491. Die Sage von der Rothenburg.580

[449] Unzertrennlich von dem Kiffhäuser ist die Rothenburg, zu der sich von seinen Ruinen ein schöner breiter Weg auf dem Rücken des Gebirges herabsenkt.[449] Zwar gehört auch sie zum Fürstenthum Schwarzburg-Rudolstadt, allein ihre Lage zwischen Nordhausen und Sangerhausen bringt sie dermaßen in Verbindung mit dem preußischen Thüringen, daß sie hier nicht gut zu übergehen ist, weil sonst die ganze Sagenreihe dieses Theils des Königreiches eine Lücke haben würde.

Im Dorfe Hackpfiffel in der Nähe der alten Rothenburg, von der ebenfalls noch die Ruinen des Hauptgebäudes und eines 80 Fuß hohen, runden, fast bis an seinen Fuß geborstenen Thurmes übrig sind, lebte vor mehreren hundert Jahren ein Schulmeister, Namens Renatus, der sich viel mit den geheimen Wissenschaften beschäftigt hatte und selbst Versuche Gold zu machen angestellt hatte. Nebenbei war derselbe aber auch noch ein vorzüglicher Zitherspieler, der, wenn's im Dorfe einen Tanz gab, aufzuspielen pflegte und wegen seiner Geschicklichkeit allgemein gesucht und beliebt war. Der geht nun einstmals hier vorbei bei dem alten Mauerwerk, als es schon angefangen hatte dämmerig zu werden, hat seine Zither auf dem Rücken hängen und will noch hinüber nach Rathsfeld, was dort jenseits des Berges liegt. Da schreit eine Riesenstimme aus dem dicken Thurme heraus: »Renatus, steh!« Derselbe fährt vor Schreck in einen Klumpen zusammen, denn wenn er auch ein sehr beherzter Mann war, so kam ihm doch dieser Anruf aus der verstörten Stätte, vor der er so oft schon und selbst um Mitternacht herum ungestört vorübergegangen, gar zu unerwartet. Er bleibt stehen, sieht und hört aber nichts, will schon weiter schreiten, da schreit's mit noch gräßlicherer Stimme: »Renatus, steh!« Er steht, zittert aber wie ein Espenlaub. Da tritt aus jener Thüre dort eine große, lange, hagere Gestalt heraus, hat ein langes graues Kleid an, einen Strick um den Leib, eine hohe spitze Mütze auf dem Kopfe und vor der Brust einen schwarzen Todtenkopf. Neben ihm steht ein großer, mächtiger, schwarzer Bullenbeißer mit feuerfunkelnden Augen, die sich immer hin- und herdrehen. Die Gestalt spricht: »Renatus, Dich habe ich auserkoren, ein großes wichtiges Werk zu vollbringen, denn Du bist ein Mann, der in den Sternen liest und der die verborgenen Kräfte der Erde kennt. Tritt hier in dies Gewölbe, dort findest Du ein todtes Kind, dem grabe ein Grube in der Ecke und übergieb es der Mutter Erde!« Renatus verbeugt sich stumm, als wolle er thun, was verlangt werde, legt seine Zither vor der Thüre nieder und tritt ein. Im Hintergrunde sieht er bei spärlichem Lichte ein todtes Kind an der Erde liegen, nicht fern davon eine weibliche Gestalt, die Hände ringend und »wehe, wehe, er ist todt!« ein Mal über das andere in Thränen ausrufend. »Nun«, spricht der hagere häßliche Mann, »thue wie ich Dir gesagt habe.« Da ergreift der zitternde Schulmeister einen Spaten und beginnt die Grabesöffnung zu machen. Leicht wird ihm das in dem lockern Boden, aber dennoch ist er in Angstschweiß gebadet. Jetzt ist er fertig mit dem kleinen Grabe, da nimmt die immer noch fortwimmernde und jammernde Frau das Kind auf, wickelt es in ein feines Tüchlein und legt es in das Grab, wirft die erste Hand voll Erde auf die kleine Leiche und sinkt ohnmächtig zurück. Renatus bedeckt diese vollends mit Erde und bald ist er mit dem Grabhügel fertig. »Gut so, Renatus«, spricht der Mann, »ich bin zufrieden mit Dir. Hier ist Speise und Trank, erhole Dich. Draußen findest Du ein Roß, das besteige, es wird Dich sicher und ruhig dahin tragen, wohin Du wolltest!«[450]

Renatus steckt in die Tasche, was er erhalten, dankt aber für das Roß, versichert, er verstehe nicht zu reiten, gehe lieber und will zur Thüre hinaus. Da hält ihn der böse Mann am Arme und spricht: »Du sollst und mußt reiten, ich befehle es Dir. Das Roß ist sanft und gut, Du leidest nicht Schaden und wirst es noch oft reiten, denn es soll Dein eigen sein. Das aber sage ich Dir, berühre beim Reiten nicht die Saiten Deiner Zither, sonst bist Du verloren, hörst Du, sonst bist Du verloren, bis Dir ein weißes Roß begegnet.«

