165. Die Todte fordert Gericht.

[180] (Poetisch behandelt von Nodnagel in der Abendzeitung 1833 Nr. 132.)


Nach der Schlacht auf dem weißen Berge floh bekanntlich die Gemahlin des Winterkönigs, die schöne Tochter Jacobs I. von England, so schnell sie konnte aus dem Böhmerland. Sie reiste über Breslau, und da die Stadt von Flüchtigen überfüllt war, so konnte es nicht fehlen, daß die Freundin und Hofmeisterin der Königin, eine Frau von Reitzenstein, in dem Wirthshause, wo die Königin abgetreten war, kein Quartier mehr fand. Der Wirth erklärte jedoch, wenn sie sich nicht fürchte, könne sie in dem Nachbarhause bleiben, dasselbe stehe ganz leer, denn den Besitzer, einen Fleischer, habe aus demselben ein nächtlich erscheinender Poltergeist vertrieben. Die Dame, ein sogenannter starker Geist, lachte über diese Geschichte, begab sich in das Spukhaus, ließ sich die ihr von dem Wirthe gespendeten Speisen und Getränke wohl schmecken und legte sich getrost zum Schlafen nieder. Als aber die Mitternachtsstunde schlug, da rasselte es auf den Treppen, man hörte Jemanden von unten heraufkommen, die Thüre sprang auf und herein trat ein bleiches Weib mit verbundenem Haupte. Die Dame fragte sie mit zitternder Stimme: »Wer bist Du und was willst Du von mir in so später Stunde?« Da versetzte jene mit hohler Stimme: »Ich war die Frau des Besitzers dieses Hauses; kaum sechszehn Jahre alt verheiratheten mich meine Eltern mit ihm, ich brachte ihm Jugend, Schönheit, Reichthum, Tugend und Liebe zu, allein er hatte nur mein Geld haben wollen, denn er hatte eine andere Buhlin in sein Herz geschlossen. Darum überfiel er mich einst[180] des Nachts im Schlafe und spaltete mein Haupt mit seiner Axt. Der Welt hat er vorgelogen, ich sei eine Nachtwandlerin gewesen und des Nachts im Schlafen aus dem Fenster gesprungen, wobei ich mir den Kopf zerschellt habe. Ich habe aber in meinem Grabe keine Ruhe, bis mein Mörder durch das Schwert des Henkers den verdienten Lohn empfangen hat. Darum bin ich jede Nacht, so lange er hier im Hause wohnte, vor sein Bett getreten und habe ihn zur Rechenschaft gezogen. Er aber ist ausgezogen und morgen wird er sich mit seiner Buhlin vermählen. Ich bitte Euch nun, edle Dame, rächt mich. Seht hier, wie die Wunde an meinem Haupte blutlos klafft, gebt mir den Goldreif von Eurem Finger, den lege ich in die Wunde und morgen zeigt die Frevelthat, die ich Euch enthüllt habe, an, laßt zum Beweise, daß ich wahr gesprochen, mein Grab öffnen und Ihr werdet Euren Ring an der Stelle, wo ich ihn eingesteckt habe, in meinem Leichnam wiederfinden.« Damit verschwand das Gespenst; die Frau von Reitzenstein aber ließ sich am nächsten Morgen vor dem Stadtrath melden, erzählte, was ihr begegnet und verlangte, daß dem Willen der Erscheinung nachgekommen werde. Zwar wollte man erst nichts davon wissen, weil der Fleischer ein allgemein geachteter Mann sei, von dem man nichts Unrechtes wisse; allein endlich gab man dem Drängen der Edelfrau nach, ließ das Grab und den Sarg öffnen und siehe, in der offenen Wunde des Leichenhauptes steckte der Ring mit dem Familienwappen der Frau von Reitzenstein. Da war nun kein Zweifel mehr, man eilte nach der Behausung des Fleischers und kam gerade noch zurecht, ehe der Brautzug nach dem Dome zog. Der Fleischer ward ergriffen, in den Kerker geworfen und da er aus Gewissensangst seine Unthat nicht zu leugnen vermochte, ward er schnell verurtheilt und büßte sein Verbrechen auf dem Rade.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 180-181.
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