8. Die Rose im Bergischen Wappen.

[6] (Romantisch behandelt bei Montanus Bd. II. S. 270 etc.)


Graf Adolf I. von Berg und Altena, der Großvater des oben (S. 1) erwähnten Adolf hatte sich gegen das Jahr 1038 mit des Herzogs von Lothringen Tochter Adele vermählt und mit dieser zwei Söhne gezeugt, Adolf und Bruno. Die zwei Gatten liebten sich innig und treu, da trat der Fall ein, daß nach siebenjährigem Zusammenleben der Kaiser Heinrich III. den Grafen von Berg aufforderte, ihm als Vasall mit seinen Mannen in den Krieg zu folgen. An Weigerung war nicht zu denken und so mußte denn der Graf sich zu der ihm so schwer fallenden Trennung bequemen, bestimmte aber vorher, daß sein Günstling und Dienstmann, Conrad von der Aue, während seiner Abwesenheit seine Stelle als Herr der Grafschaft vertreten und seine Familie beschützen solle. Zwar bat Adele von einer inneren Ahnung getrieben ihren Gatten, lieber einem andern Ritter dieses Amt zu übertragen, namentlich empfahl sie ihm dazu einen jungen Lothringischen[6] Junker, Walther genannt, der ihr an den Hof ihres Gatten aus ihrer Heimath gefolgt war. Sei es, daß gerade diese Empfehlung den Grafen mißtrauisch machte, sei es, daß er dem jungen Manne wirklich nicht die seinem Amte nöthigen Fähigkeiten zutraute, Graf Adolf wies dieses Ansinnen entschieden zurück und die Gatten trennten sich das erste Mal nach ihrer Vermählung in kalter Mißstimmung. Als nun aber kurz nach der Abreise ihres Gatten der junge Walther ebenfalls die Burg verließ, um einen Auftrag desselben zu erfüllen, der eine jahrelange Entfernung erheischte, konnte sie nicht mehr zweifeln, daß ihr Gatte Mißtrauen geschöpft und den Junker absichtlich fortgesendet hatte. So war sie denn mit ihren Söhnen eigentlich schutzlos dem Burgvogt überlassen. Sie lebte fortan freudelose Tage und suchte nur im Gebet und der Erziehung und Pflege ihrer Söhne Zerstreuung. Mittlerweile fing auch Conrad an die Maske abzuwerfen, es blieb nicht mehr bei jenen glühenden Blicken, die er früher schon hin und wieder aus sie geworfen hatte und die ihr schon längst jene unbeschreibliche Abneigung gegen ihn eingeflößt hatten, er ward bald kühner und wagte es endlich sogar ihr in bestimmten Ausdrücken seine Liebe zu gestehen. Zwar wies sie ihn entschieden zurück und drohte ihm auch, wenn er fortfahre ihr durch seine Liebesbetheuerungen lästig zu fallen, ihrem Gemahl bei seiner Rückkehr Alles zu entdecken, allein sie hoffte vergeblich auf letztere, das zweite Jahr brach an und ihr Gemahl schrieb ihr, er müsse auch noch im folgenden Sommer dem Heerbann des Kaisers folgen. Da ward ihr wenigstens der Trost, daß der treue Walther von seiner Reise zurückkehrte und sie ihm wieder die specielle Aufsicht ihrer Söhne anvertrauen konnte. Der böse Burgvogt gab aber darum seine frevelhaften Pläne nicht auf und hoffte dieselben dadurch ins Werk setzen zu können, daß ihm ein nur dem Ehegatten Adelens bekanntes Geheimniß zufällig bekannt geworden war.

