d) Der goldene Schleier.

[245] Zu derselben Zeit, wo sich der Brautritt auf dem Kynast ereignete, also gegen das Jahr 1270, lebte auf dieser Burg wenig beachtet eine Verwandte der schönen Kunigunde, Namens Irmgard, welche der Vater derselben als Waise in sein Haus genommen hatte. Ihre Thätigkeit war lediglich der Hauswirthschaft gewidmet, und da sie nicht besonders schön war, ward ihre Abwesenheit von den lediglich der Besitzerin der Burg wegen dorthin kommenden Rittern nicht bemerkt. Da begab es sich, daß einst einige verwandte Frauen zum Besuche auf die Burg kamen und da dieselben natürlich nicht an den Jagdparthieen Kunigundens Theil nehmen konnten oder wollten, letztere aber keine Lust hatte, ihrer wegen zu Hause still zu sitzen, so erhielt Irmgard den Auftrag, sie zu unterhalten. Um ihnen die[245] Zeit zu vertreiben, schlug sie ihnen vor, eine kleine Reise in das Riesengebirge zu machen. Einige der jungen Ritter, die gerade auf der Burg verweilten, erboten sich sie zu begleiten und so zogen sie denn hinreichend mit Mundvorräthen versehen hinaus in die im frischen Frühlingsgrün prangenden Auen. Nachdem sie einige Stunden marschirt waren, kamen sie auf eine lachende Waldwiese am Hochwald und beschlossen hier ihr Frühstück einzunehmen. Um dasselbe zu würzen brachte Irmgard die Rede auf Rübezahl, den hier heimischen Berggeist, und erzählte einige seiner Possen. Der fremde Besuch hörte zwar aufmerksam zu, allein man sah wohl, daß kein rechter Glaube an diesen mächtigen Dämon vorhanden war. Da vernahm man plötzlich im nahen Unterholz ein lautes Krachen und Prasseln und plötzlich stürzte ein ungeheurer Eber, einen Pfeil in der Seite, heraus auf die Waldblöße, schnell nach ihm kam aber ein prächtig gerüsteter Ritter herbeigeeilt, der ihm fast mitten unter der aufgeschreckten Gesellschaft sein Schwert in den Hals stieß und so der jenen scheinbar drohenden Gefahr ein schnelles Ende machte. Der Fremde ward eingeladen unter der lustigen Reisegesellschaft Platz zu nehmen und sich von seiner Anstrengung zu erholen, da sahen auf einmal die Begleiter der Damen, daß ihre Waffen, die sie der Bequemlichkeit wegen, als sie sich gelagert, abgelegt hatten, nicht mehr an ihrem Orte waren, sondern hoch oben auf dem Gipfel eines Baumes hingen, und Irmgard rief aus: »Das hat Rübezahl gethan!« Nun war freilich ihren Begleitern der Glaube in die Hand gekommen, und der fremde Ritter, der sich für einen Lehnsmann des Markgrafen von Brandenburg ausgab, der hier in der Nachbarschaft Verwandte aufgesucht und die Gelegenheit benutzt habe, das Riesengebirge zu durchstreifen und so auf der Jagd in diese Gegend gekommen sei, ließ sich ebenfalls von diesem Beherrscher des Riesengebirges erzählen. Auf einmal hörte man aus dem Walde her Klagelaute; Irmgard und der fremde Ritter eilten dem Schalle nach und fanden einen mit blutenden Wunden bedeckten Jäger, der ihnen sagte, daß er von einem angeschossenen wilden Schweine gehauen und zu Boden gestreckt worden sei. Augenblicklich zerriß Irmgard ihren Schleier und verband mit dessen Fetzen den Verwundeten, während ihre Begleiter, die mittlerweile auch herzugekommen waren, denselben unterstützten. Plötzlich aber riß sich der angeblich Verwundete von ihnen los, sprang lustig herum und umarmte die tödtlich erschrockene Irmgard, lud das erlegte Schwein auf seinen Rücken und sprach: »Euer Schleier besitzt, wie Ihr seht, Wunderkraft, er hat mich wieder gesund gemacht; es ist billig, daß ich ihn durch einen andern eben so kräftigen ersetze!« Damit riß er aus des Ebers Rücken eine Anzahl Borsten, schleuderte sie über Irmgard's Kopf in die Luft, wo sie sich zu einem goldenen Schleier verwebt auf die Jungfrau wieder herabsenkten, und verschwand dann unter einem furchtbaren Donnerschlage.

