Weihe

[169] Wer Ruhe kennt, der ruhte schon in des Schlummers Bucht;

Ich aber zog noch unstät durch düstre Felsenschlucht,

Die Göttin nur, der ich weihte mein Herz und Leben gern,

Sie schwebte mir zur Seite und über ihr – ein Stern.


Im Arm trug sie die Leier, im Haar den grünen Kranz,

Im Aug', begeist'rungstrunken, glomm ew'ger Jugend Glanz,

Doch in mich selbst versunken, zog ich mit gesenktem Blick

Die öde Bahn, und träumte – was Trauer gern – von Glück.


Und als dem Licht ich wieder erwacht das Aug' erschloß,

Da standen wir inmitten in eines Thales Schooß,

Von grauen Felskolossen, gespenstig an Gestalt,

War rings das Thal umschlossen und finstrem Eichenwald.


Ein Streifchen Abendröthe sah man im West noch sprühn,

Doch auf azurnem Beete den Mond im Ost schon blühn,

Rings schwammen weiße Wölkchen in seiner Strahlennäh',

Wie unten die bleichen Schwäne im leis bewegten See.
[169]

Bekränzte Harfen hingen rings an der Felswand Saum,

Und halb verrostete Klingen rundum auf manchem Baum.

Hebt sich ein West, so schwirren die tönenden Saiten mild,

Regt sich ein Ast, so klirren die rasselnden Schwerter wild.


Am Strand des Sees, da sieht man dicht Grab an Grab sich reihn.

Wer mögen wohl die Schläfer, die unten ruhen, sein?

Ein Kreuz nur! vielleicht erhöhet, um morgen zu zerfallen,

Zwar ist sein Kranz verwehet, doch blieb es stehn vor allen.


Hart dran stand eine Säule, gebaut der Ewigkeit,

Die ist nun Schutt, rings liegen zerstreut die Trümmer weit;

Wer liest die verwitterte Inschrift, die von Unsterblichen sprach?

Vielleicht der Schläfer einer! wer rüttelt den Trägen wach?


Dort liegen Bischofsmützen, nicht fern ein Schellenhut,

Hier ein gekrönter Schädel, drin nistet des Wurmes Brut,

Dort sproßt aus Todtenköpfen manch Röslein lieblich roth:

Seht da in einer Schale das Leben und den Tod!


Es blinkt ein alter Tempel dicht an der Gräber Rain,

An seine Mauer lehnt sich der fahle Mondenschein,

Weit aufgethan die Pforten und Epheu bis zum Knauf,

Darin ein Tisch von Marmor, zwei offne Bücher drauf.


Die Schrift im ersten sind Blumen, die ewig wechselnd blühn,

Im zweiten Flammenlettern, die ewig bleibend glühn,

Des einen Blätter sind locker, drin blättert der luft'ge West,

Des andern eh'rne Platten, die liegen schwer und fest.
[170]

Und blickt ein Narr in jenes, so liest er Närrisches drin,

Ein Weiser findet Weises, so Jeder nach seinem Sinn;

Doch dieses – Eins ist's Allen! die Züge licht und klar,

Nie wanken seine Blätter, es bleibt unwandelbar!


Dem Ausspruch schlichter Schäfer bei heitrem Liederstreit

Scheint jenes Buch wohl ähnlich, der Sage ward's geweiht;

Dem festen ernsten Urtheil der heil'gen Vehmgerichte

Ist dieses zu vergleichen, das Buch der Weltgeschichte!


»Doch was soll ich in des Thales verhängnißvollem Raum,

Wo Tod und Leben ringen, Wahrheit und wüster Traum?

Hier duftet Blüthenregen, dort qualmt Verwesungsgeruch,

Die Harfen säuseln Segen, die Schwerter rasseln Fluch!


Was in den heil'gen Büchern der Weisen soll ich lesen,

Der, wenn ihn Lieb' erhörte, gern ewig ein Thor gewesen?!

Soll ich den Todkelch nippen, und wandeln an Gräber gebannt,

Und fühle noch die Lippen vom Kuß der Lieb' entbrannt!


