613. Die Uhr in der Pfarrkirche.

[585] (S. Karl Th. I. S. 22, nach Hirsch, die Oberpfarrkirche von St. Marien.)


Einst lebte in Danzig ein sehr geschickter Uhrmacher, ein geborener Nürnberger, Namens Hans Düringer, der auch in Anfertigung von beweglichen Bildwerken sehr geübt war. Demselben ward vom Rathe zu Danzig der Auftrag ertheilt, auch für die Pfarrkirche zu St. Marien eine mechanische Uhr zu verfertigen, wie man solche sonst für Kirchen und Rathhäuser mit großen Kosten anzuschaffen pflegte und wie deren noch der Straßburger Münster und das Rathhaus zu Prag besitzen, während andere dergl. wie die zu Olmütz und Bern etc. schon längst nicht mehr im Gange sind. Der Künstler beschloß ein Werk zu liefern, wie noch keines existire, machte sich seinen Plan und brachte endlich nach jahrelanger unausgesetzter Arbeit wirklich ein Kunstwerk ersten Ranges zu Stande. Die Uhr ward an einem ersten Pfingstfeiertage enthüllt. Sie bestand aus zwei Scheiben, von denen die untere Sonne, Mond und Planeten und die obere die Kalenderzeichen enthielt und zu bestimmten Zeiten bald die Verkündigung Mariä, bald die Anbetung der h. drei Könige darstellte. Sie zeigte den Auf- und Niedergang der Sonne und des Mondes für jeden Tag des ganzen Jahres, den Lauf der Planeten und der Zeichen des Thierkreises, den gesammten Sternhimmel, den Kalender und die beweglichen Festtage, an welchen, wie auch[585] an den Sonntagen, bewegliche Gruppen die an denselben zu erklärenden Evangelienstellen abbildeten. Ueber den Scheiben lief eine Galerie hin, an deren einem Ende bei jedem Glockenschlage ein Apostel erschien, die Galerie durchschritt und am andern Ende wieder verschwand. Ueber dieser standen Adam und Eva, welche bei jeder Stunde eine kleine Glocke zogen, und neben ihnen die vier Jahreszeiten, die jedesmal herrschende stand vor den andern. Für dieses kostbare Kunstwerk erhielt der Künstler von den Vorstehern der Kirche 390 Mark und für seine ganze Lebenszeit freie Wohnung und jährlich noch 24 Mark, er mußte aber dafür die Uhr im Gange erhalten.

Der Ruf dieser Uhr verbreitete sich in ganz Deutschland und so war es kein Wunder, daß auch andere Städte auf die Idee kamen, sich von demselben Künstler dergleichen Kunstwerke anfertigen zu lassen. So berief denn der Stadtrath von Lübeck unsern Düringer um ein ähnliches Uhrwerk für die dortige Oberpfarrkirche herzustellen. Allein kaum hatte der damalige Bürgermeister von Danzig erfahren, daß der Künstler die Absicht hege, dem Wunsche der Lübecker zu entsprechen, so beschloß er auch, es möge kosten was es wolle, denselben zu hindern ein zweites Kunstwerk zu verfertigen, Danzig sollte allein den Ruhm haben ein solches zu besitzen. Er ließ ihn also zu sich entbieten, fragte ihn, ob es wahr sei, daß er einen Ruf nach Lübeck erhalten und ihn angenommen habe, und als er solches bejaht, zahlte er ihm erst seinen Jahrgehalt auf das nächste Jahr und dann noch eine besondere Gratification von 100 Mark aus, von der er sagte, daß diese von ihm als ein Nothpfennig für die Zukunft betrachtet werden möge, dann aber hieß er ihn noch einmal zum Fenster hinauszuschauen und sich zum letzten Male den Thurm der Pfarrkirche, den Artushof und die von hier aus zu übersehenden Straßen anzusehen, denn es sei sein fester Wille, er solle niemals wieder das Licht der Sonne erblicken, und obwohl ihm der Künstler zu Füßen sank und, weil er den Grund seines grausamen Befehles vermuthete, aufs Heiligste schwur, er wolle nie wieder seine Hand an eine ähnliche Arbeit legen, es half alles nichts, er rief zwei im Nebenzimmer versteckte Henkersknechte herein, dieselben banden den Künstler und fuhren ihm mit einem glühenden Eisen über die Augen und vernichteten für alle Zeiten seine Sehkraft. Man führte ihn nach Hause und glaubte genug gethan zu haben, wenn man ihn vor Mangel schützte. Hier brütete der Unglückliche nun über Racheplänen gegen seinen Peiniger. Siehe da bot sich eine willkommene Gelegenheit dazu dar. Durch irgend einen Umstand war an dem Gange der Uhr eine Kleinigkeit in Unordnung gerathen, kein anderer Uhrmacher in der Stadt wagte sich an dieselbe und so sah sich der Rath genöthigt, wenn auch ungern den Verfertiger zu bitten, die Reparatur der Uhr vorzunehmen: das war es, was er gewünscht hatte. Man führte den Geblendeten auf die Galerie, bald schritt er zwischen den Rädern auf und ab, indem er bald dieses bald jenes betastete, plötzlich faßte er das Haupttriebrad, griff mit voller Kraft hinein und drehte es verkehrt herum und da rollten alle Räder, alle Zeiger kreisten, die Figuren liefen durcheinander und die Gewichte stürzten losgerissen hinab, der Künstler aber benutzte das allgemeine Erstaunen, schwang sich über die Galerie und stürzte zerschmettert auf den Steinboden hinab. Seit dieser Stunde geht die Uhr nicht mehr, große[586] Summen sind ausgegeben worden um sie wieder herzustellen, allein noch kein Uhrmacher hat es vermocht sich in den Geist ihres Verfertigers hineinzudenken.92