Jetzt wußten Alle, wer unter ihnen gewesen sei, sie fühlten sich jedoch etwas unheimlich und so brachen sie denn zusammen nach dem nächsten Dorfe auf, um dort zu übernachten. Der fremde Ritter ward von Irmgard zwar eingeladen, auf den Kynast zu kommen und sein Glück bei ihrer Base zu versuchen, allein er wies die Einladung mit kurzen Worten zurück und trennte sich am nächsten Morgen von ihnen. Er verweilte auch nicht mehr lange bei seinen Verwandten, sondern brach mit seinem Knappen bald[246] auf, um seine Reise weiter fortzusetzen. Allein da er keinen Führer mitgenommen hatte, so verirrten sie sich sehr bald in den dichten Schluchten des Gebirges; sie irrten rathlos hin und her und als nun, wie es dort sehr oft der Fall ist, plötzlich dicker Nebel die ganze Gegend einhüllte, wollte plötzlich das Roß des Ritters nicht weiter; er spornte es zwar, allein es bäumte sich widerspenstig, und da er es dennoch zum Weitergehen zwang, machte es einen Seitensprung und stürzte mit ihm in die Tiefe. Als er aus seiner tiefen Betäubung erwachte, fand er sich auf einem weichen Mooslager in der niedrigen Hütte eines Einsiedlers und erfuhr von demselben auf sein Befragen, wie er hierher gekommen sei, daß ihn am Abend zuvor ein rüstiger Jäger auf seiner Schulter hierher gebracht, erzählt, daß er ihn an der Seite seines todten Pferdes in einer Schlucht gefunden, und dann seiner Pflege dringend empfohlen habe. Unterdessen hatte sich auch sein Knappe hierhergefunden und ward von ihm, der noch nicht gehen konnte, beauftragt, nach Hirschberg zu gehen und ein anderes Pferd zu kaufen. Er selbst mußte sich freilich noch längere Zeit gefallen lassen, in der Einsiedelei zu bleiben, da seine Glieder von dem schweren Falle noch nicht vollständig wieder zu brauchen waren. Indeß vermochte er doch von Tage zu Tage weiter in der Umgegend herumzustreifen und so hörte er denn eines Tages, als er hoch oben auf einer Felsenkoppe saß und sich ausruhte, aus dem Thale unten wunderschönes Harfenspiel erklingen. Neugierig, wer die Künstlerin wohl sei, kletterte er hinab; als er aber unten ankam, hatte sich dieselbe bereits entfernt; es war Irmgard gewesen. Nach völlig wieder erlangter Gesundheit begab er sich vorerst nach Hirschberg, um dort noch Einiges hinsichtlich seines neu erkauften Rosses zu besorgen, und ging, weil gerade Messe war, um Gott für seine unverhoffte Rettung aus schwerer Todesgefahr zu danken, in die dortige St. Pancratiuskirche. Dort aber sah er zum ersten Male die schöne, prächtig gekleidete Kunigunde vom Kynast, gegen welche freilich die mit anwesende Base derselben sehr weit zurückstand. Das schöne Mädchen machte einen tiefen Eindruck auf ihn, allein gleichwohl konnte er sich doch nicht entschließen, den gefährlichen Ritt für den Besitz der herzlosen Person zu wagen. Er ritt also an ihrem Schlosse vorbei graden Weges durch Böhmen nach Wien, wohin ihn sein Reiseziel rief.