Laß uns von hinnen, o Göttin! mir wallt so bang das Blut,

Und muß ich um Grüfte wandeln, so sei's: wo Liebe ruht!«

Da schwamm ums Antlitz heiter ein mildes Lächeln ihr

Und schwebend zog sie weiter und winkte zu folgen mir.


Ich sah nicht, wo wir wallten; kein Mond, kein Stern in der Luft!

Doch stieß ich an manchen Hügel und athmete Blumenduft.

Wohl ist's ein Garten? da sank ich an eines Hügels Saum,

Und schloß den Schlaf in die Arme, und mit ihm solchen Traum:
[171]

Vor mir in eh'rner Rüstung stand eines Manns Gestalt,

Vom falt'gen Purpurmantel die starken Lenden umwallt,

Zu Haupt ihm sah ich winken den dichten Lorberkranz,

Draus lugten goldne Zinken, wie einer Krone Glanz.


Steht ein sieglust'ger Ritter, ein Königsheld vor mir?

Gab ihm den Lorber die Krone, der Kranz die Königszier?

Da hob sich Sturmwindswallen – rasch griff er nach dem Kranz,

Als ließ' er lieber fallen die Krone, als den Kranz.


Sein Auge sah ich grollen in finstrem Kriegermuth,

Doch mocht's auch freundlich rollen, beglänzt von Liebesgluth;

Auch deutet die Silberschärpe auf goldigem Panzerhemd,

Von zarter Frauenhand wohl, daß er der Liebe nicht fremd.


Sein Arm schien gleich behende Jagdspieß und Schwert zu heben,

Schon sah ich gewicht'ge Rede auf seinen Lippen schweben, –

Da rieselte auf mich nieder der kalte Thau der Nacht,

Frost schüttelte meine Glieder und zitternd war ich erwacht.


Auf einem Königsgrabe hatt' ich geruht, geträumt!

Schon hat die Berge Dämm'rung mit grauem Flor umsäumt

Die Göttin aber kränzte das Grab mit dem eignen Kranz,

Und mir im Arme glänzte der goldnen Leier Glanz.


»Was soll die stille Lampe bei goldner Sonne Gluth?

Was soll die zage Taube im Horst der Adlerbrut?

Wer hört ein Lied, wenn ehern des Schicksals Würfel rollt?

Wer sieht durch den Wald von Zeptern der scheuen Leier Gold?
[172]

Die Gegenwart, die ernste, und die Vergangenheit,

Zwei Säulen sind die beiden am Riesenbau der Zeit,

Doch einzeln stehn allbeide, geschieden streng und hart;

Was hat gemein mit jener der Sohn der Gegenwart?«


Sie aber drauf: »Geschieden wohl sind sie streng und hart,

Doch sieh: Epheu, umkletternd die Säule der Gegenwart,

Durchrankt in grüner Wölbung den Raum, der Beide schied,

Vereint und schmücket Beide: das ist des Dichters Lied!«


Wenn heim der Wandrer kehrte, der ferne Lande durchreist,

Umlagern ihn die Freunde, der volle Becher kreist,

Und künden muß er von Sitten und Wundern, nah und fern,

Und glauben sie auch nicht Alles, so hören sie's doch gern.


Viel hab' ich schon gepilgert bei Sonn- und Mondenschein,

Und gern will ich der Wandrer, wollt ihr die Freunde sein,

Und will euch treulich künden, was mir der Geist des Helden

Und in der Thales Gründen die Wunderbücher melden.


Verschiednes erzählen Wandrer; drum weist euch meine Bahn

Oft weniger als manch Andrer, oft mehr als Andre sahn.

Laßt froh die Becher klingen, doch einen sparet noch,

Denn geht's nach Wunsch, so bringen zum Schluß wir ein Lebehoch!

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke,Band 1–4, Band 3, Berlin 1907, S. 169-173.
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Der letzte Ritter
Sämtliche Werke 5: Der letzte Ritter. Spaziergänge eines Wiener Poeten. Herausgegeben von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]

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