12.

[114] Schuttfreie Lampe, sieh, wie dich mit Funkeln

Des Lichtes, deines Vaters Augen grüßen,

Seit dich aus tausendjähr'gem Kerkerdunkeln

Die Schaufel seiner Feindin Nacht entrissen!


Erfüllt hast du den Lichtberuf, den edeln,

Noch kündet's deiner Mündung Kohlenfarbe;

Sie steht dir gut, wie bleichen Kriegerschädeln

Des alten Schlachtfelds tiefe Ehrennarbe.


Ob einst dein Licht am Bett der Liebe blinkte?

Da warst du in der Nächte Ozeane

Ein Schifflein, dem vom Borde fächelnd winkte

Zum Liebeshafen deine Flamm' als Fahne.


Ob einst dein Strahlenschrein vielleicht geschimmert

Als Phöbuswagen durch die Nacht des Weisen,

Deß Herz, von Menschenelend tief bekümmert,

Nachforscht des Glückes lichten, sel'gen Gleisen?


Da warst das Frühroth du, an dessen Wärme

Des Geistes Rosen blühend ausgegangen,

Um dessen Strahlenkern, wie Lerchenschwärme,

Gedanken ihre jungen Flügel schwangen.


Die Rosen werden Kränze, die auf Erden

Der alten Götter Tempel reich umschlingen;

Die Lerchen aber, Flügelbarden, werden

Der alten Götter Preis am Himmel singen
[115]

So sann und nickt' einst ein am Tisch von Steine

Des Weisen Haupt, als wenn's noch prüfen werde,

Ob selbst es nun, ob jener kälter scheine?

Noch rollt, des alten Elends voll, die Erde!


Ein Andrer kam; und wieder, Lampe, zittert

Dein Strahlenschrein am Tische eines Weisen,

Deß Herz, vom Menschenelend tief erschüttert,

Nachforscht des Glückes lichten, sel'gen Gleisen.


Da warst du eines Scheiterhaufens Lohe,

Drein warf die alten, heitren Götter alle,

Wie dürres Reisig, der Zerstörungsfrohe,

Daß ganz in Staub und Asch' ihr Glanz zerfalle!


Und lächelnd schaut' ins Prasseln er der Flamme,

Bis einst er selbst am grausen Opferheerde

Hinglitt, wie dürres Reis vom Lebensstamme!

Fortrollt, des alten Elends voll, die Erde!


Ein Andrer kam; und wieder, Lampe, schimmert

Hehr dein Gedankenpharus einem Weisen,

Deß Herz, vom Menschenelend tief bekümmert,

Nachforscht des Glückes lichten, sel'gen Gleisen.


Da wardst die Glorie du, von der umfangen

Glanzvoll vor ihm das Christuskreuz jetzt ragte,

In deren Strahl versunkne Gräber sprangen,

Und weithin das Gefild der Zeiten tagte!


Sein Antlitz blieb, nun sich das Aug' geschlossen,

Als ob der Tod ihm zur Verklärung werde,

Von einer lichten Glorie selbst umflossen!

Noch rollt, des alten Elends voll, die Erde!
[116]

Die Lampe steht, Pompeji's Schutt entstiegen,

Jetzt wieder auf dem Tische eines Weisen,

Deß Geist auf des Papyrus welken Zügen

Nachschleicht der Ahnen fernen, lichten Gleisen.


Ein Lenz, zweitausend Jahr' im Grab vergessen,

Als ries'ger Rosenphönix leuchtend, schreitet

Aus des Papyrus Kohlen ihm, – indessen

Sein eigner Lenz vor'm Thor vorübergleitet!


Mann, füll' mit Oel die Lampe, daß sie heiter

Zum Tempeldienst des Lichts entzündet werde,

Und sinne du das alte Räthsel weiter!

Noch rollt, des alten Elends voll, die Erde.

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke,Band 1–4, Band 3, Berlin 1907, S. 114-117.
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Sämtliche Werke 6: Schutt. Hg. von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]
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