826. Die große Grete zu Tecklenburg.

[777] Auf dem Schlosse Tecklenburg in Westphalen stand eine Kanone, die große Grete (dei grote Greite) genannt. Die hatte den Spruch auf ihrem Rohr:


Grote Greite heit ick,

Sewen Meilen schiet ick,

Den ick dräp, den greut ick.


Nun begab es sich aber, daß der Bischof von Münster einmal eine Fehde mit dem Tecklenburger Grafen hatte. Da beschloß denn der oberste Kriegsfeldherr des erstern, ehe er gegen den letztern auszöge, zuvor eine Musterung zu halten und er ließ also ein Lager auf der Heide bei St. Mauritius aufschlagen. Als er nun die Truppen fleißig inspicirt und Alles in gar gutem Stand befunden hatte, da befahl er, weil gerade so schöner Sonnenschein war, eine große Tafel in's Freie zu stellen und lud sämmtliche Offiziere ein, an derselben mit ihm zu speisen, denn er glaubte, vom Feind sei nichts zu besorgen, denn dieser habe acht Stunden bis hierher zu marschiren und wenn es ihm ja einfallen sollte, so seien ja Vorposten und Patrouillen ausgestellt, die würden es schon melden. So setzten sich denn die Herren zu Tische und waren guter Dinge. Allein sie hatten eins vergessen, die große Grete. Diese stand acht Stunden weit von ihnen entfernt auf ihrer Schanze, aber neben ihr ein tüchtiger Constabler und weil derselbe gute Augen hatte, so sah er von der Höhe herab, daß unten im Thale eine große Menge Leute zusammensaßen. Er dachte also, es könne nicht schaden, wenn er ihnen eine tüchtige Kugel zuschickte. Nun stand gerade ein Schweinskopf, eine Citrone im Maule, auf der Tafel, da kam die Kugel[777] aus der Grete und hui war der Schweinskopf vom Tische wie weggeblasen. Da fuhren alle von ihren Plätzen in die Höhe, Entsetzen in den Zügen, der Kriegsoberste aber ging stracks zum Bischof und sagte, Soldaten, die so exerciren könnten, wie die seinigen, solle man nicht einem so gefährlichen Geschütz preisgeben, welches ja weiter schieße, als es sich gehöre. Das leuchtete auch dem geistlichen Herrn ein und er schickte auf der Stelle einen Parlamentair ab, der mit dem Tecklenburger Grafen Frieden schließen mußte. So hatte denn die große Grete945 ohne Blutvergießen gesiegt.

945

Merkwürdig ist in älterer Zeit der Name »Grete« für große Kanone. So wird eine große Grete (griete Grete) mit dem nämlichen Taufspruch in Rietberg erwähnt, eine »faule Grete« gab es in der Mark Brandenburg und im Dresdener Zeughause, die »alte Grete«, früher in Wesel, ist jetzt in Berlin aufgestellt. Bei der Belagerung von Londonderry durch die Jacobiten (1689) gebrauchte man in der Stadt die »brüllende Grete« oder Roaring Meg (Meg ist Abkürzung für Margarethe) und auf den Wällen des Edinburger Schlosses steht noch heute die »Wall-Grete«.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau 1868/71, S. 777-778.
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