Renatus nickt, als wolle er thun wie ihm befohlen, geht hinaus, nimmt die Zither und arbeitet sich mit vieler Mühe auf das ruhig stehende kohlschwarze Roß. Das geht nun sichern Schrittes fort und je länger je mehr kehrt der Muth bei Renatus zurück, glücklich nach Rathsfeld zu gelangen. Immer mehr nimmt seine Angst ab und er wird so sorglos, daß er dem Gaul die Zügel auf den Hals legt und Speise und Trank hervorholt, sich zu stärken. Gar herrlich schmeckt es ihm, denn er ist sehr verhungert gewesen, und in der Flasche, voll des besten Weines, bleibt kein Tropfen. Leer ist sie, hoch wirft er sie in die Luft und singt ein Lied voll Lust und Freude. Jetzt sieht er die Lichter in Rathsfeld und nun ergreift ihn ein Jubel, bald zu sein, wo er hin will. An den langen Mann und seine letzten Worte gedenkt er nicht mehr, greift in die Saiten der Zither und singt sich eins. Ach, wie geht's dem armen Schulmeister da! Das Roß schnaubt und tobt, es bäumt sich, schlägt hinten und vorn aus und endlich rennt es im schnellsten Jagen vorwärts. Renatus sucht es zu halten und zu beruhigen, aber Alles umsonst. Er will sich hinunterwerfen, aber nicht los kommen konnte er, wie angefesselt ist er, und wilder und immer wilder rennt das unbändige Thier fort in's Weite, durch Thäler und über Berge, ohne zu rasten. Renatus ringt die Hände, streckt sie gen Himmel, betet, flucht, jammert und wimmert, aber nichts hilft; das schwarze Thier rennt, er sitzt fest darauf, muß mit fort, und dabei drängt es ihn unaufhörlich, auf der Zither zu spielen, er kann es nicht lassen, so gern er auch will. So läuft das Roß zwei Nächte und einen Tag in einem fort und Renatus hängt zuletzt matt und todtenbleich von ihm herab. Da steht es endlich mit Schaum bedeckt, Renatus schlägt die Augen auf, er sieht sich in einer öden Gegend und sieht, daß einer auf einem weißen Rosse auf ihn zureitet. Ehe sich dieser ihm aber ganz naht, fällt er ohnmächtig vom Gaule auf den Sand nieder. Wie lang er da gelegen, hat er nicht gewußt, als er aber erwachte, lag er in einem schönen, prächtig geputzten Bette und daneben stand ein Mann und ein bildschönes Mädchen, die wie Türken angezogen waren.

»Wo bin ich denn?« fragt der erstaunte Schulmeister. Da erzählt ihm das Mädchen, daß er viele tausend Meilen weit von Hackpfiffel entfernt und in Asien sei, daß er auf der Rothenburg das Werkzeug einer Frevelthat gewesen und dort ein böser Geist sich seiner bedient, um sich an Kaiser Friedrich dem Rothbart zu rächen, und da er, der Warnung ungeachtet, die Zither doch gespielt, der Spruch an ihm in Erfüllung gegangen sei, so lange zu reiten, bis ein weißes Pferd ihm begegne. Des Mädchens Vater, der ein Fürst gewesen ist, fuhr dann fort: er habe des armen Renatus Loos gekannt, seine Tochter aber, die im Zauberspiegel gesehen, wie traurig es ihm ergangen, habe aus Mitleiden gebeten, er solle ihm helfen, worauf er ihm auf[451] seinem weißen Zelter entgegen gekommen sei und so den Fluch gelöst habe, der über ihn ausgesprochen gewesen sei.

Der Schulmeister dankt seinem Wirth schönstens für die große Hilfe, und als er sich nach einigen Tagen erholt und sich wieder auf den Weg nach Hause begeben will, spricht der Fürst zu ihm: »Bleibe noch bei uns!« und Renatus bleibt auch wirklich noch mehrere Monate lang. In der Zeit weiß er gar nicht, wie ihm geschieht; er fühlt sich immer kraftvoller und jünger und wird immer schmucker. Bald sieht er sich wieder völlig als Jüngling in voller Blüthe stehen. Die schöne Prinzessin verliebt sich in den wieder jung gewordenen Renatus, und als ihr Vater stirbt, da zieht sie mit ihm als seine Frau nach Hackpfiffel. Sie nehmen große Reichthümer mit dorthin und leben hier lange glücklich, zufrieden und im Ueberfluß, und als sie endlich beide zusammen in einer Stunde sterben, da legt man sie zusammen in ein Grab. Den Stein aber, unter welchem der Schulmeister und die Türkin ruhen, kann man noch heute in Hackpfiffel sehen.

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S. Gottschalk Bd. II. S. 256 etc. Melissantes, Curiöse Beschreibung von zerstörten Bergschlössern S. 555 sq.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 449-452.
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