Sankt Hilarion

[311] Auf Cypern ist es Lesenszeit,

Der Jubel jauchzt von den Hügeln weit!


Vor seinem Weinberg steht ein Mann,

Sieht all die Fülle behaglich an,

Die Rebenreihn voll blauer Frucht,

Fast bricht den Stock die süße Wucht,

Die durstigen Schläuche, trunkbereit,

Die Kufen und Krüge weithin gereiht,

Denkt heimwärts auch an sein Töchterlein,

Ihm geboren vor der Tage drei'n:

Das macht, daß über sein Angesicht

Es leuchtet wie freudiges Sonnenlicht.


Und aus der bauchigen Krüge Schaar

Wählt er die größten, wohl fünfzig Paar:

»Ihr Wänste, zecht mir vom köstlichsten Wein,

Bald sollt ihr wie Todte begraben sein.

Im Erdengrunde da gährt und ruht,

Eint Altersmilde mit Jugendgluth,
[312]

Bis jenes Bäumlein am Waldessaum

Einst ragt als schlanker Palmenbaum,

Bis in der Wiege mein Mägdlein traut

Einst ragt und blüht als liebliche Braut.

Dann aber heraus aus dem Erdenschrein,

Aussteuer und Hochzeitsgäste zu sein;

Dann wallet ans Licht und füllet hold

Die Herzen mit Lust, die Kisten mit Gold!«


Da wandelt, des Gottessegens froh,

Vorbei des Weges Hilario.

Der Herr des Weinbergs zu ihm spricht:

»O seht rings Fülle, Glanz und Licht,

Daß fröhliches Aug' und Herz zum Fest

Dem Frömmsten selber nicht übel läßt!

Drum seid, eh' der Winzer die Traube faßt,

Zur Vorkost morgen mein lieber Gast,

Und da die Freude nicht gern allein,

Laßt etliche Freunde mit euch sein.«


Des Morgens im Weinberg steht der Mann,

Schon schreitet Hilarion hinan,

Doch hinter ihm wallt's von Schritten schwer,

Ein Menschenschwarm ist's, ein ganzes Heer!

In Talaren schwarz, in Kutten braun,

Bedächtig, ehrwürdig anzuschaun,

Goldkreuz an der Brust und Skapulier,

In Händen Rosenkranz oder Brevier:

Dem Manne scheint's, auf den Beinen sei

Die ganze heilige Clerisei.

Drauf lockig rothwangiger Kinder Zahl,

Die Hoffnung des Staats, der Schulbank Qual,

Das schäkert und balgt sich, als wäre heut

Die Mähr vom Pygmäenkrieg erneut.
[313]

Dann schreitet ein Zug gar bunt geschaart

In Farben und Stoffen jeder Art,

Der Ein' im Faltenwurf stolz geputzt,

Der Andr' im Wamms schlicht zugestutzt,

Goldketten und Stab von Elfenbein,

Schnappsack und Knotenstock zwischendrein,

Die ganze Bürgerschaft ist da

Der guten Stadt Nicosia!

Noch wogt es unabsehbar heran.

Wie's glitzert und funkelt im Thalesplan

Von Helmen bunt, von Schwertern hell,

Von Panzern blank, von Gewändern grell,

Geschwader von Reitern traben in Reihn,

Legionen von Fußvolk hinterdrein!

Dem Manne däucht, es marschire zur Schlacht

Des Kaisers sämmtliche Heeresmacht,

Es sei um seinen Weinberg gebannt

Der ganze Lehr-, Nähr und Wehrestand.

Doch ist dieß nur, er merkt es schon,

Mit etlichen Freunden Hilarion.

Das macht, daß jenem vom Angesicht

Fortzieht das freudige Sonnenlicht.


Und als es nun ans Kosten ging,

Zu tief, zu hoch kein Träublein hing;

Der keltert im Helm den süßen Most,

Der stopft die Kaputze mit Traubenkost,

Heimdenkt ein Dritter an Weib und Kind

Und füllet die Tücher und Taschen geschwind,

Bis man im Weinberg nur hier und da

Manch Beerlein an dürren Kämmen noch sah:

Wo Tagwerk für hundert Winzer gnug,

Gibt's Arbeit kaum für Zwei mit Fug.

Des Weinbergs Herr läßt's geschehen sein,
[314]

Denkt heimwärts still an sein Töchterlein;

Das macht, daß um sein Angesicht

Fast trübe sich's, wie ein Wölklein, flicht.


Auf des Berges Gipfel Hilarion stand,

Gen Himmel gewendet Aug' und Hand;

Um sein Antlitz quoll ein sonniger Glast,

Von den Fingern ihm funkt's wie Phosphor fast:

»O Herr, dein Wille kann's nicht sein,

Daß, wer Andre tränkt, verdurste allein,

Daß dessen eigenes Kind verwaist,

Der fremde Kinder gelabt, gespeist;

Drum öffne des Segens Schleußen, wir flehn,

Laß deine Engel geschäftig gehn,

Berühre des Weinstocks Auge lind,

Wie Christus die Wimpern dem blinden Kind,

Erfülle die dürren Stengel mit Saft,

Wie Lazarus' Leiche mit Lebenskraft,

Und schwelle die lechzenden Krüge an,

Wie du auf Kana's Hochzeit gethan,

Mit köstlichem Born, der, eingedenk

Des göttlichen Ursprungs, die Durst'gen tränk',

Mit deinem Lichte die Häupter erfüll',

Mit deiner Milde die Herzen umhüll'!

Und nun, ihr Winzer, wohlan getrost,

Nun pflückt die Trauben und keltert den Most!«


Sie gehn ans Werk mit saurem Gesicht,

Schwer drücken werden die Körbe sie nicht;

Sie denken, die Predigt war nicht schlecht,

Mehr Trauben aber wären auch recht!

Doch seltsam geht's den Winzern her,

Die dürren Kämme wiegen so schwer,

Noch hie und da in Blättern versteckt
[315]

Manch Träublein schalkisch die Suchenden neckt,

Und wie sie das Laub hinweggedrängt,

Dahinter noch Traub' an Traube hängt;

Zuweilen scheint's, sie schnitten vom Stab

Dieselbe Traube schon zwölfmal ab,

Bis Kufen und Schläuche vollauf versorgt

Und Nachbar dazu noch die seinen borgt.

Der Gastfreund vergräbt die Krüge von Stein,

Statt hundert müssen's dreihundert sein;

Das macht, daß auf sein Angesicht

Heimkehrt das freudige Sonnenlicht.


Und zu Hilarion spricht er so:

»Obleibt des Gottessegens froh,

Bis wir die Krüg' einst graben zu Tag,

Dann seid mein Gast zum Festgelag,

Und da die Freude nicht gern allein,

Laßt etliche Freunde mit euch sein!«

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 1, Berlin 1907, S. 311-316.
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