796. Brömser von Rüdesheim und Noth Gottes.

[707] (S. Schreiber a.a.O. S. 17 etc. Bechstein S. 66. Gottschalck, Ritterburgen Bd. III. S. 233 etc.)


Zu Rüdesheim am Rhein hatte das uralte Geschlecht der Brömser von Rüdesheim seine noch ältere Burg117, deren erste Erbauung noch in die Römerzeit fällt, und weiter stromabwärts an der Waldberger Höhe ist ein Kloster gelegen, welches den wunderlichen Namen Noth Gottes führt. Von dem Ursprunge desselben aber geht folgende Sage.

Als der h. Bernhard von Clairvaux zu Speier das Kreuz predigte, ließ sich nebst vielen andern Edlen des Rheingaues auch Hans Brömser118 von Rüdesheim mit demselben bezeichnen und zog mit nach Palästina. Dort verrichtete er viele tapfere Thaten und erwarb sich großen Kriegsruhm nicht blos bei den Kreuzrittern, sondern auch unter den Sarazenen. Nun hauste damals in einem wilden, felsigen Thale in der Nähe des Lagerplatzes des christlichen Heeres ein ungeheurer Drache, der diesem sehr lästig ward, weil er die Kriegsknechte, welche in jenem Thale Holz und Wasser holen mußten, überfiel und zerriß, so daß sich zuletzt Niemand mehr in die Nähe dieses Ungeheuers wagte und dadurch im Lager Wassermangel entstand, weil jenes Thal der einzige Ort war, wo dergleichen zu bekommen war. Da beschloß Brömser der Sache ein Ende zu machen, nahm seinen Schild und Schwert und begab sich nach der Höhle, wo der Drache hauste, und als derselbe herausgekrochen war, griff er ihn muthig an und tödtete ihn. Allein er konnte sich seines Sieges nicht freuen, denn als er eben dabei war, dem Drachen die Haut abzustreifen um sie als Siegeszeichen mit ins Lager zu nehmen, da fielen Ungläubige, welche dort im Hinterhalt gelegen hatten, über ihn her, banden ihn und schleppten ihn als Gefangenen ins Türkenlager. Hier schmachtete er lange in strenger Haft und hatte keine Aussicht auf Befreiung, denn seine Kampfgenossen hatten keine Ahnung, wo er sich befinde, und die Sarazenen hüteten sich wohl, einen so tapfern Gegner auszuwechseln, da that er ein Gelübde, so die h. Jungfrau ihm aus seiner Noth helfen werde, also daß er den schönen Rhein wiedersähe, da wolle er seine einzige Tochter Gisela dem Himmel weihen. Siehe aber, Gott erhörte ihn, eines Tages überfielen die Christenstreiter das feste Sarazenenschloß, wo er gefangen saß, und er ward frei. Schnell legte er die Waffen ab und zog das Pilgerkleid[707] an, bestieg ein Schiff und eilte nach Hause. Er kam auch, ohne Fährlichkeiten bestanden zu haben, glücklich wieder auf seiner Burg an und fand Alles noch so, wie er es verlassen hatte, nur seine Gisela hatte sich verändert. Aus dem zarten Mädchen, welches er verlassen, war eine herrliche, kräftige Jungfrau geworden, das Ziel der Wünsche aller jungen Ritter im ganzen Umkreis von Rüdesheim. Aber nur einer war so glücklich gewesen, ihr Herz zu erobern, sie hatte sich, nicht an der Einwilligung ihres Vaters zweifelnd, mit ihm verlobt. Da kehrte letzterer zurück und verkündigte ihr sofort, was er gelobt hatte. Zwar sank ihm das arme Mädchen zu Füßen, bat und flehte, er möge sie doch nicht von dem Herzen ihres Geliebten reißen und so jung hinter kalten Steinmauern ihr Leben vertrauern lassen, vergebens rief sie ihm jene Zeit zurück, wo sie als Kind in seinen Armen geruht und er sie sein Theuerstes auf der Welt genannt hatte, nichts rührte sein hartes Herz, er drohte ihr zu fluchen, wenn sie nicht gehorche, und malte ihr die Qualen der Hölle vor, welche sie als eine verlobte Braut des Herrn treffen würden, wenn sie seinen Willen nicht thun werde. Da ward das Mädchen von augenblicklichem Wahnsinn ergriffen, noch einmal suchte sie ihrem Vater in wilder Verzweiflung das Herz zu rühren und als er jetzt zornig ihr und der Asche ihrer Mutter fluchte, da riß sie die Thüre auf, die aus dem Gemache auf den über den Rhein hinaus gebauten Söller führte, stürzte hinaus und sprang über das Geländer hinab in den Strom. Bei Hatto's Thurm fand man am andern Morgen ihre Leiche. Dort aber am alten Burggemäuer von Rüdesheim sieht der vorüberfahrende Schiffer noch oft ihren Schatten vorüberschweben und hört ihre Klagen und Jammergeschrei mitten im Sausen der Windsbraut.