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Es giebt noch mancherlei solche künstliche Uhren. So zeigt die Uhr auf dem Straßburger Münster den Lauf aller Planeten. Man sieht hier die vier menschlichen Alter, welche die Viertelstunden anzeigen. Zuerst schlägt ein Kind die erste Viertelstunde mit einem Hammer an eine kleine Glocke, dann kommt ein Jüngling, der mit zwei Schlägen halb, ein Mann, der mit drei Schlägen drei Viertel, und ein Greis, der mit 4 Schlägen das vierte Viertel andeutet. Unser Heiland geht vor jeder Figur dieser vier Alter voran. Endlich kommt der Tod, der die Stunde schlägt und zuletzt ein Hahn, welcher krähet und mit seinen Flügeln schlägt. Zu Zittau ist am Rathhause ein Uhrwerk, welches jedesmal am 7. Januar drei Viertel auf 12 Uhr den Tod mit einem Brande und nach demselben einen Engel mit einem Oelzweige sehen läßt. Dazu schlägt ein Glöcklein, welches an das große Feuer im Jahre 1608 erinnert, durch welches mehr als drei Theile der Stadt vernichtet wurden. Dieses Jahr steht in den Worten der Inschrift InCenDIVM ZIttæ. Zu Lübeck ist in der Marienkirche hinten am Altar eine Uhr, welche den Kalender nebst dem Sonnen-, Mond- und Planetenlauf anzeigt. Darunter steht: »Wol kant maken, bericht Du my | Dat ick all Mann tho Dancke sy!« Ueber dieser Uhr ist ein Glockenspiel und eine bewegliche Gruppe, wo man den Kaiser und die Churfürsten (oder die Apostel) erblickt, denen zwei Diener in Livree die Thür aufmachen. Eine zweite künstliche Uhr ist dort in der St. Petrikirche. Hier haut ein Engel mit einem Schwerte nach einem Löwen, der die Augen verdreht, zwei Böcke stoßen sich, an einer Seite ist Maria mit dem Kinde, an der andern Petrus mit dem Schlüssel, unten zwei Köpfe, die das Maul aufsperren. Dies alles bewegt sich, sobald die Glocke schlägt. Bei dem Namen des Verfertigers steht der Vers: Qui struit in triviis, multos habet ille magistros. Das Uhrwerk am Prager Rathhause zeigt den Lauf des Himmels durchs ganze Jahr, die Zahl der Monate, Tage und Stunden, die Aequinoctien, Solstitien, die Länge der Tage und Nächte, den Neu- und Vollmond mit seinem Ab- und Zunehmen und die Feste des ganzen Jahres. Auf dem Lustschloß Anet in Frankreich ist ebenfalls eine künstliche Uhr gewesen. Wenn die Stunde schlagen sollte, sah man 15 bis 18 Hunde von Erz marschirt kommen, welche bellten, darauf kam ein großer Hirsch von Erz viel größer als ein natürlicher, der die Stunden durch die Schläge, die er mit seinem Fuße that, bezeichnete. Auf der St. Johanniskirche zu Lyon war sonst auch eine Uhr, welche außer den beweglichen Festen die Stunden, den Lauf der Sonne, des Mondes, der Planeten und Sterne zeigte. Alle hundert Jahr zeigte sich aber noch folgendes Kunststück. Oben auf der Uhr steht ein Hahn, welcher, ehe die Glocke schlägt, die Flügel schwingt und zweimal laut kräht. Hernach öffnet sich eine Thür, woraus der Engel kommt, und der Mutter Gottes einen Gruß bringt, dann von oben herunter der h. Geist, der sie überschattet, Gott der Vater steht über ihnen und giebt ihnen den Segen, unterdessen schlagen die Engel mit Hämmern auf die Glocke und spielen den Gesang Johannis des Täufers.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 585-587.
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