995. Der Schatz auf der Burg zu Holte.

[833] (S. Schäfer in d. Mittheil. d. Osnabrück. Vereins 1853 Bd. III. S. 218 etc.)


Im Jahre 1144 verband sich der Bischof Philipp von Osnabrück mit dem Grafen Otto von Ravensberg gegen den Grafen von Holte, weil dieser mehrere Einfälle in das Osnabrückische Stift gemacht hatte. Die Burg stand aber auf hoher Bergesspitze, umzogen von dreifachen Gräben, an welche sich senkrechte Felswände und künstliche Mauern anlehnten. Von da aus brachen die Edlen von Holte herab ins Thal und überfielen die Waarentransporte, welche durch jene Gegend zogen und dies war auch die Ursache der Fehde. Nach siebenjähriger Belagerung wollte jedoch der Bischof wieder unverrichteter Sache abziehen, als eine alte Frau im Lager erschien um dem Führer eine wichtige Mittheilung zu machen. Sie hatte lange Zeit hindurch den Belagerten durch einen sonst unbekannten unterirdischen Gang Butter, Fleisch und andere Lebensmittel zugeführt. Das letzte Mal hatte man jedoch ihre übermäßigen Preisforderungen nicht befriedigen wollen und aus Rache verrieth sie deshalb den unterirdischen Gang für reichlichen Lohn an die Bischöflichen.

Eine dunkle Nacht hüllte die Gegend in dichte Finsterniß, die Belagerten dachten an keinen Ueberfall und so machte sich denn ein Hause der muthigsten Soldaten in die Nacht hinaus und bald fanden sie, die alte Frau an ihrer Spitze, den bezeichneten Gang. Vorsichtig und ohne Geräusch drangen sie in denselben ein und höher und höher steigend kamen sie ohne Hinderniß an die geschlossene Eingangsthür, welche auf den innern Burgplatz führte. Lange widerstand dieselbe den Schlägen und Stößen der Eindringlinge und während dieser Zeit konnten die dadurch aufgeschreckten Edeln, die jetzt ihre Zufuhr abgeschnitten und ihre einzige Hoffnung schwinden sahen, ihre Flucht[833] bewerkstelligen. Bald donnerte auf dem einzigen Zugange zu ihrer Burg die Zugbrücke über den Graben hernieder; wie ein Sturmwind brausten die Ritter auf ihren flüchtigen Rossen hinaus und entkamen unter dem Schutze der Finsterniß ihren Verfolgern.

Ihre Person hatten sie zwar gerettet, nicht aber die aufgehäuften Schätze. Daß dieses nicht möglich sei, hatten sie bald eingesehn, aber sie sollten auch nicht den Feinden in die Hände fallen. Daher wurden die Kostbarkeiten rasch in verschiedene Kisten gelegt und in den mehrere hundert Fuß tiefen Schloßbrunnen versenkt. Das köstlichste Kleinod auf der Burg aber war ein Tisch, dessen Platte aus einem einzigen Demant bestand. Auch dieser wurde in einen Kasten gelegt und im höchsten Grimm über dessen Verlust warf ihn der Burgherr mit eigener Hand »in des Teufels Namen« den andern Schätzen nach in die Tiefe des Brunnens.

Jahre schwanden dahin und fleißig hütete der Böse seines Schatzes. Die Sage von den versenkten Kostbarkeiten hatte sich von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt und manche vergebliche Versuche, sie zu heben, waren gemacht worden. Endlich entdeckte eine weise Frau in jener Gegend die Zauberformel, wodurch der Böse gebannt und die Schätze gehoben werden könnten. Nach mancherlei Vorbereitungen wurden an langen Seilen große eiserne Haken in den Brunnen gelassen, welche sich bald in einen Kasten fest einklammerten. Jetzt wird den Arbeitern das tiefste Stillschweigen auferlegt, weil bei dem ersten ausgesprochenen Worte die Hebung mißlingen würde. Langsam und vorsichtig werden die Seile angezogen, höher und höher hebt sich der Schatz, ängstlich harrend steht jeder da mit offenem Munde. Schon berührt der Kasten die Brustwehr des Brunnens, schon strecken sich kräftige Hände aus um ihn zu fassen, da springt plötzlich der Deckel des Kastens auf, ein strahlender Glanz blendet wie der Sonnenblick in der Mittagsstunde die Augen der Umstehenden und »Jesus Maria« ruft außer sich vor Erstaunen einer der Arbeiter. Aber in demselben Augenblicke rollt auch das Kleinod mit Donnergepolter hinab in die finstere Tiefe, erschlagen liegt am Boden die weise Frau und mit ihr ist das Geheimniß des Bannes für immer verloren. Seitdem ist der Brunnen unberührt geblieben; er ist mit Bohlen zugedeckt, darüber Erde. Wenn man mit dem Fuße darauf stößt, so giebt es einen dumpfen Ton. Von der Burg steht nichts mehr als das Grundgemäuer; der Graben ist ziemlich tief, es scheinen deren jedoch früher zwei, wenn nicht drei gewesen zu sein. Sie liegt ungefähr eine Viertelstunde von Bissendorf und gehört jetzt an das Schloß Gesmold, der Burgplatz ist jedoch mit hohen Bäumen bewachsen.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 833-834.
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