Der alte Brömser härmte sich nun schwer über den schrecklichen Tod seiner Tochter und beschloß, um seine Seele von dieser Gewissenslast zu befreien, eine Kirche zu bauen. Indeß verschob er die Ausführung seines Gelübdes von einem Tage zum andern. Da weckte ihn einst um Mitternacht eine furchtbare Erscheinung. Vor ihm stand der Drache, welchen er einst in Palästina getödtet hatte und drohte ihn zu verschlingen. Aber plötzlich schwebte eine blasse jugendliche Gestalt herab, die er für seine Gisela erkannte. Bei ihrem Anblick entfernte sich das Ungethüm, die Gestalt aber sah ihn wehmüthig an und verschwand. In diesem Augenblicke fielen aber auch die Sclavenketten, die er in Palästina getragen und mit nach Europa gebracht hatte, von der Wand herab, und über dieses Geräusch erwachte er. In der Frühe desselben Tages kam nun aber einer seiner Knechte mit einer merkwürdigen Nachricht vom Felde nach Hause. Ein Ochse hatte beim Pflügen auf einmal nicht mehr fort gewollt, nachdem eine Stimme aus der Erde kläglich mit den Worten: »Noth Gottes, Noth Gottes!« um Hilfe gerufen hatte. Brömser eilte selbst an den betreffenden Ort, hörte die klagenden Worte selbst und sah die Widerspenstigkeit und das Scharren des Stieres. Er horchte, wo die Stimme herkam und siehe, die Stimme kam aus einem hohlen Baume, er ließ ihn umhauen, und man fand darin eine Hostie, ein hölzernes Ecce Homo Bild aber an der Stelle, wo der Stier gescharrt hatte. Kaum war Beides ans Tageslicht gekommen, so hörte der Stier auf zu scharren und die Stimme zu rufen. Ein Jude hatte Beides aus einer Kirche geraubt, aber aus Furcht vor Entdeckung hier versteckt. Jetzt begriff Brömser wohl, daß die Erscheinung im Traume und das aufgefundene Marienbild Mahnungen[708] von oben seien, sein Gelübde zu erfüllen. Auf derselben Stelle, wo das Bild gefunden worden war, ließ er eine Kirche, deren Altar an den Platz, wo der Baum gestanden hatte, hinkam, erbauen und ein Kloster und nannte es »Noth Gottes«. Dort wurden auch noch seine Sclavenketten und die Zunge des von ihm getödteten Drachen gezeigt und jenes Ecce Homo Bild machte es zu einem besuchten Wallfahrtsort.

In der Burg, welche jetzt dem Grafen von Ingelheim gehört, sieht man übrigens weniger Erinnerungsgegenstände an das alte berühmte Geschlecht der Brömser, als in dem Brömserhof. Hier steht z.B. im Vorsaale ein alter Familientisch der Familie von Cronberg vom Jahre 1549, dann das Ehebett eines Brömser, in der Kapelle aber viele alte Bilder dieses Geschlechtes, wo stets Mann und Frau neben einander gemalt sind, dann sind hier die vorhin erwähnte Kette, welche zuerst in der Noth-Gottes-Kirche hing, und die überaus großen Hörner des Stieres, welcher das Marienbild aus der Erde grub, aufgehängt.

Hinsichtlich jener Noth-Gottes-Kirche ist zu bemerken, daß besagter (s. S. 707. Anm. **) geschichtlicher Brömser 1390 dieselbe an der Stelle einer bereits vorhandenen kleinen Kapelle, welche die von allen Seiten herbeiströmenden Andächtigen nicht mehr zu fassen vermochte, erbaute. Außerdem erbaute er auch noch die schöne Pfarrkirche zu Rüdesheim, auf deren Thurme noch bis auf den heutigen Tag sich zum Andenken an seine türkische Gefangenschaft ein halber Mond als Wetterfahne dreht. Desgleichen begann er auch den erst im Jahre 1435 von seinem Sohne Johann beendigten Bau der Kirche zu Bornhofen am Rhein, welches am Fuße des Berges liegt, der die Schloßruine von Sternfels trägt. Noth Gottes ist in ein Landgut verwandelt worden, von Bornhofen aber ist dermalen weiter nichts als die Kirche übrig, und das Geschlecht der Brömser von Rüdesheim starb 1668 mit dem letzten Gliede desselben, Heinrich Freiherrn Brömser von Rüdesheim aus.

117

Es sind eigentlich vier Burgen zu Rüdesheim, die älteste ist die Brömser- oder Niederburg, unmittelbar am Rhein, zu der früher wohl die Oberburg gehört hat, dann die Mittelburg, von der nur noch ein kleiner Thurm auf dem Markte übrig ist, und der erst im 15. Jhdt. erbaute Brömserhof am Ende von Rüdesheim.

118

Dies ist falsch, es war erst viel später der kurmainzische Oberhofmeister Johann Brömser von Rüdesheim († 1417), der eine Pilgerfahrt nach Palästina gemacht hatte.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 707-709.
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