Max vor Kuffstein

[287] Es blickte Pinzenauer von Kuffsteins Riesenwall

Mit Hohn und sichrem Trotze auf Maxens Heeresschwall,

Wie ein Alpengeier sorglos auf den Verfolger blickt,

Der fern im tiefen Thale auf ihn die Büchse zückt.


Es blickte Max gen Kuffsteins hochtrotzende Felsenwand,

Voll Zuversicht und Ruhe, so kühn und muthentbrannt,

Gleichwie zum Horst des Geiers der Schütze blickt empor;

Erreicht ihn auch sein Fuß nicht, erreicht ihn doch sein Rohr.


Aus hundert Mörsern aufwärts flog donnernd Ball an Ball,

Ohnmächtig, spurlos prallen zurück die Kugeln all,

Gleichwie wenn Blüthenflocken auf einen Panzer fielen,

Gleichwie wenn Schaumestropfen um einen Felsblock spielen.


Da sah man Pinzenauern hoch auf der festen Wand,

Ein tüchtig Ruthenbündel hielt er in seiner Hand.

Wo Maxens Kugeln schlugen, da bückt' er sich hinab

Und fegte die Stellen höhnisch mit seinem Besen ab.


»Ei, ei, du spöttischer Vogel, sieh dich nur weislich vor,

Daß dir aus deinem Bündel ein Beil nicht springt empor!«

So rief nun Max, sein Auge zuckt wie ein Wetterschlag;

Hohn schlägt viel tiefre Wunden, als es ein Schwert vermag.


Den Pechkranz ließ er prasselnd jetzt auf zur Feste fliegen;

Umsonst, unschädlich blieb er auf breiten Mauern liegen!

Der Pinzenauer kochte dabei sein Mahl in Ruh.

»Geduld!« rief Max, »ich send' euch als Gast den Hunger zu.«
[288]

Drei Wochen schon entschwanden. – Max hielt im Zelte Rast,

Schon lud zu seinem Mahle der Hunger sich als Gast.

Versprach er nicht, zu senden den Gast an Kuffsteins Thor?

Man muß ja selbst erst kennen, wen man zum Boten erkor.


Da brüllt es vor den Zelten, – hoho! was soll es sein?

Sieh, Hirt' und Heerden ziehen ins Lager drängend ein:

»Hans Pinzenau läßt grüßen und schickt, was er vermag,

Auf daß auch ihr euch einmal macht einen guten Tag.«


Da wurde König Maxen die Zeit wohl etwas lang,

Daß pochend schon sein Herzschlag bis durch den Panzer klang;

Da sandt' er gegen Innsbruck hinauf ins Waffenhaus:

»Schickt doch einmal den Weckauf mir und den Purlepaus!«1


Der König statt des Zepters faßt nun den Luntenbrand,

Wie führt so gut er beide mit sichrer Meisterhand!

Zu Throne saß kein König, an Macht und Pracht ihm gleich,

Im Schlachtfeld focht kein Kriegsknecht, an Muth und Kraft so reich!


Die Mauern Kuffsteins wanken, wo seine Kugel traf,

Der Weckauf, statt zu wecken, singt Manchen in den Schlaf,

Der Purlepaus schlug grimmig ins starke Bollwerk drein;

Hurrah! die Riesenwände laut donnernd stürzen ein!


Sieh, blank im Sammtgewande, mit grünem Friedensreis

Ziehn aus der Burg zwei Knäblein, so zart und blendendweiß,

Wie die zwei ersten Blüthen, entkeimt dem Frühlingsblick,

Doch ernst und finster weiset der König sie zurück.


Und wieder, sieh: hernieder wallt aus der Feste Thor

In feierlichem Zuge ein ernster Männerchor,

Ein Heldenbild, ein düstres, der Pinzenau voran,

Umwallt vom schwarzen Barte, in schwarz Gewand gethan.
[289]

Ha, wie auf Maxens Stirne sich finstre Wolken thürmen!

Sein Antlitz glühet furchtbar, wie Abendroth vor Stürmen

Sein Auge zuckt und flammet, wie Wetterleuchten wild,

Weh dem, nach dessen Haupte des Blitzes Keil nun zielt!


Die ält'sten Krieger bebten, so sahn sie ihn noch nie,

Mit scheu gesenktem Auge und schweigend standen sie.

Sein Wort hallt jetzo dröhnend im bangen Kreise nach,

Wie tief im Forst das Echo von einem Wetterschlag:


»Auf, wetzt das Beil, ihr Henker! Tod sei der Schurken Lohn!