Mittlerweile trug es sich aber zu, daß die arme Irmgard zu Anfange des Frühlings des nächsten Jahres, als sie ihrer Gewohnheit nach in den den Kynast umgebenden Thälern herumstreifte, um die schöne Natur zu genießen, von den Leuten der damaligen Besitzerin des Hausberges, welche in Fehde mit ihrer Base lebte, gefangen genommen ward, da man sie für die schöne Kunigunde gehalten hatte. Zwar ergab sich das stattgefundene Mißverständniß sofort, als die Jungfrau auf dem Hausberge angelangt war; allein diese Entdeckung nützte ihr nichts, denn man behielt sie dennoch als Gefangene, weil man erwartete, daß ihre Verwandte sie auslösen werde. Indeß geschah dies nicht, und so mußte sie denn geduldig ausharren. Sie suchte sich die Zeit ihrer Gefangenschaft nach Möglichkeit durch Harfenspiel zu vertreiben und so wollte es der Zufall, daß als sie eines Abends bei offenem Fenster sang und spielte, der Brandenburger Ritter auf seiner Rückkehr vom kaiserlichen Hofe unter dem Hausberge vorüberreitend ihre Stimme vernahm und sogleich inne ward, daß dies dieselbe Sängerin sein müsse, die[247] er das Jahr vorher, freilich an einem andern Orte, gehört und bewundert hatte. Er näherte sich dem Wallgraben so gut als er konnte und knüpfte ein Gespräch mit der Sängerin an, durch welches er erfuhr, wer sie sei und weshalb sie hier festgehalten werde. Er entschloß sich kurz, begab sich an das Burgthor und verlangte Einlaß. Den erhielt er auch und nachdem er sich zu der Besitzerin des Schlosses hatte führen lassen, verlangte er ohne Umstände die Freilassung der Jungfrau. Zwar weigerte sich jene und verwies ihm mit harten Worten seine Kühnheit, dergleichen Dinge zu verlangen, allein als er ihr sagte, daß wenige Meilen von hier sein Schwager, ein Ritter von Falkenstein hause und es ihm keine Mühe kosten werde, denselben zu bewegen, ihn bei einer bewaffneten Unternehmung gegen den Hausberg zu unterstützen, willigte jene ein ihm das Mädchen zu überlassen, da ihr der Besitz derselben schon darum nichts helfen konnte, weil ihre Base, die schöne Kunigunde, sich gar nicht um sie kümmerte, also auch kein Lösegeld für sie zu erwarten wäre. So zogen sie denn zusammen nach dem Kynast, wo ihnen Kunigunde verwundert entgegenkam, als sie ihre Base wieder frei sah. Sie wußte aber leider den jungen Ritter durch ihr liebenswürdiges Betragen so für sich einzunehmen, daß er sich entschloß, entweder ihre Hand zu gewinnen oder im Felsenschlunde des Kynast den Tod zu finden. Es ward also für den nächsten Tag die gefährliche Probe festgesetzt. Die arme Irmgard aber, welche sich sterblich in den Brandenburger Ritter verliebt hatte, eilte in voller Verzweiflung aus dem Schlosse, um sich in Waldeseinsamkeit auszuweinen, denn sie sah wohl, daß ihr Geliebter von ihrer bösen Base umgarnt und nicht zu retten sei. Als sie nun so weinend auf einem Baumstamme dasaß und über ihr trauriges Schicksal nachsann, da trat ein fremder Jägersmann, derselbe, der sie einst am Kochelfall geäfft hatte, zu ihr und fragte sie, was ihr fehle; zwar wollte sie erst nicht mit der Sprache heraus, allein der Jäger kam ihr zuvor und erzählte ihr mit kurzen Worten, was vorgefallen sei, so daß sie sah, daß er vollständig von Allem unterrichtet sei. Er versprach ihr indeß seine Hülfe und gab ihr ein Fläschchen, welches eine Flüssigkeit enthielt, die sie, wie er sagte, nur ihrer Base beim Schlafengehen in ihren Nachttrunk zu träufeln habe, da werde sie nicht wieder erwachen und somit nicht blos das Hinderniß, was zwischen ihr und dem Brandenburger Ritter stehe, aus dem Wege geräumt, sondern sie auch als nächste Verwandte Kunigunden's Besitzerin des Kynast werden. Irmgard aber wies dieses hinterlistige Anerbieten entschieden zurück und erklärte, durch ein Verbrechen wolle sie niemals reich und glücklich werden. Darauf verließ sie der Jäger und meinte, sie werde doch noch