Um einen Pfennig

[280] Zu Hofe ruft viel frohe Gäst'

Der Herzogstochter Hochzeitfest.

Der Narr tritt vor des Herzogs Thron:

»Ich fand ein neu Gefäll der Kron',

Es bringt manch schönen Pfennig.


Den Wink des Augenblicks erfaßt!

Und zu dem Fest der Schönheit laßt,

Was unschön, nur mit Zoll herein;

Ich aber, Herr, mag Zöllner sein,

Die Taxe nur ein Pfennig.«


Am Stadtthor gibt dem Volke kund

Ein Pfahl in Landesfarben bunt:

»Nur schönen Leib laßt frei zum Fest;

Wer ungestalt, lös't sein Gebrest

Per Stück mit einem Pfennig.«


Ei, das stolzirt! das prunkt um die Wett'

Sammtmäntel, Goldschärpen, Federbarett!

Von schmucken Junkern ein glänzender Zug.

Dem Zöllner bringt er Unlust genug:

»Da setzt's wohl keinen Pfennig.«
[281]

Doch dort am Flügel das Junkerlein,

Sieht's nicht, als ob es schiele, drein?

Der Zöllner kann's nicht genau ersehn,

Drum mag er nur ganz schüchtern flehn:

»Schön Herrlein, meinen Pfennig!«


Der Junker schlägt ihm die Gert' ins Gesicht

Und stottert im Zorn: Betrunkner Wicht!

Der Zöllner doch hörte genau zur Frist,

Daß das Herrlein auch ein Stammler ist:

»Drum noch den zweiten Pfennig!«


Und in die Zügel greift er dem Pferd,

Das scheut und wirft den Reiter zur Erd',

Im Fallen entfleucht Hut, Haar und Schopf,

Der Zöllner erschaut den kahlen Kopf:

»Und aber einen Pfennig!«


Das Pferd reißt aus und sprengt feldein,

Der Mähre nach das Junkerlein,

Doch schleppt's ein hinkendes Bein gar schwer,

Drum keucht der Zöllner hinterher:

»Und wieder einen Pfennig!«


Jetzt hält er den Reitermantel fest,

Den ihm in den Händen der Flüchtige läßt;

Des Zöllners Auge sogleich entdeckt

Den Höcker, nicht mehr vom Mantel versteckt:

»Und aber einen Pfennig!«


Was weiter geschah mit dem Junkerlein?

Vielleicht noch sitzt es am Straßenrain,

Und denkt und spricht dem Wandrer zur Lehr':

»Wie leicht ich ein schöner Junker noch wär'!

Freund, zahle deinen Pfennig!«

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 1, Berlin 1907, S. 280-282.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte
Sämtliche Werke 2: Gedichte. Hg. von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]
Sämtliche Werke 4: Jugendgedichte. Gedichte früherer und späterer Zeit. Ungedruckte Gedichte. Hg. von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Liebelei. Schauspiel in drei Akten

Liebelei. Schauspiel in drei Akten

Die beiden betuchten Wiener Studenten Theodor und Fritz hegen klare Absichten, als sie mit Mizi und Christine einen Abend bei Kerzenlicht und Klaviermusik inszenieren. »Der Augenblich ist die einzige Ewigkeit, die wir verstehen können, die einzige, die uns gehört.« Das 1895 uraufgeführte Schauspiel ist Schnitzlers erster und größter Bühnenerfolg.

50 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon