13.

[25] »Ich schaute Bilder einst von Sudlerhänden,

Da hatten Mond und Sonne Mund und Nasen,

Da sah den Sturm ich hinter Wolkenwänden

Als wind'gen Jungen volle Backen blasen.


Ein übler Maler ist der Schmerz, gleich ihnen,

Denn, blick' ich auf aus diesen Finsternissen,

Seh' ich nur fromme, heil'ge Menschenmienen

Als Sterne, Sonn' und Mond vom Himmel grüßen.


O Menschenantlitz, wundervoller Spiegel,

Vom lauen Hauch der Gottheit leis umflossen!

Du heilig Buch, in dessen Purpursiegel

Des Himmels ew'ge Räthsel tief verschlossen!


Dein Antlitz nur blieb mir, mein Kerkermeister!

Doch ist der Spiegel unpolirt befunden,

Das schöne Buch verklebt mit schnödem Kleister

Und, ach, in Fell unsaub'ren Thiers gebunden.


Und dennoch, was verloren ich mit Beben,

Ich les' es drin, in altem Glanze tagend!

All', was ein Antlitz nur vermag zu geben,

Gibt deines mir, wenn Alles gleich versagend!
[26]

Wie, als der Lava schwarze Krusten sprangen,

Das heitre Bild des Liebesgotts draus blickte,

So find' im Furchenschutte deiner Wangen

Das Lächeln ich, deß Glanz mich einst entzückte.


Die Wolken deiner Stirne müssen sinken,

Ich lasse reinen, lichten Himmel tagen,

Drauf der Gedanken Stern' und Sonnen blinken,

Und kühn gewalt'ge Regenbogen schlagen.


Die Augen dein, im Zauberschlaf seit Jahren

Zween Bären gleich in busch'ger Höhle sitzend

Den Bann lös' ich! Sie werden, was sie waren:

Zwei Königskinder, in Demanten blitzend!


Dein Mund, versperrt wie dieses Kerkers Pforte,

Er thut sich auf nun als Triumphesbogen,

Draus die geharn'schten Sieger: Ernstesworte,

Bekränzte Jungfraun: Liebesworte wogen.


Dein Busen, klanglos, wie die dürre Scholle,

Wölbt sich zum Dom voll süßer Liedertöne;

Aus deines Leibs formloser Felsenrolle

Entsteigt der delph'sche Gott in ew'ger Schöne!


Selbst deiner eh'rnen Hand kann ich nicht zürnen,

Wenn sie die Fesseln prüft, ob sie nicht weichen;

Ich seh' sie Kron' und Lorber würd'gen Stirnen

Und mild ein labend Brod der Armut reichen.
[27]

Du finstrer Schließer dieser ird'schen Hölle,

Wie jauchzt mein Herz bei deiner Schlüssel Klingen!

Du bist Sankt Peter mir, vor dem zur Stelle

Weitauf die Pforten meines Himmels springen!


O bleib', daß dir ins Antlitz still ich schaue,

Mein durstig Aug' am Quell des deinen labe,

Daß aus den Trümmern ich den Tempel baue

Und aus dem Schutte meine Götter grabe.«


Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke,Band 1–4, Band 3, Berlin 1907, S. 25-28.
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Schutt
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