Fels im Strom

[263] Die Elbe fließt so still, so glatt,

Die Sonne scheint so helle,

Kein Lüftchen weht, es bebt kein Blatt,

Es regt sich keine Welle.

So liegt das Land seit Wochen schier

In Sonnengluth und Ruhe,

Doch ist's, als läg' ein Leichnam hier

In einer gold'nen Truhe.


Der Brunn versiegt, der Strom verrinnt,

Daß seine Spiegel sinken,

Doch wie das Wasser fällt, beginnt

Gestein empor zu blinken,

Als Eiland steigt's, zum Fels versteint,

Drauf alte Schrift zu schauen:

»Wer einst mich sah, der hat geweint«

Solch Wort ist d'rein gehauen.


»Ei, hast so kläglich du's gemeint,

Wir wollen's lust'ger machen;

Wer einst dich sah, der hat geweint,

Wir sehn dich jetzt und lachen![264]

Versiegt der Brunn, so quillt doch frisch

Ein edles Naß im Keller;

Du Felsen trag' als Freudentisch

Mir Flaschenkorb und Teller!«


Der Landesfürst im Uebermuth

Er sprach's und rief zum Feste;

Zum Felsen mitten in der Fluth

Wiegt schon sein Kahn die Gäste.

Der Becher schäumt, die Schüssel dampft,

Musik ertönt im Runde,

Daß üpp'ger Tanz den Boden stampft

Wohl bis zur Morgenstunde.


Noch fiel der Strom, fällt fort und fort

Der Fels wächst mittlerweile,

Und sichtbar unter jenem Wort

Wird eine zweite Zeile.

Die Schaar, zur Heimfahrt jetzt vereint,

Mag's lesen auf den Steinen:

»Wer einst mich sah, der hat geweint,

Wer jetzt mich sieht, wird weinen.«


Sie lassen an das Ufer sacht

Den schmucken Nachen gleiten;

Wie sie zum ersten Wort gelacht,

So lachen sie zum zweiten:

»Als Pred'ger kamst du schon zu spät,

Dein Sprüchlein halt' in Ehren;

Laß sehn, ob du dich als Prophet

Wohl besser magst bewähren.«
[265]

Der Strom doch fließt so still, so glatt,

Die Sonne scheint so helle,

Kein Lüftchen weht, es bebt kein Blatt,

Es regt sich keine Welle. –

Solch Stillestehn ist schlimm'rer Sturm,

Solch Ruh'n ist langsam Sterben,

Der Friede wird zum Nagewurm,

Der Glanz wird zum Verderben.


Die Sonne liegt, ein Gluthvampyr,

Schwer auf der Brust der Erde,

Saugt ihrer Ströme Blut mit Gier,

Verschlingt ihr Saat und Heerde;

Der Hochwald sieht in Kümmerniß

Vom Haupt die Locken fallen,

Die Trift zerbarst, als sei's ein Riß

Von jenen Feuerkrallen.


Gerippen gleich starrt Busch und Dorn,

Den keine Regen streiften;

Vom Baum die Frucht, vom Halm das Korn,

Sie fallen, eh' sie reiften.

Der Hunger zieht durch Stadt und Land

Und sein Gefolg', die Seuchen,

Daß durch die Fluren kahlgebrannt

Nur Noth und Jammer schleichen.


Gedeihn nur will ein einzig Naß

Am Südhang in den Reben,

Doch wird ein böser Tropfen das,

Wird Gift statt Labung geben;[266]

Das grimme Feuer, das ihn kocht,

Fließt in die Menschenader;

Daß Hunger noch als Tollwuth pocht,

Daß Zorn entbrennt und Hader.


Der Aufruhr stürmt ans Fürstenthor;

Zwar weiß der Held zu siegen,

Doch will ein and'rer dunkler Flor

Ihm nicht vom Auge fliegen:

Des Volkes Elend unerreicht,

Wo einst so reicher Segen!

Da wird des Fürsten Auge feucht,

Das war der erste Regen.


Wohl folgt dem auch der and're nach,

Sanft thauend aus der Wolke;

Es grünt der Wald, es rauscht der Bach,

Und Glück erblüht im Volke.

Doch ob die Wasser Schrift und Stein

Längst überquollen haben,

Das Felsenwort blieb fest und rein

Ins Fürstenherz gegraben.


Und fließt so glatt der Zeiten Fluth,

So still als ob sie schliefe,

Doch weiß er: das Verhängniß ruht

In seiner dunklen Tiefe.

Weh, wenn die Zeichen, die er meint,

Am Licht des Tags erscheinen!

Wer sie schon sah, der hat geweint,

Wer einst sie sieht, wird weinen.

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke, Band 1–4, Band 2, Berlin 1907, S. 263-267.
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