Adele trug nämlich von der Stunde ihrer Geburt an an ihrem sonst schneeweißen Halse ein Muttermaal in Form und Farbe einer aufgeblühten rothen Rose. Aus weiblicher Eitelkeit hatte die Gräfin von jeher vermieden, sich von irgend einer Dienerin ankleiden oder ausgekleidet sehen zu lassen, sie trug stets eine dichte Krause von selbstgewobenem Linnen um den Hals, die sie nie ablegte, sodaß nur ihre Eltern und Gemahl um das Geheimniß wußten. Der tückische Burgvogt hatte längst etwas dergleichen vermuthet; da er nun als von Kindheit an im Schlosse Berg aufgewachsen alle geheimen Thüren und Schlupfwinkel darin kannte, war es ihm einst gelungen durch einen nur ihm bekannten Zugang in das Schlafzimmer der Gräfin zu gelangen, während dieselbe gerade im Nebengemache vor ihrem Betaltar lag und für die baldige Rückkehr ihres Gemahls betete. Auf einem Tische hatte Adele ihren Verlobungsring, und weil sie sich allein glaubte, auch die lästige Halsbedeckung abgelegt, jenen ergriff der Versucher und trat dann, den entwendeten Ring vorzeigend und auf das Maal am Halse deutend, vor sie hin und drohte ihr, diese Merkmale als Beweise ihrer Untreue ihrem Gemahle vorzulegen, wofern sie sich nicht gegen ihn freundlicher bezeigen werde. Die Gräfin aber rief unerschrocken mit lauter Stimme dem Frevler zu, sich augenblicklich zu entfernen, wofern er sich nicht der Entlarvung seiner unreinen Absichten aussetzen wolle. Walther jedoch, der mit den jungen Grafen im Schloßgarten gewesen war, hatte das laute Aufschreien seiner[7] Herrin vernommen und eilte mit einer Axt, die ihm zufällig zur Hand gewesen war, bewaffnet herbei, schlug die von Conrad verriegelte Thüre ein und kam so zur rechten Stunde der Gräfin zu Hilfe. Schon wollte er den Verbrecher niederstrecken, da hielt die Gräfin seinen Arm auf und gebot Conrad, nun auf der Stelle das Schloß zu verlassen und sich nie wieder daselbst oder im Lande Berg blicken zu lassen. Derselbe hatte nichts Eiligeres zu thun, als ihrem Befehle zu folgen und war bereits außerhalb des Burgfriedens, als sie sich erinnerte, daß er ihren Ring mit fortgenommen und daß sie in Folge der Drohungen, die er vorher ausgestoßen hatte, von ihm das Schlimmste zu fürchten habe, denn außer Walther hatte sie keinen Zeugen über sein frevelhaftes Beginnen, und sie wußte, daß dieser ihrem Gatten gegenüber nur ein schlechter Vertreter ihrer Unschuld sein werde, daß im Gegentheil die Beweise, die Conrad gegen sie in Händen hatte, wohl geeignet wären, ein dem Argwohn geöffnetes Gemüth zu täuschen. Gleichwohl beschloß sie aber, den treuen Walther mit der Nachricht über das, was vorgefallen war, an ihren Gemahl zu senden und ihn zu bitten, sie nicht länger schutzlos allein zu lassen. Sie hatte dabei aber nicht an den tückischen Burgvogt gedacht, in dessen Plan es unmöglich liegen konnte, daß ihr Gemahl von seinem Frevel Kunde bekäme. Deshalb hatte derselbe auch die Gegend nicht verlassen, sondern sich an der Grenze des Weichbildes derselben versteckt, und natürlich auch Leute zu finden gewußt, die ihn von allem, was dort geschah, in Kenntniß setzten. So erfuhr er denn auch, daß der Junker Walther im Begriff stehe, zu dem Grafen Adolf geschickt zu werden. Er verbarg sich also im Walddickicht an einer Stelle, wo der Junker vorbeikommen mußte, und als derselbe auch sehr bald, nichts Böses ahnend, dahergeritten kam, schoß er ihn mit einem wohlgezielten Armbrustschuß vom Pferde. Dann eilte er mit tückischem Frohlocken dem Kaiserlichen Feldlager zu, wo er seine teufelische Rache nach einem wohlüberlegten Plane zu vollenden hoffte. Er traf daselbst den Grafen nach monatlanger Reise wohlbehalten an und erzählte demselben die angebliche Ursache seiner Ankunft auf folgende Weise.

