu brummen, als es der Fleischer weiter anrührte, um es auf die Beine zu bringen. Kurz jener merkte bald, daß er wirklich statt seines zahmen Kälbchens ein grimmiges Raubthier bei sich habe. In demselben Augenblick begann es nun aber mit seinen gewaltigen Tatzen die Erde aufzuwühlen, daß ihm die Schollen um den Kopf flogen. Nach längerem Wühlen flogen aber auch dunkle Klumpen mit aus dem Boden, die im Fallen einen Klang gaben; der Fleischer, der sich jetzt an die Verheißung des unbekannten Fremden erinnerte, hob einen derselben auf und hatte bald die Hände so voll von Goldstücken, daß er sie nicht alle tragen und fortbringen konnte. Er scharrte daher einen Theil ein und nahm nur soviel mit als er tragen konnte. Der Bär aber folgte ihm nach wie ein treuer Hund. Am folgenden Tage holte er das übrige Geld nach und war nun so reich, daß er das Fleischerhandwerk aufgeben und sich das Stück Land, auf welchem der Bär das Gold ausgegraben hatte, kaufen konnte; auf demselben legte er einen stattlichen Gasthof an und nannte ihn »Zum Bären«. Derselbe hat noch bis auf die neuere Zeit gestanden, ist aber eigentlich später mehr unter dem des Bender'schen Kaffeegartens bekannt gewesen.

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Nach Relßieg Bd. II. S. 231 etc.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 281-283.
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