Sturm

[127] Es beschaut in Wellenkläre

Sich der Fels, ein schöner Greis,

Durch den See zieht meine Fähre

Leise ihr kristallnes Gleis.


Vorn im Schiff, das Ruder rührend,

Scherzt die schlanke Schifferin!

Hinten, fest das Steuer führend,

Starrt ihr Vater ernst dahin.


Vorn am Schiffe scheint zu glimmen

In der Fluth ein rother Schein;

Sind es Rosen, die da schwimmen?

Mädchen, sind's die Wangen dein?


Hinten an dem Steuer blinken

Rings die Wellen silberweiß;

Spiegeln sich der Gletscher Zinken?

Ist's dein Lockenschnee, o Greis?
[128]

Doch die Wellen werden rege,

Es verschwinden Ros' und Schnee,

Als ob Geisterhand sie zöge

Nieder in den tiefen See.


Weh, sturmlust'ge Winde fallen

Aus der Felsen Hinterhalt.

See, dein schlummernd Kindeslallen

Als Gigantenfeldschrei hallt!


Ungethüme sind die Wellen,

Bäumend hoch den Leib empor,

Ihre Zottenmähnen schwellen,

Und ihr Rachen heult im Chor.


Ungestüm in tollem Satze

Springen schnaubend sie heran,

Haun die grimme weiße Tatze

In den morschen, schwanken Kahn.


Aber peitschend ihre Flanken

Wild der Greis sein Ruder schwingt,

Bis die Bestienhord' im Schwanken

Knirschend, heulend, ihm entspringt.


Leis die krausen Schädel streichelnd

Rührt die Maid ihr Ruder nun,

Bis, wie Hündchen, wedelnd, schmeichelnd

Alle ihr zu Füßen ruhn.
[129]

Nimmer sind die Wellen rege,

Wieder schimmern Ros' und Schnee,

Als ob Geisterhand sie lege

Auf den hellen, stillen See.


War ein Kämpfen das und Kosen,

Abzuringen von dem See,

Mädchen, du die Handvoll Rosen,

Alter, du die Handvoll Schnee!

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 1, Berlin 1907, S. 127-130.
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Gedichte
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