Er habe einst nach der Abreise des Grafen mit dem Junker Walther beim Becher gesessen, und wie dann die heitere Weinlaune das menschliche Herz zu Mittheilungen, die sonst wohl verschwiegen würden, geneigt zu machen pflege, habe ihm derselbe vertraut, daß ihm die Abwesenheit seines Herrn zur größten Befriedigung gereiche, denn er könne so seinem unkeuschen Verhältniß mit Adelen, welches er schon in Lothringen mit ihr begonnen, ganz ungestört nachleben und es freue ihn, daß der Graf die zwei Söhne, deren eigentlicher Vater doch er sei, für seine eigenen Kinder hielte und er somit einst die Freude haben werde, diese unehelichen Bastarde als regierende Fürsten zu sehen. Als nun er an der Wahrheit des Erzählten gezweifelt, habe Walther um zu beweisen, daß seine Behauptung keine Prahlerei sei, ihm das Geheimniß mit dem Muttermaal offenbart und ihm auch einen von der Gräfin erhaltenen Ring vorgezeigt. Da habe er nicht länger Anstand genommen, die Sache für wahr zu halten, habe aber gemeint im Sinne seines Herrn zu handeln, wenn er den frechen Buhler erschlage. Dies habe er auch sofort gethan, ihm den Ring abgenommen und sich dann auf der Stelle aufgemacht, seinen Herrn im kaiserlichen Lager aufzusuchen, weil[8] er natürlich die Rache der Gräfin für den Mord ihres Liebhabers zu fürchten gehabt habe.

Zwar stiegen während seiner Erzählung in des Grafen Brust einige Zweifel auf, allein die ihm vorgelegten Beweise sprachen so klar für die Wahrheit des Erzählten, daß zusammengehalten mit jenen empfehlenden Worten bei seiner Abreise er vollständig von der Treulosigkeit seiner Gemahlin überzeugt ward und nichts mehr wünschte, als seine Ehre in dem Blute der Ehebrecherin rein zu waschen. Darum litt es ihn auch nicht eine Stunde länger im kaiserlichen Lager, er bestieg sein bestes Roß und ruhte nicht eher, als bis er die Thürme seines Stammschlosses wieder vor sich sah. Nun war es aber die tägliche Gewohnheit seiner edeln Gemahlin, Früh und Abends einen kleinen Rosengarten zu besuchen, den ihr ihr Gemahl angelegt hatte. Denn er hatte schon als ihr Bräutigam von ihrer leidenschaftlichen Vorliebe für diese herrlichen Blumen gehört, die ihr schon in ihrer Heimath den Namen der Rosenprinzessin oder Rosenwärterin verschafft hatte. In diesem Gärtchen befand sich auch eine Nische mit dem Bilde der Mutter Gottes und hier betete sie täglich für ihren abwesenden Gemahl. So hatte sie sich denn auch an diesem Abend, wo ihr Gemahl, freilich ohne ihr Wissen zurückgekehrt war, aufgemacht um einsam an dieser heiligen Stätte seiner zu denken und für ihn und ihre Kinder zu beten, und wie sie so auf den Knieen dalag, da kam es über sie wie ein seliger Traum und sie sah sich wie früher an der Brust ihres Gemahls und fühlte im Geiste seinen Kuß und hatte die Gegenwart völlig vergessen. Aber ihr Adolf war nicht fern mehr, sondern er stand dicht hinter ihr und sein böser Geist spiegelte ihm vor, daß seine Gemahlin in dieser Stunde nicht an ihn denke, sondern zur heiligen Jungfrau um baldige Rückkehr ihres Buhlen bete, und so zückte er in rasender Leidenschaft das Schwert und hieb damit von hinten in den Nacken der Betenden, sodaß er das verborgene Maal mitten durchschnitt und den Kopf vom Rumpfe trennte. Ohne einen Laut von sich zu geben stürzte sie zusammen, der Graf aber vermochte sein Opfer nicht anzusehen, sondern stürzte eiligen Laufs ins Schloß zurück. Dort kamen seine beiden Kleinen ihm froh entgegen, allein