Der Invalide

[271] Im Gartenplan vor der Schenke

Sitzt der alte Invalid,

Erzählt von Schlachten und Siegen

Und singt manch flammend Lied.


Des Dorfes blühende Jugend

Umlagert ihn rings im Gras,

Die rosigen Mädchen füllen

Gar fleißig ihm das Glas.


Ein Kindlein auf seinem Schooße

Spielt ihm in Bart und Haar;

Mit seinem Stock und Säbel

Steht Wacht ein Knabenpaar.


Des Dorfes Schulmagister,

Der Kinder grimmer Tyrann,

Sein alter Spielkamerade,

Sitzt neben dem Krückenmann.
[272]

Jetzt streift der Invalide

Den einen Aermel hinauf:

»Nun will ich euch was erzählen,

Nun, Kinder, horchet auf!«


Und näher rückt dem Greise

Aufhorchend der Knaben Schwarm:

Weh, was für böse Schnörkel

Trägt eingebrannt dein Arm?


»Ich will die Zeichen euch lösen,

Schlimm sind die Züge nicht!

Denn wer sie versteht, dem deuten

Sie die halbe Weltgeschicht'!


Am blühenden Strand der Loire

Wuchs ich zum Jüngling heran,

Da lächelte wie ein Bräutchen

Holdselig das Glück mich an.


Am blühenden Strand der Loire

Ward ein herrliches Mädchen mein;

Da schnitt in den Arm dieß Herzlein

Und unsere Namen ich ein.


Da schien zu Paris der König

Mir gegen mich nur ein Wicht;

Zwar kannt' ich nur aus den Münzen

Sein gutes, rundes Gesicht.


Oft fragt' ich, warum auf den blanken

Sein Kopf allein wohl steht?

Wie hätt' ich's damals errathen,

Daß ich nun gar ein Prophet!
[273]

Einst klang's und flammt' es im Thale

Von Feldruf und Waffenschein,

Und jubelnde Schaaren brachen

Halbnackt und wild herein.


Sie schwangen blutrothe Mützen

Auf hohen Lanzen empor,

Sie jauchzten: Freiheit, Gleichheit!

In vollem rauhen Chor.


Der Klang thät mir gefallen,

Ich trat in ihre Reihn,

Sie brannten die flammende Mütze

Als Bundeszeichen mir ein.


Einst trat vor unsre Schaaren

Ein Mann gar ernst und bleich;

Er frug nicht, ob wir gehorchten?

Er gebot, wir folgten sogleich!


Er hielt einen stolzen Adler

In seiner kräftigen Hand,

Er rief mit donnernder Stimme:

Für Ruhm und Vaterland!


Sein Ruf thät uns gefallen,

Wir folgten mit Jubelgeschrei:

Oft mocht' uns dünken, als ob er

Wohl selbst der Adler sei.


Der Aar that gute Flüge,

Er hielt nur kurze Rast

Auf Afrika's Pyramiden,

Auf Moskau's Czarenpalast;
[274]

Zu Wien auf dem Stephansthurme,

Auf dem Vatikan zu Rom;

Am liebsten von Notre Dame

Sah er auf der Völker Strom.


Bei Mörserklang und Feldruf

Und Siegesflammenschein

Brannt' auf den Arm den Adler

Mit glühendem Stahl ich ein.


Der Aar that gute Flüge,

Zuletzt entschwand er dem Blick,

Und ach, wir sahn ihn nimmer,

Und nimmer kam er zurück!


Drauf drängten uns fremde Schaaren,

Sie strömten Hord' auf Hord',

Ei, alte Bekannte aus Feldern

Von Süd und Ost und Nord!


Sie riefen: Frieden, Frieden!

So riefen seit Jahren sie schon,

Doch wie sie sonst es riefen,

Klang's einen ganz andern Ton.


Rechtmäßigkeit und Frieden!

So riefen sie All' im Verein,

Und brannten die Städte uns nieder

Und stampften die Saaten uns ein.


Sie schleuderten Friedenspalmen

Mit blutigen Schwertern empor,

Und krachende Kanonen

Spien weiße Lilien hervor!
[275]

Solch eine glühende Blume

Fiel auf den Arm auch mir,

Und eingebrannt blieb seither

Das Zeichen der Lilie hier.


So trag' ich auf meinem Arme

Die halbe Weltgeschicht';

Herz, Mütze, Adler und Lilie,

Die geben mir treuen Bericht!


Die Mütze ist längst zerrissen,

Der Aar flog ins Sonnenlicht,

Einst welken auch die Lilien,

So wie dieß Herz einst bricht.


Ich setze meinen König

Zu meinem Erben ein,

Und dieser Arm mit den Schnörkeln,

Der soll sein Erbstück sein.


In ein vergüldetes Kästlein

Leg' er den Arm sodann,

Wie jener alte König

Mit den Liedern Homers gethan.


Der las des Tages mind'stens

Ein Verslein, einen Spruch;

So lese mein König fleißig

In meinem Historienbuch.


Nun, Pädagog, was sagt ihr

Zu meiner Weltgeschicht'?«

Der meint: In usum Delphini

Wär' sie so übel nicht!

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 1, Berlin 1907, S. 271-276.
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Gedichte
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