zu ihm ihre Zuflucht nehmen müssen. Am nächsten Morgen aber schmückte sie sich mit ihrem Goldschleier und begab sich in den Burghof, um den gefährlichen Ritt mit anzusehen, fest entschlossen, der Ausgang desselben möge sein, welcher er wolle, sich in den Abgrund zu stürzen und so auf einmal ihrem Kummer ein Ende zu machen. Muthig bestieg der Ritter sein Roß, vorsichtig und behende schritt dasselbe eine Zeit lang auf der Mauer hin; schon hatte es die größere Hälfte des gefährlichen Pfades im Rücken, da strauchelte es und stürzte sammt seinem Reiter in den Abgrund hinab. Lauter Jammerruf des zuschauenden Burggesindes verkündete den Unfall, und Irmgard war schon im Begriff auf die Mauer zu treten und sich ihrem Geliebten nachzustürzen, da[248] erhob sich auf einmal ein furchtbarer Sturmwind, ein schweres Gewitter kam heraufgezogen und umgab die Burg mit seinem schwarzen Gewölk, so daß Niemand auch nur eine Hand breit vor sich sehen konnte, nur Irmgard gewahrte plötzlich, wie zwei blaue Flämmchen aus dem Schloßbrunnen aufstiegen und langsam nach dem Schloßthore hinzogen; sie folgte ihnen und gelangte, immer hinter ihnen hergehend, auf langsamem Umwege in's Thal hinab und plötzlich sah sie auf weichem Rasen ihren Geliebten unversehrt, aber in tiefem Schlummer neben seinem todten Rosse liegen, und während sie sich zu ihm hinabbeugte, um zu sehen, ob noch Athem in ihm sei, da stand auf einmal auch der räthselhafte Waidmann neben ihr und fragte sie, ob sie noch gesonnen sei, die Gemahlin des Ritters zu werden, wenn derselbe zum Bewußtsein und zur Erkenntniß zurückgekehrt sein werde. Als sie nun aber versetzte, daß sie dies wohl wünsche, aber keine Aussicht habe, seine Liebe zu gewinnen, da er ja ihre schöne Base vorziehe, da zog der Jäger einen silbernen Spiegel aus der Tasche und hieß die Jungfrau hineinsehen; diese aber kannte sich selbst nicht mehr, so hatte sie sich verändert. Ihre Gesichtszüge waren allerdings immer noch dieselben, aber der Zauberschleier hatte denselben eine solche Anmuth verliehen, daß der Eindruck, den sie auf Jeden, der sie ansah, machen mußte, ein unwiderstehlicher war. Die Probe konnte sie sogleich mit dem durch den Jäger aus dem Schlummer erweckten Brandenburger machen; er starrte sie gleich einer überirdischen Erscheinung an, verwandte kein Auge von ihr und weigerte sich lange entschieden, mit ihr auf den Kynast zurückzukehren und sich dort als gerettet der Kunigunde vorzustellen. Da es nun aber doch schließlich nicht anders ging, so mußte er sich wohl zu diesem unangenehmen Gange bequemen. Irmgard führte ihn den Berg hinan zur Burg und erzählte dort, sie habe ihn, als sie nach seiner Leiche gesucht, unversehrt im Thale gefunden; er aber sagte, es sei ihm beim Hinabstürzen gewesen, als habe ihn ein starker Arm aufgefangen und langsam hinab in die Tiefe getragen. Er hielt nun gleichzeitig um die Hand Irmgard's an, und Kunigunde, welcher die Anwesenheit derselben an sich schon nicht sehr angenehm gewesen war, bewilligte ihm dieselbe ohne Umstände, ließ sich es jedoch nicht nehmen, ihnen eine prächtige Hochzeit auszurüsten. Kaum war aber der Vermählungstag vorüber, da zog auch das junge Brautpaar in die Heimath des Ritters nach Brandenburg, wo sie jedoch nicht lange blieben, denn nach kurzer Zeit kam ein Bote und meldete ihnen, wie ein Thüringer Landgraf, Adalbert II., den Ritt glücklich bestanden, aber die Hand Kunigunden's zurückgewiesen und diese ihren Aerger in einem Kloster begraben habe. Vorher hatte sie jedoch den Kynast an ihre Verwandte abgetreten. So ward Letztere doch noch Besitzerin der Burg, auf der sie noch lange glücklich mit ihrem Gemahle lebte; wo jedoch nach ihrem Tode der Goldschleier hingekommen, davon berichtet die Sage nichts.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 245-249.
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