rauh stieß er sie von sich und befahl dem Ritter von der Aue, diese Brut der Schande und Sünde im Walde auszusetzen, auf daß Bären und Wölfe sie vertilgten. Mit höhnischer Schadenfreude vollzog derselbe den Befehl seines Herrn und führte die Kinder in das wildeste Walddickicht, wo er sie ihrem Schicksal überließ. Der Gräfin Leiche hoben weinende Burgleute aus den blutbethauten Rosen in einen harten Sarg und trugen sie still zu Grabe, der Graf aber hatte sich in seinem Gemache eingeschlossen und hing seinen düstern Gedanken mit reuerfülltem Herzen nach. So kam der Abend heran und die Nacht, aber der Graf bemerkte in seiner Verzweiflung nichts davon, erst das unheimliche Geschrei der Eulen, welche um die Thurmfenster flatterten und das ängstliche Heulen der Hunde im Schloßhofe erinnerten ihn daran, daß die Mitternachtstunde herangenaht sei. Siehe da sprang gerade als die Glocke zwölf schlug, die Thüre seines Zimmers von selbst auf, herein trat eine weibliche Gestalt ohne Haupt, am Halse leuchtete eine halbdurchschnittene Rose und das blendendweiße linnene Gewand war mit dunkeln Blutflecken bespritzt. Der Graf glaubte zu träumen, allein das Weib ohne Kopf kam immer näher und obgleich es im Zimmer finster gewesen war,[9] so leuchtete doch das durchgeschnittene Rosenmaal so hell, daß er alle Gegenstände unterscheiden konnte. Da wich er entsetzt zurück um dem Gespenst zu entfliehen, allein dieses schien sich nicht um ihn zu kümmern, sondern schwebte leise in das Nebengemach, wo die Bettchen der jungen Gräflein standen und that, als ob es dieselben suche und mit ihnen kosen wolle. Da es aber die Schlafstelle mit den Händen untersuchte und leer fand, schien es zu erschrecken und setzte sich auf eins der Betten und stöhnte und faltete die Hände wie zum Gebet, bis die Morgendämmerung heranbrach. Am andern Morgen aber fanden den Grafen seine Diener wie in Schweiß gebadet bewußtlos am Boden seines Gemachs liegen, aber auch Conrad schlich bleichen Antlitzes einher, als wenn auch ihm etwas Schlimmes begegnet sei. Der Graf erzählte ihm sein nächtliches Gesicht und Conrad gestand, daß ihm der Geist des Lothringischen Junkers erschienen sei, allein was er ihm gesagt, darüber ließ er sich nicht aus. Schließlich rieth er ihm, einen frommen Mönch zu sich rufen zu lassen, ihm das Vorgefallene zu entdecken und in dessen Gesellschaft bei frommem Gebet die nächste Mitternachtstunde abzuwarten, ob vielleicht die Erscheinung wiederkehren werde. So geschah es auch, der Graf, Conrad und der ehrwürdige Schloßgeistliche saßen beisammen, als die Mitternacht nahte, in demselben Gemache und warteten der Dinge, die da kommen sollten. Und kaum hatte die Glocke zwölf geschlagen, siehe da sprang abermals die Thüre auf und hereintrat dieselbe weibliche Gestalt und obwohl ihr der Pater mit frommen Beschwörungen in den Weg trat, so verscheuchte er sie doch nicht, sondern sie trat wiederum in das Nebengemach und stöhnte und weinte wie den Tag vorher. Der Pater aber sprach: »das ist kein böser Geist, sie sucht ihre Kindlein auf und betet – das ist nicht die Art der Verdammten.