Wie steht das Bußkleid schmählich dem aberwitzigen Hohn!

Wer für sie fleht, ich schwör' es, dem schreibt es meine Faust

Wohl hinter's Ohr, daß ewig die Antwort drin ihm saust!«


»Mein Fürst, nicht will ich betteln um meinen nicht'gen Leib,

Längst modern meine Schätze, mein Vater, Kind und Weib.

Mein Kleid und Herz, sie deuten mir beid' ins Grab hinein;

Um Eins nur wollt' ich bitten: um einen Becher Wein.«


So sprach der Pinzenauer, nicht bebte seine Hand,

Nicht bleichte sich sein Antlitz, als er vor Maxen stand,

Gleich einem eh'rnen Kreuzbild auf einem Marmorsarg,

So traurig und so düster, doch auch so fest und stark.


»Auf euer Heil, mein König! O daß ihr's tief erwägt,

Wieviel es heißt, wenn Einer, deß Haupt zum Block ihr legt,

Aus voller Lust des Herzens noch zecht auf euer Heil!«

Er sprach's und beugte nieder sein Haupt dem rothen Beil.


Zehn der Genossen folgten ihm treu in Tod und Leben.

Schon sah man mild Erbarmen des Königs Blick umschweben,

Schon will sein Herz begnad'gen, sein Eid verwehrt ihm's nur,

Und insgeheim verwünscht er den argen, bösen Schwur.
[290]

»Halt, halt, mein Fürst!« rief Erich von Braunschweig unverzagt,

»Mag euer Zorn mich treffen, doch sei dieß Wort gewagt!

Hinweg, ihr blutigen Schergen, und wahrt die Beile fromm,

Die roth vom besten Blute, das je durch Adern glomm.


Für Schurkenpack, doch nimmer für Heldenvolk der Schlacht

Ist jenes Beil geschliffen, der Schandblock ausgedacht;

Wenn Tapferkeit und Kühnheit ihr so zu lohnen glaubt,

Mein Fürst, dann beugt zuvörderst dem Block das eigne Haupt!«


Max, treu dem Schwur, gab leise ihm einen Backenstreich,

Drückt ihm die Hand und stürzte ihm an die Brust zugleich:

»Gepriesen sei, mein Erich, dein edles biedres Wort!

Ihr Andern aber ziehet in Ruh' und Frieden fort!«


Nächst Kuffstein steht ein Kirchlein, Ainleffen heißt's noch heut,

Weil's den gerichteten Eilfen zum Grabmal Max geweiht.

Einst, als in Tyrol er wieder, erzählt' ein Bauernknab',

Er habe jüngst den König gesehn dort knien am Grab.


Als Max zur Heimat siegreich mit Sang und Klang zog ein,

Stand mit gekrümmtem Rücken vor'm Thron ein Dichterlein

Und bracht' in tiefster Ehrfurcht, in einem Lorberstrauß

Ein zierlich Klinggedichtlein an Weckauf und Purlepaus.


Fußnoten

1 Maximilian liebte seine Kanonen, wie andere ihre Pferde. Man kennt nebst seinen beiden Lieblingskarthaunen, Weckauf und Purlepaus, noch den Pfabenschwanz, die schöne Puelerin, die Singerinnen, den Erdbidmer, die Kitzlerinnen, die scharpffen Diendeln, Brumerinn, Nachtigall, Hurnastin, Purasserin, Humserin, Nar, Närinn, kerrerin, Laurpffeiffen, lewpart, myldhiertin, verwurrerin, wunderlich Diern, roskopf, hungerin, kätterlin, Herzog Sigmund, turnträtzl, Strauß, metzen u.s.w. In drei prachtvollen auf Pergament mit reicher Vergoldung gemalten und geschriebenen Bänden, die jetzt in der Ambraser Sammlung aufbewahrt werden, ließ Maximilian die Abbildungen und Beschreibungen des kaiserlichen Geschützes und Zeuges sammeln. Fast jede Kanone hat ihren Namen und deutsche, darauf anspielende Reime, die dem Bilde beigeschrieben sind. (S.A. Primissers Aufsatz »über Maxens zweites Gedenkbuch« in Hormayers Taschenbuch für vaterl. Geschichte 1824.)


Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke,Band 1–4, Band 3, Berlin 1907, S. 287-291.
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Sämtliche Werke 5: Der letzte Ritter. Spaziergänge eines Wiener Poeten. Herausgegeben von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]

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