1.

[39] Ihr fragt mich lächelnd, ob ich Glaser worden,

Die Zunft ertauscht um freien Dichterorden,

Daß ich mit so gebrechlich zarter Waare

In das Gedräng' des Dichtermarktes fahre?


Erlaubt, daß ich das blanke Glas euch deute,

Ihr war't mir milde stets, o seid's auch heute;

Wie schad', wenn Einer aus der Hand mir's stieße,

Und euch's in Scherben fiele vor die Füße!


Seht dort des Klosters morsche Mauerzinken

Verschämt und halb versteckt aus Föhren blinken.

Ha, welch lebend'ges Leben rings sich regte,

Als einst der erste Abt den Grundstein legte!


Aus Kronen brachen Kön'ge da Juwele,

Daß es an Steinen für den Bau nicht fehle;

Es lösten Frau'n die güldnen Kettlein wieder,

Um fest zu binden des Kolosses Glieder.
[39]

Alltäglich stand mit früh'ster Morgenhelle

Der Abt, den Bau befeuernd, schon zur Stelle

Mit strengem Worte und mit mildem Weine,

Daß man mit Fug aus Wein den Mörtel meine.


Da schlich einst still ein Bettler um die Wände

Und brachte scheu ein Pfennigstück als Spende:

»Herr, laßt dieß Sandkorn eurem Bau gesellen,

Nur karger Trank quillt aus versiegten Quellen.«


Es sprach der Abt: »Schön Dank und Christi Gnade!

Das gibt für's Fenster dort die Scheibe grade!«

Da ging der Schalk und wünscht' in seiner Seele,

Daß es dem Hause nie an Lichte fehle.


Doch, von des Abtes Demantring geschrieben,

Ist in der Scheibe noch der Spruch geblieben:

»Aus eines Bettelsackes Finsternissen

Seht hier das Licht und Gold der Sonne fließen!«


Und rüstig aus dem blanken Mauerwalle

Stieg Kuppel, Kreuzgang, Thurm und Säulenhalle;

Hoch ragt der Bau und dehnt sich weit und weiter

Als feste Schanze für die Glaubensstreiter.


Zum Bannerträger sie den Thurm erkiesen,

Hoch flammt das Goldkreuz in der Hand des Riesen;

Gleich tausend goldnen Schilden glühn vom Hügel

Weithin ins Land der Fenster lichte Spiegel.


Als eine Wache, stolz und auserkoren,

Stehn hohe Marmorbilder vor den Thoren;

Nie lüstet's sie, in Schlummer sich zu neigen,

Denn Wächterpflicht ist Wachen ja und Schweigen.
[40]

Es braus't aus hundert Kehlen um die Wette

Empor als Schlachtgesang Choral und Mette;

Als Trommeln laut zum Sturm die Kanzeln klingen,

Drauf rüst'ge Schlägel ihre Wirbel springen.


Und horch, sie lösen dröhnend ihr Geschütze:

Die Glocken sind's auf luft'gem Wolkensitze!

Wenn ihre Donner durch den Aether zittern,

Scheint's selbst bei heit'rem Himmel zu gewittern.


So war es einst! – Jetzt sehn die grauen Reste

Scheu auf des sonn'gen Thales Blüthenfeste,

Wie wenn ein Greis gerieth in Kinderspiele,

Ein düstrer Eremit ins Tanzgewühle.


Durch jenen Riß der Kuppel, halbzerfallen,

Drängt Mond und Stern sich in des Domes Hallen,

Als sei'n zu stiller Andacht sie gekommen,

Zu mehren dort die kleine Schaar der Frommen.


Ich seh' den Thurm, gesenkten Haupts mit Schweigen,

Den stolzen Leib gekrümmt in Demut neigen;

Hat ihm des Alters Last gebeugt den Rücken?

Will neuer Zeit er seinen Bückling nicken?


Warf Sturm die ries'gen Quadern auch zu Trümmern,

Seh' ich des Bettlers schwaches Glas doch schimmern,

Als ob, was fromm des Herzens Andacht weihte,

Selbst die Zerstörung zu berühren scheute!


Am Sternenkranz, Madonnas Bild umschwebend,

Seht eines Taubenpärchens Nest jetzt klebend,

Als rief es girrend zu dem Erdensohne,

Daß Liebe gerne bei den Sternen wohne!
[41]

Sankt Peters Bild ließ seine Schlüssel fallen,

Als stünde Edens Thor nun offen Allen;

Sie sanken in die scharfen Nesseln nieder:

Nur Handschuh oder Eisen hebt sie wieder!


Auf schmalen Raum im weiten Bau beschieden

Sich jetzt des Glaubensstreites Invaliden,

Als flöhen sie vor der Zerstörung Tritten;

Rasch aber folgt die Sieg'rin ihren Schritten!


Und wie der Arm der Zeit die Pfeiler schüttelt

Und an den Kuppeln und Gewölben rüttelt,

Dröhnt dumpf der Fall der Steine durch die Hallen,

Wie des Verfolgers ferne Schüsse fallen.


Der Zellen und des Kreuzgangs öde Massen

Sind längst dem Feind als Beute überlassen,

Drin Eul' und Fledermaus ihr Lager breiten,

Vorposten des Vertilgungsheers der Zeiten.


Manch Marmorbild in Gras und Rosensträuchen

Versenkt, gleich unbegrab'nen Kriegerleichen!

Wie vom erklomm'nen Wall, weht vom Altane

Das grüne Moos als Siegs- und Friedensfahne!


So liegt ein kranker Greis im Todesbeben,

Durchs Herz allein noch zuckt ein Fünkchen Leben;

Die Seele ahnt's, es spricht's sein brechend Auge,

Daß er der Welt, und sie ihm nimmer tauge.


Tritt hin, mein Lied, – wir kämpfen nicht mit Leichen! –

An seines Mundes Hauch dein Licht zu reichen!

Verwandl' in Epheu dich und fröhlich treibe

Zur Wand empor bis an des Bettlers Scheibe!
[42]

Wirf einen Blick hinein, dann lustig weiter!

Und schleud're deine Festguirlanden heiter,

Daß ihr Gewind' von Säul' an Säule reiche,

Ein weicher Kranz den Schläfen dieser Leiche.


Ich aber singe durch die deutschen Gauen,

Wo rüst'ge Meister stolze Dome bauen;

Nehmt hin mein Lied, und laßt es euch gefallen

Als eine Scheib' in deutschen Dichterhallen!

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke,Band 1–4, Band 3, Berlin 1907, S. 39-43.
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Sämtliche Werke 6: Schutt. Hg. von Anton Schlossar [Reprint der Originalausgabe von 1906]
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