« Da wollte Conrad angsterfüllt aus dem Zimmer eilen, sieh' da trat ihm eine zweite weiße Schattengestalt in den Weg und alle erkannten trotz des bleichen blutigen Antlitzes den treuen Walther. Dieser aber trat vor den entsetzten Bösewicht hin und forderte ihn mit lauter Stimme auf, sein Verbrechen und die Unschuld der Gräfin zu bekennen und den Grafen zu veranlassen, seine vertriebenen rechtmäßigen Söhne aufzusuchen, auf daß sein Haus nicht untergehe. Da sank Conrad zerknirscht zu Boden, das Gespenst verschwand und der Graf rief seine Knappen und befahl ihnen, den Burgvogt, obwohl er noch nichts gestanden hatte, ins tiefste Burgverließ zu schleppen, er selbst aber gab sich der vollen Verzweiflung über das, was er gethan hatte, hin. Als aber der Tag heranbrach, da eilte er hinab in den Rosengarten, ob er da vielleicht Trost fände. Als er aber alle Rosen wie von giftigem Thau getroffen mit gesenkten Kelchen und purpurrothen Tropfen auf den schneebleich gewordenen Blumen sah, da eilte er wie von Furien gejagt ins Schloß zurück. Um sich Ruhe zu erjagen, beschloß er auszureiten, allein als er zu seinen Rüstungen trat und sein Auge auf den Heerschild fiel, da sah er das Wappen seines Hauses, drei silberne Scepter, von einem großen Blutflecken bedeckt, er mühte sich vergeblich denselben wegzuwischen, es gelang weder ihm noch seinem herbeigerufenen Knappen, den Blutflecken von den Sceptern wegzubringen. Um das Maaß seiner Verzweiflung voll zu machen, ließ sich ein fremder Mönch bei ihm melden, der ihm eine wichtige Nachricht zu bringen habe. Derselbe erzählte, er habe vor einigen Wochen einen lothringischen Junker[10] Namens Walther zum Tode verwundet auf der Heerstraße liegend gefunden. Dieser habe ihm gebeichtet und eine schreckliche Geschichte von dem Frevel seines Burgvogtes erzählt und ihn um seiner Seele Heil willen gebeten, sich aufzumachen und die letzten Worte eines Sterbenden dem Grafen, der im kaiserlichen Feldlager weile, zu hinterbringen. Dies habe er auch gethan, ihn aber dort nicht mehr angetroffen, sei ihm also hierher nachgeeilt, allein leider zu spät gekommen, um das Unglück zu verhindern, könne also jetzt weiter nichts thun, als den Grafen von der Unschuld seiner gemordeten Gattin überzeugen. Wie vom Blitz getroffen sank der Graf auf seine Kniee nieder, bald aber raffte er sich auf und befahl, Conrad zwischen räudige Hunde gebunden und mit Steinen beschwert in einen Sumpf zu versenken, er selbst aber eilte von des Wahnsinns Nacht umschattet aus dem Schlosse und ließ in den Wäldern laut die Namen seiner Gattin und seiner Söhne erschallen, als ob er sie zu sich rufen wolle. So tobte er unaufhaltsam fort, bis er endlich von Dornen zerfetzt, blutend und todtmatt spät am Abend auf den Rasen sank, um in wilden Träumen alle Schrecknisse wieder zu schauen, die ihn am Tage umgraust hatten. So sah er sich denn zuerst umgeben von blutigen Leichen ohne Haupt und von allen Schrecknissen der Hölle, dann aber trat auf einmal ein freundlicher Engel in lichter Frauengestalt an ihn heran, trocknete ihm den Schweiß von der heißen Stirn und rief mit der Stimme seiner gemordeten Gemahlin ihn bei seinem Namen. Und siehe die Gestalt hatte auf einmal nicht mehr das Ansehen jenes blutigen Gespenstes, sondern es war seine Adele ganz so, wie er sie als seine Braut heimgeführt hatte, nur die Rose an ihrem Halse war verschwunden. Sie aber beugte sich über ihn, küßte ihn und sprach: »Adolf ich habe Dir vergeben und auch der Himmel wird Dir Deine Verblendung verzeihen, nimm diese zwei Rosenknospen, die eine ersprieße zu Deinem Ebenbilde, diese andere aber sei dem Himmel einzig geweiht!« Bei diesen Worten erwachte er, noch sah er die Gestalt seiner Gemahlin in nebligem Duft zerfließen, aber in seiner Hand hielt er zwei Rosenknospen und neben ihn schlummerten sorglos seine zwei Söhnlein. Er aber konnte wieder weinen und beten und an die Stelle wilder Verzweiflung war tiefe Reue und Wehmuth in sein Herz eingezogen. Als er aber vom Gebet sich erhob, erwachten auch seine Knäblein und erzählten ihm, ihr Mütterlein sei stets bei ihnen gewesen und habe die wilden Thiere von ihnen fortgescheucht und ihnen Waldbeeren und süße Früchte gebracht, jetzt aber sei sie auf einmal fortgegangen und habe ihnen gesagt, daß sie nimmer wiederkomme, sondern die Söhnlein müßten zu ihr kommen in ihr Rosengärtlein, aber erst nach langer, langer Zeit. Da weinten sie bitterlich, ihr Vater aber hob sie auf seinen Arm und tröstete sie und sprach: »Lobet Gott den Herrn, denn er ist Euer bester Vater, der Euch erhalten und genährt hat, nachdem Euch Euer irdischer Vater verstoßen hatte. Aber jetzt bin ich wieder Euer Vater und will Euch hegen und pflegen bis an mein Ende. Dich Adolf, meinen Erstgebornen, will ich zu einem wackern Ritter bilden und Dir mein Land und meine Unterthanen übergeben, denen sollst Du ein starker Schild sein. Dich aber, Bruno, will ich dem Himmel weihen, Du sollst des Heilands Lehre verkünden und die reuigen Sünder wiederum auf die rechte Bahn führen. So hat es mir Euere Mutter, die jetzt im himmlischen Rosengärtlein weilt, befohlen.« Nun kehrte er mit seinen ihm[11] wiedergeschenkten Söhnen in sein Schloß zurück, ließ die Leiche seiner unglücklichen Gemahlin wieder ausgraben, sie mit aller Feierlichkeit in der Schloßkapelle beisetzen und ihre Unschuld wie seine Reue durch alle seine Lande verkünden. Dann aber that er schwere Bußen und Gelöbnisse, machte fromme Stiftungen und baute in dem Walde, wo er seine Söhnlein wiedergefunden hatte, eine kleine, der Mutter Gottes geweihte Kapelle, wo er täglich Seelenmessen zum Gedächtniß Adelens und des treuen Walther lesen ließ. Dies war die nämliche Marienkapelle an der Dhün, an die das spätere Kloster im Thale (1145) erbaut ward, die man aber später, da sie zerfallen war, im Jahre 1240 wieder neu errichtete.

Der Blutfleck auf den Wappenschildern der Bergischen Grafen war zwar mit der Erscheinung der versöhnten Adele verschwunden, allein auch die silbernen Scepter kamen nicht wieder zum Vorschein, sondern auf reinem Silbergrunde hatte sich eine rothe Rose gebildet, die fortan das Wappen von Berg blieb und auch von Altena und Isenburg, bis zwei Jahrhundert später durch eine Blutschuld dem Grafenhause (1225) diese Wunderrose mit einem Löwen vertauscht ward. Dem Beispiele Adolfs aber, der den jüngern Sohn dem Himmel weihte, folgten auch seine Nachkommen, weil die Sage ging, das glorreiche Grafenhaus werde nimmer erlöschen, so lange ein Zweig desselben als geweihter Priester Gottes für dessen Heil am Altar bete. So ward dies auch treulich gehalten, bis der letzte Geistliche aus diesem Stamme, Engelbert Erzbischof von Cöln im Jahre 1225 durch seinen Vetter Friedrich von Isenburg erschlagen ward, worauf der gräfliche Stamm und die Rose erloschen und das Land an den Limburg'schen Nebenzweig kam. Auch dieser blühte lange fort, von Conrad dem Bischof von Münster († 1300) an bis auf Johann Wilhelm, den Probst in Xanten, der aber den geistlichen Stand verließ und sich, nachdem er sich vermählt, zum Herzog machte. Mit ihm erlosch im Jahre 1609 die letzte Bergische Fürstenlinie.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 6-12.
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